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Klimawandel "Das ist ein Märchen" - Bill Gates sieht keinen Short-Cut zur Klimaneutralität

Im Lauf der Pandemie wurde Bill Gates mit Hass und wüsten Vesrchwörungstheorien überschüttet. 
Im Lauf der Pandemie wurde Bill Gates mit Hass und wüsten Vesrchwörungstheorien überschüttet. 
© Javier Rojas / Picture Alliance
Das große Problem der Welt ist der Klimawandel und nicht die Pandemie. Der Weg zu einer Lösung ist weit komplexer als die Entwicklung eines Impfstoffs. Bill Gates glaubt, dass vor allem Arbeit und nicht Zorn den Planeten retten kann.

Bill Gates will die Welt retten. Nach der Pandemie nimmt er sich in seinem neuen Buch die Klimakatastrophe vor. Darüber sprach er mit dem britischen Guardian. In dem Gespräch ist keine Hybris, keine Selbstüberschätzung zu spüren. Es ist nicht der Gestus "Hey Leute, ich bin der Bill Gates und weiß wie wir den Planeten retten". Gates argumentiert vorsichtig und abwägend und fast wirkt es, als hätte er Angst vor dem, was auf uns alle zukommt. Das Buch "How To Avoid A Climate Disaster" speist sich aus zwei Quellen. Gates bekanntes Interesse an den Wissenschaften und seinem Engagement in der globalen Entwicklung. Wie kann man sie fördern, ohne dass der Planet zusammenbricht? In den letzten Jahrzehnten hat Gates etwa daran gearbeitet, den Zugang zu Elektrizität in den entlegensten Teilen der Welt zu verbessern. "Und dennoch", sagt er nun, "kann man nicht einfach Kohlekraftwerke bauen. Und um zu verstehen, wie das am Ende funktionieren soll, musste ich viel lesen".

Mehr Sachkunde, weniger Stereotypen

Ein klarer Denker wie Gates fordert mehr "sachkundige Klimaartikel", die die Dinge in den richtigen Kontext rücken. Und nicht die bekannten Stereotypen bedienen. Die ganze Debatte dreht sich um den Transportsektor. Er macht etwa 16 Prozent der globalen Emissionen aus. Wenn die Zukunft des Autoverkehrs in Elektrofahrzeugen liegt, bringt das wenig, solange der Strom aus fossilen Energieträgern kommt, so Gates. Autos – vor allem Pkw – sind nur ein kleiner Teil des globalen Problems, verglichen mit Emissionen, die von der globalen Zement- und Stahlindustrie erzeugt werden, und die in der aufgeregten öffentliche Debatte kaum eine Rolle spielen. "Die meisten Leute verstehen nicht, was Zement ist", so Gates. "Und ich habe buchstäblich Wochen damit verbracht, zu verstehen, warum es so wunderbar ist und ob wir weniger davon brauchen könnten."

Die Klimadiskussion wurde in den letzten Jahren von Greta Thunberg bestimmt. Einer Schülerin, einem Niemand ohne Verbindungen. Wenn sie die Jean D"Arc der Klimadebatte wurde, was ist Bill Gates dann? Gates wäre der Mönch William von Baskerville aus "Der Name der Rose". Der Mann, der kaum jemals aus der Ruhe kommt und nie sein wohlerzogenes Benehmen vergisst, sucht akribische Antworten auf komplexe Fragen. Seine Meinung zu Greta Thunberg? "Jede Bewegung braucht ikonische Führer, die sich zu Wort melden, und das ist eine ziemlich gute Sache. Ich bin also froh: Man kann keine Bewegung ohne hochkarätige Persönlichkeiten haben. Ich hoffe, dass sie ihre Ausbildung nicht vermasselt. Sie scheint sehr klug zu sein."

Wozu Symbol-Politik

Gates gehört nicht zu den Verzichtsaposteln, denen die Klimakrise nur gerufen kommt, um ein moralinsaures Puritaner-Regiment einzuführen. Gates – so könnte man ihn auch kritisieren - setzt auf die Kraft von Wissenschaft und Technik. Von symbolischen Gesten hält er wenig. "Man kann sagen: 'OK, ich will keine Aktien dieser bösen Ölfirmen mehr. Juhu!' Aber, wie viele Tonnen Kohlenstoff haben Sie dadurch vermieden?"

