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Kolumne Winnemuth: Der Satan in mir

Ja, Rosen sind ein Fehlgriff der Schöpfung, gelbe erst recht, und die war auch noch rachsüchtig. Und trotzdem: Woher diese Mordlust?

Von Meike Winnemuth

Eine gelbe Heckenrose wird mit einer Gartenschere abgeschnitten

Gelbe Rosen? Bleiben Sie Meike Winnemuth bloß weg damit.

An meinen Händen klebt Blut. Ich habe gemordet. Gott, wenn ich gewusst hätte, wie schwer es ist, ein Lebewesen umzubringen, dann … Aber von vorn: Zwischen meiner Haustür und der Gartenpforte steht eine mannshohe gelbe Rose mit vielen Stacheln. Die stand schon da, als ich vor einem Jahr mein Holzhäuschen übernahm, und jedes, wirklich jedes Mal, wenn ich an ihr vorbeiging, habe ich mir an den Stacheln den Arm geratscht. Ich habe sie zurückgeschnitten – immer noch geratscht. Sie hochgebunden – ratsch. Mich an der Hauswand entlanggedrückt – ratsch. Es gibt keine logische Erklärung dafür.

Meine Theorie ist: Die Rose weiß genau, dass ich Rosen nicht mag und gelbe schon gar nicht, und schlägt deshalb in ihrer Ungeliebtheit um sich. Was meine Abneigung gegen diese missgünstigen, permaschlecht gelaunten Bitches des Pflanzenreichs nicht wirklich kuriert. Mal ehrlich: gelbe Rosen! Gott muss einen ausgesprochen miesen Tag gehabt haben, als er die machte, vermutlich am Freitag kurz vor Feierabend, alle anderen waren schon am See, nur er war noch im Büro und musste schnell was raushauen. Da passiert so was schon mal, gelbe Rosen und Mücken und Ohrenschmerzen und ... nee, das führt jetzt zu weit.

Weg ist die anfängliche Ehrfurcht

Heute dachte ich also: Ein Jahr ratschen sollte genügen, ich habe meine Pflicht erfüllt, die Rose kann weg. Es ist – hatte ich das erwähnt? – das erste Häuschen, der erste Garten meines Lebens. Am Anfang von allem hat man ja immer eine heilige Ehrfurcht vor was auch immer man da gerade anfängt. Das gibt sich. Neue Liebe, neuer Job, neues Auto, erster Garten: Man nähert sich dem Neuen auf Knien, doch spätestens nach einem Jahr beginnt die Wurschtigkeit. Und eine gewisse nonchalante Brutalität. Ich gehe inzwischen bei Einbruch der Dämmerung mit einem ausgedienten stumpfen Fleischmesser durch die Beete und zersäbele pfeifend Spanische Wegschnecken.

Das hätte ich vor einem Jahr nie von mir gedacht, dass etwas so Friedvolles wie Gartenarbeit dieses Satanische in mir weckt. Mit derselben sorglosen Niedertracht habe ich einem Baggerfahrer, der in der Nachbarschaft zu tun hatte, ein Scheinchen zugesteckt, damit er die alte Krüppelkiefer, die sich durch meinen Vorgarten wälzte, raushebelt und entsorgt. Einfach so. Ein Lebewesen, das allein schon qua Senioritätsprinzip – schließlich war die Kiefer geschätzte 30 Jahre länger vor Ort als ich – alles Recht gehabt hätte, mich entsorgen zu lassen, ließ ich heimtückisch von einem Auftragskiller meucheln. Bloß um stattdessen Schneeball-Hortensien, Storchschnabel und Wildtulpen zu pflanzen. Das geht bei keinem Gericht als Motiv durch.

Noch nie eigenhändig getötet

Und nun die Rose. Komisch, dass man bei immer so sentimental wird, nicht? Bereits während ich die stachelsichere Öljacke und die schweren Lederhandschuhe anzog, fragte ich mich: Ist es nicht ein Sakrileg, die einfach so rauszureißen? Könnte ich sie nicht zumindest zur Adoption freigeben? Vielleicht will sie ja noch irgendwer haben. Nee, nicht dieses halb verkahlte Monster. Also erst die Gartenschere angesetzt, dann die Astschere meines Nachbarn, dann die Säge – und je tiefer ich schnitt, desto mieser fühlte ich mich. Vor diesem Garten habe ich (bis auf Mücken) noch nie was eigenhändig getötet. Jetzt tue ich es ständig. Und so was gilt als Hobby.

Das Blut an meinen Händen war selbstverständlich mein eigenes. Das verdammte Miststück hat es geschafft, mir trotz Handschuhen im Abgang noch einen mitzugeben. Nur fair.

Jetzt ist da keine Rose mehr, sondern nur noch Leere. Was habe ich sie gehasst. Wie werde ich sie vermissen.

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