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Kolumne Winnemuth: Trophäen für die Ewigkeit

Wer nicht verlieren will, kann auch nicht gewinnen, weiß Kolumnistin Meike Winnemuth. Keinen Pokal und auch sonst nichts im Leben. Zum Glück gibt es anderes, was bleibt.

Von Meike Winnemuth

Winnemuth: Trophäen für die Ewigkeit, zum Glück gibt es was anderes

Meike Winnemuth: "In knapp 57 Jahren keinen einzigen Pokal in irgendwas gewonnen, keine Trophäe, keine Urkunde mit Goldrand, nix."

Vermutlich habe ich meine Hütte am Meer schon erwähnt, die kleine Holzkiste, in der ich die angeblich wärmere Hälfte des Jahres verbringe. Ich soll diese Hütte nicht so oft erwähnen, sagen die stern-Ressortleiter, wegen Sozialneid und so, deshalb beeile ich mich zu sagen: Sie ist wirklich ganz winzig, sie wird mit einem Holzofen beheizt, bei Sturm geht das Satelliten-Internet nicht, und die Terrassentür klemmt. Es ist überhaupt ganz schrecklich dort: Jeden Morgen nach dem Aufstehen muss ich mit dem Hund am Meer spazieren gehen, wir haben da ja sonst nichts. Sie müssen also keinesfalls sozialneidisch sein, wirklich nicht.

Zwei matt glänzende, unterarmhohe Pötte mit Deckel und Gravur

Die beiden wichtigsten (und seien wir ehrlich: größten) Einrichtungsgegenstände in meiner Hütte sind zwei Pokale, die seit den Zeiten des Vorvorvorbesitzers Walter Tiedemann hier wohnen. Ich weiß nicht viel über Herrn Tiedemann, der schon vor Jahren – wie wir hier oben sagen – dood bleven is, nur dies: 1986 hat er den ersten Preis im Brandungsangeln gewonnen, und 1989 wurde er Skatmeister des VfB Behrensdorf, beides prämiert durch zwei matt glänzende, unterarmhohe Pötte mit Deckel und Gravur und Marmorsockel und Lorbeerkranz um eine Hecht-Plakette (was insofern bemerkenswert ist, als man Hechte eher selten in Brandungen antrifft, aber Dorsch- und Butt-Plaketten waren wahrscheinlich gerade aus) auf dem einen und vier Buben-Spielkarten auf dem anderen Pokal. Es sind schöne Stücke, ich schaue sie gern an und staube sie regelmäßig ab.

Und jedes Mal beim Anschauen und Abstauben denke ich: Und du, olle Loserin? In knapp 57 Jahren keinen einzigen Pokal in irgendwas gewonnen, keine Trophäe, keine Urkunde mit Goldrand, nix. Das liegt natürlich hauptsächlich daran, dass ich keine kompetitiven Sportarten wie Brandungsangeln oder Badminton betreibe und auch sonst keine pokalträchtigen Hobbys habe.

Wenn man nicht verlieren will, kann man auch nicht gewinnen

Aber ist es am Ende nicht vielleicht so, dass ich einfach nur den Wettbewerb scheue? Den Vergleich? Die hochwahrscheinliche Niederlage? Wenn man nicht verlieren will, kann man auch nicht gewinnen, weder einen Pokal noch sonst was im Leben, amen. Vielleicht fehlt mir auch, was noch schlimmer wäre, die Leidenschaft und Leidensfähigkeit, mich einer Sache ganz zu verschreiben. Das ist jetzt der Plan, das will ich hinkriegen, bis ich 60 bin: etwas so ernst nehmen, so konsequent betreiben, dass ich Preis-wert werde und jemandem was zum Abstauben hinterlassen kann.

Halt, mir fällt gerade ein, dass es ja was gibt: Irgendwo muss noch die Medaille herumliegen, die ich im November 2007 für das schiere Überleben des New York Marathons umgehängt bekommen habe, des ersten und einzigen in meinem Leben: Platz 27 457, Nettozeit 4:51:34. Wo ist die Medaille eigentlich, habe ich die überhaupt noch? Oder habe ich sie bei der anschließenden Siegesfeier jemandem im Suff geschenkt? Kann es sein, dass man eigene Medaillen und Erfolge nie so sehr schätzt, wie man die Medaillen und Pokale der anderen beneidet? DoppelAmen.

Ach, ohnehin alles Quatsch, diese Fixierung auf Blechpötte. Ewigkeit geht anders: Die größten Trophäen, die Walter Tiedemann mir hinterlassen hat, stehen im Garten. Er hat die Eibe neben der Haustür und den Rhododendron gepflanzt, der in seinen 30 Jahren zu einem vier Meter hohen Monster gewachsen ist. Den staube ich jetzt auch ab, sozusagen: Ich dünge und wässere ihn und knipse die welken Blüten ab. Und überlege derweil, welchen grünen Pokal ich dem Gartenbesitzer nach mir hinterlassen möchte.

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