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stern-Kolumne Winnemuth: Welcher Käse sind Sie?

Welcher Käse sind Sie? Sinnlose Psychotests sind der neueste Trend in den sozialen Netzwerken. Und verraten vor allem eins: dass wir viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind.

Von Meike Winnemuth

Sag' mir, welchen Käse du isst und ich sage dir, wie du tickst. In den sozialen Netzwerken tummeln sich die absurdesten Psychotests.

Sag' mir, welchen Käse du isst und ich sage dir, wie du tickst. In den sozialen Netzwerken tummeln sich die absurdesten Psychotests.

Wenn ich ein Computerspiele-Klassiker wäre, dann ein Pac-Man. Wäre ich eine Tageszeit, dann der Feierabend. Ich ticke zu 50 Prozent wie ein Mann, mein Einhorn-Name ist Glamorous Crazy Candy, und mein geistiges Alter ist 50. Was man nicht vermuten sollte, bedenkt man, dass ich gerade ein Dutzend Online-Psychotests gemacht habe, die zu obigen Ergebnissen gekommen sind. Solche Gaga-Tests verbreiten sich derzeit in den sozialen Netzwerken wie Katzencontent – die neueste Form von nährstoffarmer Zeitverschwendung, nach der anscheinend ein niemals zu sättigender Hunger besteht.

Für Männer gibt es den Chuck-Norris-Test

Anders als bei Katzen geht es bei der Psychotestwelle natürlich um den interessantesten Content der Welt: um mich, mich, mich. Wer bin ich, was kann ich, wer könnte ich sein, wenn die Sterne anders stünden und die Welt voller Einhörner wäre? Die Fragen können gar nicht absurd genug sein, um dringend nach Antwort zu verlangen: Welchen Job hättest du im alten Ägypten gehabt? Für welches Produkt wärst du das ideale Werbegesicht? Welches Schicksal hat dich in einem früheren Leben ereilt? Welcher berühmte Hund bist du? (Struppi. Wusste ich’s doch!)

Träume? Interessieren nicht!

Frauenzeitschriften tragen besonders zum Erkenntnisgewinn bei – Wäre ich eine gute „Bachelor“-Kandidatin? Was sagen meine Jeans über mich aus? Bin ich heißer, als ich denke? Welcher Käse bin ich? –, aber es gibt natürlich auch extra Tests für Männer: Wie viel Chuck Norris steckt in dir? Wie lange würdest du im Knast überleben? („Deine Sensibilität und dein Mitgefühl machen dich in Freiheit zwar zu einer durch und durch liebenswerten Person, im Knast würden diese Eigenschaften dir aber das Genick brechen. Länger als einen Monat würdest du daher wohl nicht überleben.“)

Dass nahezu jeder Mensch sich selbst für unglaublich faszinierend hält, ist nun nichts Neues. Dass er jede Art von Unsinn, die mit dem eigenen kostbaren Selbst in irgendeiner Art von Beziehung steht, ebenso faszinierend findet, wissen wir auch: Horoskope sind immer noch das Meistgelesene in Tageszeitungen. Doch wenn man anderen diesen Unsinn mitteilen will, läuft man schnell gegen eine Wand: Kein Mensch interessiert sich für den Inhalt deines Traums der letzten Nacht (und wenn doch, ist mächtig viel Liebe und Nachsicht im Spiel) oder dafür, was in deinem Horoskop steht, schon gar nicht im Jahreshoroskop.

Nutella für Narzissten

Mit der Liebe zum eigenen Ich in all seinen merkwürdigen Facetten ist also jeder ganz allein – und doch ist sie so universell, dass ganze Werbestrategien darauf fußen. Zurzeit kann man Sonderetiketten für Nutella-Gläser ordern, auf denen statt des „Nutella“-Schriftzugs der eigene Name steht. Dasselbe hat Coca-Cola vor eineinhalb Jahren auch schon mal gemacht, mit beachtlichem Erfolg; der Umsatz stieg um acht Prozent. Der Narzissmus ist in anderen Branchen längst Standard: Als ich vor einiger Zeit ein Auto neu anmeldete, konnte ich den Zuständigen nur mit Mühe davon abhalten, meine Initialen als Kennzeichen zu nehmen. „Echt nicht? Das macht sonst jeder.“ Nö, sagte ich, nehmen Sie irgendwas, mir egal, bloß nicht meine Initialen. Jetzt habe ich also NO. Fand er wohl witzig.

Bei einer Frage kann man sich allerdings alle Psychotests sparen. Amerikanische Forscher haben bei einer Untersuchung mit 2200 Probanden festgestellt, dass man Narzissmus zuverlässig mit der Frage „Wie sehr stimmen Sie der Aussage zu: Ich bin ein Narzisst?“ nachweisen kann. Narzissten haben nicht das geringste Problem damit, sich toll zu finden – endlich mal ein Psychotest, bei dem nicht gelogen wird.

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