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Tiefsee vor Grönland: Diesem Tier würde wohl niemand gern im offenen Meer begegnen

Oder: Wie sich zwei Freunde von einer Lofoteninsel auf die Suche nach einem geheimnisvollen Fisch begeben und so den Menschen den Ozean wieder näherbringen wollen.

Von Judith Liere

Morten Strøksnes (links) und Hugo Aasjord auf dem Nordmeer.

Morten Strøksnes (links) und Hugo Aasjord auf dem Nordmeer. Darin lebt der Grönlandhai (Bild links), der bis zu 400 Jahre alt werden kann.

Oberflächlich betrachtet erscheinen die meisten Dinge ziemlich harmlos. Das Meer im norwegischen Vest fjord zum Beispiel. Kräuselt sich in glitzernden Wellen vor dem Felspanorama der Lofotenwand und sieht hübsch dabei aus. Hat ja immer etwas Beruhigendes, Meditatives, aufs Meer zu schauen. Die sanften Wogen beobachten und dabei an nichts denken, den Kopf kurz leer kriegen.

Das funktioniert nicht mehr, wenn man "Das Buch vom Meer" von Morten A. Strøksnes gelesen hat. Dann denkt man nicht mehr an nichts, wenn man das Meer sieht. Und schon gar nicht beim Blick auf den Vestfjord. Da ist der Kopf plötzlich ganz voll: mit Wissen darüber, was sich unter der Oberfläche des Meeres alles abspielt, welche fremdartige Welt sich verbirgt in den mehrere Hundert Meter tiefen Abgründen – und voll mit Bildern eines ganz bestimmten Lebewesens, das jetzt gerade, in diesem Moment, unter den Wellen herumschwimmen könnte. Ein Urzeit wesen, vielleicht 400 Jahre alt, mit einer Haut wie Schleifpapier, giftigem Fleisch und messerscharfen Zähnen. Ein Eishai. Ein Tier, dem wohl niemand gern im offenen Meer begegnen würde.

"Das Buch vom Meer" 

Außer Morten A. Strøksnes. Strøksnes, 50, Sachbuchautor und Journalist, auf gewachsen in der Finnmark, einer dünn besiedelten Region im äußersten Norden Norwegens. Er hat einiges versucht, um einem Eishai zu begegnen. Er hat sich bei Schneesturm aufs Meer hinausgewagt und mit stinkendem Aas hantiert, um den Fisch aus der Tiefe zu locken. Darüber hat er ein Buch geschrieben, das in Norwegen auf der Bestsellerliste stand und nun in 15 weiteren Ländern erscheint. "Das Buch vom Meer" heißt es auf Deutsch, ergänzt durch einen dieser beliebten bandwurmlangen Untertitel: "Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür fast ein ganzes Jahr brauchen" .

Der Eishai oder Grönlandhai

Der Eishai oder Grönlandhai

Der Untertitel führt ein wenig in die Irre, das Buch ist kein actiongeladener Abenteuerroman. Die Jagd nach dem Eishai bildet nur einen groben Rahmen für den eigentlichen Inhalt: für eine poetische, philosophische, extrem faktenreiche Geschichte über das Meer, das 70 Prozent unseres Planeten bedeckt, aus dem alles Leben stammt und über das wir trotzdem so wenig wissen. "Es waren bis heute mehr Menschen im All als in der Tiefsee", schreibt Strøksnes. "Die Oberfläche des Mondes, ja, sogar die ausgetrockneten Seen des Mars kennen wir besser." Der Versuch, den Eishai zu fangen, dient als Annäherung an diese fremde Welt.

Na klar: Einfach mal 'nen Eishai fangen, mit der Angel

Der zweite der beiden im Untertitel erwähnten Freunde heißt Hugo Aasjord, 62, Künstler, aufgewachsen am Vestfjord, jenem Teil des Meeres in Nordnorwegen, der das Festland von der Inselgruppe der Lofoten trennt. Hugo und Morten kennen sich seit 25 Jahren, und sie sind sehr unterschiedlich: Morten, der Intellektuelle, der als Journalist die Krisengebiete der Welt bereiste und heute zwischen seinen Wohnungen in Oslo und Berlin pendelt. Hugo, der verschrobene Künstler, der sich, wenn er nicht an seinen abstrakten Ölbildern malt, gern in Don-Quijote-artigen Projekten verliert. Einen Eishai zu fangen etwa, mit einer Angel, aus einem Schlauchboot heraus. Um dann aus dem Tranöl der Leber des erbeuteten Tiers Malerfarbe herzustellen, mit der er das Aasjordbruket streichen will.

Das Aasjordbruket ist noch so ein Don-Quijote-Projekt: eine ehemalige Fisch- und Tranfabrik auf der kleinen Lofoteninsel Skrova, die früher von Hugos Familie betrieben wurde und an der auch heute noch ihr Name prangt. Hugo hat die riesige, aus mehreren Haupt- und Nebengebäuden bestehende Anlage vor ein paar Jahren gemeinsam mit seiner Frau Mette gekauft und möchte sie zu einem Kulturzentrum renovieren, mit Ausstellungen, Lesungen, Konzerten, Zimmervermietung. Zwei kleine Nebengebäude hat er schon hergerichtet und die zerfallene Anlage zumindest so weit restauriert, dass das große weiße Haus davor geschützt ist, beim nächsten Wintersturm vom morschen Pier direkt ins Meer zu kippen. Trotzdem wird Hugo wohl noch die nächsten Jahre damit zu tun haben, die vielen großen und kleinen Räume bewohnbar zu machen.

Das Fleisch stinkt und ist giftig

Skrova ist der passende Ausgangspunkt für die Eishaijagd der Freunde: eine Fischerinsel mit etwa 180 Einwohnern. Früher brachen die Männer von hier auf, um Wale zu erlegen. Bei Hugos Nachbarn am Pier dümpelt noch ein altes Walfangboot, mit Ausgucktonne und Harpune am Bug. Heute holen die Fischer rund um die Lofoten vor allem Kabeljau ein, der häufig zu Stockfisch getrocknet wird. Überall stehen Holzgestelle, die nach dem Fang im Frühjahr voll damit hängen. Der leichte Fischgeruch hängt noch im Spätsommer in der Luft. Auch in Hugos Aasjordbruket liegen in allen Ecken und Winkeln die steinhart getrockneten Fische herum. Vor dem Kochen werden sie stundenlang gewässert, die Norweger knuspern sie aber auch gern im getrockneten Zustand als Snack zwischendurch.

Ältestes Wirbeltier: Grönlandhai wurde etwa 400 Jahre alt - und endete als Beifang

Eishaie, auch Grönlandhaie genannt, kann man nicht essen, zumindest nicht einfach so. Das Fleisch stinkt und ist giftig, weil es den Stoff Trimethylaminoxid enthält. Nur bei den Isländern gilt Eishai als Delikatesse ("Hakárl"), sie lassen das Fleisch monatelang fermentieren, damit es überhaupt genießbar wird.

Mit diesem Wissen erscheint der Plan der beiden Freunde, dieses Wesen zu jagen, noch absurder. Besonders, weil sie es unbedingt auf "ihre Art" versuchen wollen, also mit stinkenden Tierkadavern als Köder (das mag der Eishai), Haken und Leine, von Hugos Schlauchboot aus (das eigentlich ein sogenanntes RIB ist, ein Rigid Inflatable Boat mit festem Rumpf und wenig Gemeinsamkeiten mit den Gummibooten auf deutschen Baggerseen). Lernt man die beiden Männer bei einem Besuch auf Skrova persönlich kennen, wundert man sich nicht mehr so.

Der Eishai, ein mystisches Tier

Zwischen ihnen herrscht diese anstachelnde Dynamik, die sich oft in guten Männerfreundschaften findet und die genau solche Vorhaben gebiert. Für Hugo geht es natürlich nicht nur um den Lebertran und die Malerfarbe für sein Haus. Für ihn ist der Eishai ein mystisches Tier, über das er schon als Kind viele Gruselgeschichten von Fischern gehört hat und das er endlich einmal leibhaftig erblicken will. Eine Art Moby Dick. Hugo – der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Helge Schneider hat, großer "Derrick"-Fan ist und außerdem sehr gut Deutsch spricht, weil er in den 70er Jahren in Münster Kunst studierte – hat einen Hang zum Abseitigen und Schaurig-Schönen der Natur. In seinen Atelierräumen liegen Knochen, Skelette, Tierschädel. Einmal hat er eine mumifizierte Katze ausgestellt.

