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stern-Kolumne Winnemuth: Du bist, was du tust

Und darum ist es so wichtig, mal Urlaub von der Routine zu nehmen. Neues auszuprobieren. Sich der Optionen zu erinnern, die man hat.

Von Meike Winnemuth

Hotelklingel und Schlüssel im Vintage-Look

Bei ihrem Ausbruch aus dem Alltag übernachtet Meike Winnemuth im Hotel - 278 Meter von ihrer Wohnung entfernt

Als Erstes nehme ich den Ring ab, den ich seit Jahren am linken Zeigefinger trage. Dann trinke ich unter der heißen Dusche ein eiskaltes alkoholfreies Holsten aus der Flasche. Es ist das beste Bier seit – Gott, vermutlich seit immer. Trotz Alkoholfreiheit. Dann putze ich mir die Zähne mit der linken Hand. Gar nicht so leicht, auch nur den Mund zu treffen, verdammt. Zur Belohnung verpasse ich mir ein schickes Abend-Makeup. Schon jetzt würde ich sagen: Ein gelungener Tag, und dabei ist es erst kurz vor 9 Uhr.


Die Sache ist die: Ich langweile mich gelegentlich. Wie vermutlich jeder. Ist ja alles gut, wie es ist, aber … Aber. An solchen Tagen hilft nur eins: sich selbst einen Urlaub von der Routine zu gönnen und alles anders zu machen als sonst. Alles, im Großen wie im Kleinen. Was anziehen, was man sonst nie trägt, sich auf die andere Seite des Schreibtisches setzen, den Tee trinken, den man sich sonst nur am Nachmittag braut – winzige Verschiebungen, Irritationen, Perspektivwechsel.

"Ich trinke nie Kaffee, niemals"

Mittags treffe ich mich mit einem Freund zum Essen und sage ihm: Bestell bitte für mich, ich esse, was du willst.“ Er wundert sich nicht sehr (Leute, die mich kennen, wundern sich nie sehr) und ordert mir einen Nizzasalat. Perfekt. Guter Nizzasalat, ich selbst hätte wahrscheinlich nur wieder dieselbe Suppe bestellt, die ich immer in diesem Restaurant esse. Hinterher lässt er mir einen Espresso kommen. Jessas. Ich trinke nie Kaffee, niemals, ich mag den Geschmack einfach nicht. Heute trinke ich einen Espresso. Mit viel Zucker, aber immerhin. Gar nicht schlecht, so ein Espresso. Ich gebe der Kellnerin 20 Euro Trinkgeld. Exorbitant, aber warum soll nur mein Tag anders sein als sonst?


Du bist, was du tust, glaube ich. Man ist die Summe der eigenen Entscheidungen und Gewohnheiten und Routinen. Aber eben nicht nur. Man ist auch die Summe seiner Möglichkeiten. Die sind nicht unendlich, oft sind sie durch einmal getroffene Lebensentscheidungen begrenzt, Entscheidungen für den Mann/das Kind/ den Job/das Haus. Oft aber nimmt man sich auch die Freiheit durch den schlichten Denkfehler „Das geht doch nicht/das macht man nicht/das hamwa doch noch nie so gemacht.“ Immer wenn man sich von seinem eigenen Leben eingeknastet fühlt, ist es hilfreich, sich an all die Optionen zu erinnern, die man tatsächlich hat. Dann ist es Zeit, mit dem eigenen Leben zu spielen, und sei es nur für einen Tag. Dann muss man Ferien vom Ich machen.

Zwei Reclam-Heftchen fürs Hotel

Nach dem Mittagessen gehe ich durch eine Straße, die ich sonst nie nehme, passiere ein Hotel, das ich nicht kenne, und beschließe: Heute Nacht gehe ich ins Hotel. Zu Hause buche ich ein Zimmer, laut Booking-App 278 Meter von meiner Wohnung entfernt, und packe einen Schlafanzug ein. Auf dem Weg ins Hotel kaufe ich zwei Reclam-Heftchen, Rilke und Emily Dickinson, ich lese sonst nie Gedichte. Die Rezeptionistin lacht, als sie von meinem Tag hört, und gibt mir ein Upgrade.

Ein Club-Sandwich mit Pommes frites im Bademantel, zwei Folgen „Simpsons“ vom Bett aus (ich habe allen Ernstes noch nie „Die Simpsons“ geguckt – ja, ich weiß, und nein, ich verstehe es auch nicht) und dann Rilke: „Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge/und keine Heimat haben in der Zeit.“ Und Dickinson: „Die Hoffnung ist das Federding.“ Und irgendwann einschlafen, früher als sonst und glücklicher. Ich las neulich vom Konzept des „Ethischen Imperativs“ des Physikers Heinz von Foerster. „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird“, die der anderen und die eigenen, so verstehe ich das. Manchmal reicht es aber auch schon, so zu handeln, dass man sich über die Anzahl der Wahlmöglichkeiten überhaupt im Klaren ist.

Die Kolume

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern.

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