VG-Wort Pixel

DFB-Elf besiegt Österreich Sieg der Routine


Beim 3:0 gegen Österreich demonstriert die deutsche Nationalmannschaft, dass sie mittlerweile Kontrahenten der zweiten Garnitur im Auto-Pilot-Modus beherrscht.
Von Mathias Schneider, München

Der Capitano hat seinen Blumenstrauß dann tatsächlich entgegen genommen, große Momente seiner Laufbahn flimmerten zu monumentaler Musik noch einmal über die mächtige Anzeigetafeln der prall gefüllten Allianz-Arena, doch es wollte einfach keine rechte Stimmung aufkommen, was ja zu befürchten war. Selbst den treuesten Fans der deutschen Nationalmannschaft steht dieser Tage nur noch bedingt der Sinn nach Ehrungen, zumal die Karriere des Michael Ballack nicht erst gestern mit mächtigen Getöse zu Ende gegangen ist. Selbst sein Abschiedsspiel liegt schon wieder Wochen zurück.

Doch dem Deutschen Fußball-Bund war es nun einmal ein Anliegen, auch offiziell zu dokumentieren, dass nun Frieden eingekehrt ist im Fall Ballack versus Lahm versus Löw versus DFB. Also hat Ballack ihnen den Gefallen getan und ist dann auch erschienen. "Es war eine phantastische Zeit, die zwölf Jahre Nationalmannschaft, es war immer etwas Besonderes", sprach er also routiniert ins Mikrofon, erntete allerdings nur einen kurzen, sehr routinierten Applaus, auch wenn sich der Stadionsprecher noch so mühte, das Ereignis mit Pathos aufzuladen.

Wie ein entspannter Tag im Büro

Was nicht heißt, dass das Zeremoniell nicht zum gesamten Abendprogramm passte, ganz im Gegenteil. Nach großen Emotionen und Gesten suchte man bis zum letzten Programmpunkt, der Pressekonferenz, vergeblich. Als Joachim Löw dort nach der Partie gegen Österreich erschien, gab sein Gesicht keinen Aufschluss über die Leistung seiner Mannschaft. Löw blickte, ja, wie eigentlich? Ungerührt? Gelangweilt? Pflichtschuldig? Von allem ein bisschen wohl. 3:0 gegen Österreich. Freude kommt da nicht mehr auf. Löws Elf macht aus WM-Qualifikationsspielen mittlerweile entspannte, aber auch gewöhnliche Tage im Büro.

Nachdem Miroslav Klose in der 33. Minute zum 1:0 getroffen und damit Gerd Müllers 68 Tore an der Spitze der ewigen Torjägerliste egalisiert hatte (was er, oh Wunder, ohne große Ergriffenheit zur Kenntnis nahm), war die Partie praktisch entschieden. "Wir wollten in den 90 Minuten dem Gegner gar nicht erst das Gefühl geben, dass er auf Augenhöhe ist", konstatierte Löw.

Toni Kroos als Einmann-Scharnier

Seine Männer ließen denn auch wenig anbrennen, sieht man von kleineren Päuschen nach den beiden erzielten Toren ab, die es den dann aber doch eher biederen Gästen gestatteten, ein bisschen Scheingefahr für den dankbaren eigenen Anhang im Oberrang zu verbreiten. Über weite Strecken funktionierte die deutsche Vorwärtsverteidigung allerdings ordentlich, die Elf stand zunächst als Elf-Mann-Block tief in des Gegners Feld.

In der Innenverteidigung durften diesmal der solide Mertesacker und der trotz einer starken Vorsaison seltsam fahrige Boateng ihren Dienst verrichten. Dortmunds Mats Hummels, von Löw nach dem 3:3 gegen Paraguay, wenn auch nicht namentlich genannt, so doch nur leicht verschlüsselt getadelt, rotierte aus der Stammelf. Als pädagogische Maßnahme ist das mindestens zu werten, zu viele Böcke hatte sich Hummels zuletzt geleistet. Dass er in der Analyse die Schuldfrage bisweilen eher beim Kollektiv sah, missfiel dem Bundestrainer überdies.

Am Ende fiel die Rochade im Herzen der Defensive nicht wirklich ins Gewicht. Zu groß war die Übermacht im Mittelfeld, wo der Münchner Toni Kroos zum besten Mann auf dem Platz avancierte, nicht nur, weil er zum 2:0 mit prächtigem Distanzschuss einschoss. Nach Schweinsteigers Ausfall verzichtete Löw auf einen zweiten Sechser neben Khedira und ließ Kroos versetzt vor Khedira zwischen Defensive und Offensive ein schon mehrmals bewährtes Einmann-Scharnier bilden. Kroos dankte es ihm mit feinen Zuspielen, wie jenem vor dem 3:0 (Müller) in die Spitze. Özil, Reus und Müller ließen bewährt den Ball rotieren, Herausragendes ließen sie sich diesmal nicht abverlangen.

Teambuilding im Nordatlantik

So groß ist die Substanz dieser Elf, dass sie selbst im Auto-Pilot-Modus mit ihrer Ballzirkulation, durchbrochen von plötzlichen Tempowechseln, Nationen aus dem zweiten Glied vor unlösbare Probleme stellt. "Ich hatte draußen das Gefühl, dass sie immer noch einen Zacken hätten zulegen können", erklärte Österreichs Schweizer Trainer Marcel Koller ohne große Enttäuschung.

So drängt sich tatsächlich bisweilen der Eindruck auf, dass sich diese Deutsche Elf ein bisschen durch diese WM-Qualifikation langweilt. Spiele wie am Freitag muten wie Testspiele an vor dem großen Ziel Brasilien. Bis dahin soll die Elf so weit zusammengewachsen sein, dass sie 90 Minuten als Kollektiv funktioniert. Wohl auch zu diesem Zwecke steht nun als Teambuilding-Maßnahme die Reise auf eine abgelegene Inselgruppe im Nordatlantik an. Bei den Nachfahren der Wikinger sollen Löws Männer lernen, sich auch bei widrigsten Bedingungen wie Regen und heftigen Böen zu behaupten. Sozusagen als Gegenprogramm zur tropischen Hitze am Zuckerhut.

Ein bisschen Fußball werden sie am Dienstagabend auch spielen, um nicht ganz aus dem Rhythmus zu geraten. WM-Qualifikation, Färöer, steht dann an. Man spricht da wohl vom Härtetest.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker