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Kolumne Winnemuth: Seid nett zueinander

Rumschreien kann jeder Säugling. Freundlich bleiben, zuhören, Verständnis zeigen für andere – das ist Zivilisation für Fortgeschrittene.

Von Meike Winnemuth

Winnemuth: Nett sein lohnt sich – Rumschreien kann jeder Säugling

Winnemuth – Lektion 1: Verständnis für die Bedürfnisse, Ängste, Dummheiten, Irrtümer, Empfindlichkeiten, Unsicherheiten und Idiotien der anderen haben

Gelegentlich höre ich, ich sei zu nett. Ich nicke dann immer und frage nicht weiter nach. Keine Ahnung, was genau gemeint ist: nett im Sinn von nachsichtig? Altersmilde? Erregungsmüde? Verbindlich? Fein, würde mich freuen, daran habe ich lange genug gearbeitet. Andererseits ist "nett" ja meist alles andere als nett gemeint. Nett ist ein bisschen doof, nett ist harmlos/rückgratlos/erfolglos, nett ist langweilig, nett ist anbiedernd, nett hält die andere Wange hin. Nett, das klingt immer herablassend, das liegt irgendwo zwischen Verachtung und Mitleid. Wie nett. Schon ganz nett. Mag ja sehr nett sein, aber … Nett heißt die kleine Schwester von scheiße.

Laut sein ist leicht, egoman ist jeder Säugling

Dabei finde ich nett in Zeiten wie diesen regelrecht heldenhaft. Nett ist nicht etwa der Weg des geringsten Widerstands, nett ist der Widerstand. Der Widerstand gegen die bequeme Wut, die schnelle Pöbelei, den wohlfeilen Witz, die angestrengte Coolness, das Recht des Stärkeren. Laut sein ist leicht, egoman ist jeder Säugling. Nett sein ist was für Fortgeschrittene, für die Profis im Fach Zivilisation.

Nett ist das Größte, was man als Mensch erreichen kann. Nett erfordert Anstrengung und Disziplin, Geduld und Erfahrung, Empathie und Humor. Nett ist der moderne Zehnkampf des Lebens. Und es sagt alles über unsere Zeit, dass bedingungslose Freundlichkeit für die meisten Leute nur noch lachhaft ist.

Oder vielleicht doch nicht? Mitte Mai hat die liebenswerte (man könnte sagen: nette) britische Institution "School of Life" ein Buch veröffentlicht, das mich augenblicklich aufgemuntert hat. "On Being Nice" ist eine Ehrenrettung der in Verruf geratenen Kunst des Nettseins, eine Art Grundkurs. Die Lebensschule des britisch-schweizerischen Philosophen Alain de Botton ist, um das kurz zu erklären, eine Art moderne Volkshochschule, die statt Spanisch und Makramee all das unterrichtet, was man wirklich wissen sollte über sich und das Leben: Wer bin ich, wer will ich sein, wie kriege ich eine gute Beziehung hin, wie mache ich die Welt besser, was soll das hier alles überhaupt? Solche Fragen werden selten in Bildungsministerkonferenzen erörtert und stehen noch seltener auf Lehrplänen. Was schade ist, denn so muss man sich das wirklich Wesentliche halt per Versuch und Irrtum mühsam selbst beibringen. Betonung auf Irrtum. Bis man es geschnallt hat, vergehen in der Regel Jahrzehnte. Aber zurück zum Buch: Nett sein also.

Nett sein bedeutet, ganz prinzipiell an mildernden Umständen bei der Beurteilung anderer interessiert zu sein

Und wie soll das jetzt gehen? Lektion 1: Verständnis für die Bedürfnisse, Ängste, Dummheiten, Irrtümer, Empfindlichkeiten, Unsicherheiten, Idiotien der anderen haben. Nicht aus Überlegenheit, sondern weil man darin die eigenen Bedürfnisse, Ängste, Dummheiten et cetera et cetera erkennt. Nett sein bedeutet Großzügigkeit im Wissen, dass man selbst oft genug auf Großzügigkeit und Barmherzigkeit angewiesen war. Nett sein bedeutet, ganz prinzipiell an mildernden Umständen bei der Beurteilung anderer interessiert zu sein – irgendwann wird man selbst wieder vor Gericht stehen.

Lektion 2: entfällt. Das war es nämlich schon, alles andere ergibt sich aus Lektion 1: Wärme (nett sein hat nichts mit regelkonformer Höflichkeit zu tun), Witz (idealerweise macht man den Witz über sich selbst), Wohlwollen (es hilft ungemein, nicht automatisch das Schlechteste über andere zu denken, und es hilft noch mehr, sie von diesem Vertrauensvorschuss wissen zu lassen), Wahrhaftigkeit (man muss sich preisgeben) und das größte W von allen: Wahrnehmung. Hingucken, zuhören. Fragen stellen, wissen wollen.

Das wäre schon ganz nett für den Anfang.

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Themen in diesem Artikel
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.
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