Verzicht allein werde nicht helfen, sagt Gates. Mit kleineren Häusern, weniger Reisen und veganer Ernährung erreichen wir nur eine gewisse Einsparung. "Das, was das Klima so schwierig macht, ist, dass es nicht um eine 20-prozentige Reduktion geht - es geht darum, es auf null zu bringen."

Nur Technik kann diese Probleme lösen. Beispiel Stahl, natürlich verursacht seine Produktion Emissionen, erzählt Gates, also muss Stahl ersetzt werden. Es reiche nicht zu sagen: "Oh, das ist schockierend, die haben Emissionen! Und was dann? Werden wir in Indien keine Gebäude bauen, um die Menschen mit einer Grundversorgung zu versehen?"

Wasserstoff als Schlüsseltechnik

Kein Wunder, dass Gates von den Möglichkeiten der Wasserstofftechnologie fasziniert ist. Denn Wasserstoff ist die Schlüsseltechnologie mit dem größten Einfluss auf den Klimawandel. Wenn die Technologie weiter fortschreitet, um "super, superbilligen und völlig sauberen Wasserstoff zu erzeugen, würde das vielen industriellen Prozessen helfen. Man könnte ihn nutzen, um Dünger auf saubere Weise herzustellen, um bei der Herstellung von Stahl auf saubere Weise zu helfen. Das allein würde bei etwa 30 Prozent aller Emissionen helfen. Das ist ziemlich viel – etwas zu haben, dass 30 Prozent leisten kann".

Über den Green New Deal in den USA, der Kohlenstoffneutralität in einem Jahrzehnt anstrebt, kann Gates nur lachen. "Das ist ein Märchen. Es ist, als würde man sagen, dass Impfstoffe nicht funktionieren - das ist eine Form von Wissenschaftsleugnung. Warum sollte man mit solchen Fantasien hausieren gehen?"

Für Aktionen und Aktivisten hat Gates innerlich kein Verständnis. Wie sollen Straßenbesetzungen und das Lahmlegen von Verkehr – Übungen wie "Extinction Rebellion" praktiziert, helfen, die wissenschaftlichen Durchbrüche zu leisten, die aus seiner Sicht nötig sind? "Ich will mich nicht darüber lustig machen - in gewisser Weise ist ihre Leidenschaft wertvoll." Deutlicher kann man Reserviertheit kaum ausdrücken. Neben dem inneren Unverständnis gegenüber dem Zorn der Aktivisten führt Gates einen interessanten Punkt an. Beim Klimawandel reicht es nicht mehr aus, nur "dagegen" zu sein. Um die Mengen an Kohlenstoff auf null zu bringen, die wir derzeit in die Atmosphäre blasen, müsse man konstruktiv arbeiten.

Kein Bunker unter dem Haus

Die Klimakrise sei sehr viel komplexer als die Pandemie. Es gäbe keine einfache Lösung, wie einen Impfstoff zu entwickeln und der Albtraum endet, sagt Gates. Es gehe darum, jede Stahl- und Zementfabrik zu ersetzen, alles, was mit Elektrizität und Transport zu tun hat, müsse neu erfunden werden, sogar die Lebensmittel. "Es ist viel umfassender, aber die Zeit, um diese groß angelegten Dinge zu tun, ist viel länger."

Es wird beim Klima also keine Wundererfindung geben, die uns retten kann. "Die grundlegende Antwort ist: Nein. Das Ausmaß der Bedrohung ist so allumfassend und erfordert radikale Veränderungen in den Bereichen Verkehr, Gebäude, Industrie, Flächennutzung und politischer Wille, dass es keinen einzelnen Durchbruch gibt, der all diese Dinge auf einmal lösen kann." Trotz aller Besorgnis gehört Gates nicht zu den Prepper-Milliardären, die einen Bunker unter der Villa haben. "Nein, das habe ich nicht. Zu meinen Lebzeiten wird das Wetter schlechter sein, aber das ist meistens am Äquator. Ich bin kein Überlebenskünstler."

Quelle: Guardian 


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