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stern-Kolumne Winnemuth Mach. Das. Jetzt!


Das Leben könnte so einfach sein, wenn es nicht so kompliziert wäre. Da hilft die Zwei-Minuten-Regel: sofort erledigen, was sofort zu erledigen ist.
Von Meike Winnemuth

Wie fast jeder Mensch versuche ich die Dinge einigermaßen geregelt zu kriegen, und wie absolut jeder Mensch bin ich davon überzeugt, dass fast alle das besser schaffen als ich. Deshalb gucke ich rasend gern sogenannte Life-Hack-Videos, in denen demonstriert wird, wie man ein T-Shirt in zwei Sekunden faltet (ich habe gerade 20 Minuten mit Videogucken zugebracht und kann es immer noch nicht), wie man Kartoffelchips als Grillanzünder benutzt und eine Mango mit einem Glas schält, wie man einen Hamburger so hält, dass nichts rauskleckert, und welche erstaunlichen Einsatzmöglichkeiten es für Klopapierrollen und Paketklebeband gibt.

Genauso gern lese ich Maximen älterer Menschen aus der Abteilung „Was ich im Leben gelernt habe“. Dass man sich nicht mit Vergangenem aufhalten, andere um Hilfe bitten, im Zweifel lieber die Klappe halten soll, so ’n Zeug halt. Carpe diem, ruf mal deine Mutter an, zähl bis zehn, bevor du was Blödes sagst. Kennt man.

Ein winziger Schritt bis zum guten Leben

Ungefähr ein Prozent dessen, was ich an solchen Lebens- und Haushaltstipps aufschnappe, behalte ich, ich bin in dieser (und nicht nur in dieser) Hinsicht wie ein Blauwal, der Tonnen von Meerwasser für ein paar Gramm Plankton schluckt. Ich lese das in etwa der Art, wie ich Kochsendungen schaue: doll, was man alles machen könnte und wie viel schöner das Leben wäre, wenn man es tatsächlich täte.

Wichtig ist aber, es auf keinen Fall zu tun: Es ist ein wohliges Gefühl, zu glauben, dass man nur einen winzigen Schritt vom guten Leben entfernt ist, und tausendmal besser, als herauszufinden, dass man nach Befolgen aller klugen Ratschläge der Welt dann doch nicht ein Gramm mehr Glückseligkeit im Leib hat.

Aber liebe Frau Winnemuth, altes Haus, mögen Sie jetzt einwenden, das kann doch nicht sein, auch Sie in Ihrer unermesslichen Weisheit müssen doch Lebensregeln und Erkenntnisse haben, die Ihr kleines unperfektes Leben zusammenhalten wie Paketklebeband?

Habe ich. Die Zwei-Minuten-Regel. Die geht so: Alles, was sich in zwei Minuten erledigen lässt, wird sofort erledigt. Die Regel stammt ursprünglich vom Zeitmanagementpapst David Allen, der zu Recht argumentiert, dass es bei vielen Dingen länger dauert, sie auf eine To-do-Liste zu schreiben, als sie einfach zu machen und so aus dem Weg zu schaffen. Jeder unerledigte Kleinkram ist wie ein Kieselsteinchen, in Windeseile wird ein Geröllhaufen draus. Die Zwei-Minuten-Regel ist psychologisches Gold, sie beschert einem lauter kleine Erfolgserlebnisse.

Heldentaten im Halbkoma

Es beginnt mit dem Bettenmachen am Morgen (das grandiose Gefühl, schon mal was geschafft zu haben, bevor man überhaupt richtig wach ist, eine zivilisatorische Heldentat im Halbkoma), geht weiter mit dem sofortigen Abspülen benutzter Teller und mit dem sofortigen Zurückpacken von Dingen dahin, wo sie hingehören. Ich bin ein manischer Zurückpacker: Jedes Ding hat einen Platz. Nicht zwei. Und wenn man ein Ding oft an zwei Plätzen braucht, hat man besser zwei Dinge (einen Korkenzieher in der Küche, einen in Tischnähe – ich schreibe, also trinke ich viel).

Es ist erstaunlich, was man alles in zwei Minuten erledigen kann, wenn man erst mal damit angefangen hat. Einen Arzttermin machen, eine E-Mail beantworten, die Dusche putzen, eine Kugel Eis essen, aus dem Fenster gucken, Facebook checken, die ersten beiden Minuten einer Folge „House of Cards“ gucken, die nächsten beiden Minuten „House of Cards“ gucken … Hoppla. In der nächsten Folge: Wie man trotz Zwei-Minuten-Regel die Dinge doch noch geregelt kriegt.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Diese Kolumne erschien im Heft Nr. 15.


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