Vor der Insel Skrova fängt man vor allem Kabeljau, der häufig zu Stockfisch getrocknet wird

Vor der Insel Skrova fängt man vor allem Kabeljau, der häufig zu Stockfisch getrocknet wird

Morten hingegen treibt wohl die journalistische Neugier dazu an, bei solchen Plänen mitzumachen: Da gibt es etwas Geheimnisvolles unter der Oberfläche, das er ergründen will. Und wenn Hugo ihn dann noch damit aufzieht, dass er im Gegensatz zu ihm nicht ganz so seefest ist, weil er eben nicht schon als Kind mit den Fischern rausgefahren ist, dann steigt Morten natürlich erst recht ins Boot, um seinem Freund und sich selbst zu beweisen, dass auch er als Akademiker mit der Natur klarkommt. Zwei Dickköpfe treffen aufeinander, und keiner will zuerst aussprechen, ob der Plan mit der Eishaijagd per Schlauchboot nicht vielleicht doch eine Schnapsidee sein könnte.

Eigentlich wollen sie ja ein Bewusstsein fürs Meer schaffen

Aber das ist, wie gesagt, nur die eine Seite der Geschichte und nicht der Grund, warum Morten Strøksnes dieses Buch geschrieben hat und Hugo Aasjord sich bereit erklärt hat, darin vorzukommen. Denn eigentlich geht es beiden darum, ein stärkeres Bewusstsein für das Meer und seine Bedeutung für uns und unsere Umwelt zu schaffen. Ob sie den Eishai am Ende fangen oder nicht, rückt beim Lesen immer weiter in den Hintergrund.

Tierschützer könnten natürlich zu Recht anmerken, dass die Jagd auf ein uraltes Tier, von dem keiner weiß, wie viele Exemplare überhaupt noch existieren, ein fragwürdiger Weg sei, jene Botschaft zu verbreiten. Aber dieser Widerspruch beschreibt gut den pragmatischeren Blick auf die Natur, den ein Volk wie die Norweger entwickelt, das jahrtausendelang vom Fisch- und Walfang lebte.

"Überall Unterwassergebirge"

Hugo Aasjords Verbundenheit mit dem Meer spürt man sofort. Wenn er in seinem Schlauchboot mit einer Geschwindigkeit von 30 Knoten, also etwa 55 Stundenkilometern, über den Vestfjord heizt, strahlt er dabei eine ungeheure Gelassenheit aus. "Hier sind überall Unterwassergebirge" , erklärt er und lenkt das RIB an den aus dem Meer ragenden Felsen und Untiefen vorbei, so entspannt wie ein Autofahrer, der auf seinem täglichen Weg zur Arbeit ganz genau weiß, welche Landstraßenkurve er mit welchem Tempo nehmen kann. Er weiß, wo die Seeadler nisten, wo die Schwertwale auf Heringsjagd gehen, und er weiß auch, wie sich das Leben unter der Meeresoberfläche in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat, welche Fische nicht mehr kommen.

Morten Strøksnes sagt, er wolle die Menschen nicht über Zahlen und Fakten erreichen. "Da gibt es bessere Experten als mich. Aber ich habe eine besondere Herangehensweise." Es gebe in Norwegen wenige Intellektuelle, die sich mit dem Meer, den Fischen und der Politik dahinter beschäftigen würden. In seinem Buch versuche er, alte Legenden, Kunst, Poesie und Wissenschaft zusammenzubringen und dabei die Leser auf einer emotionalen Ebene anzusprechen. "Der Ozean ist wie ein anderes Universum, das die meisten Leute vergessen zu haben scheinen" , sagt Strøksnes. "Ich will nicht nur, dass die Menschen sich wieder daran erinnern, sondern auch, dass sie das Meer wieder fühlen."

Ein solches Gefühl für das vergessene Universum unter der Wasseroberfläche könnte in Norwegen ganz praktische Auswirkungen haben. Denn vor den Lofoten, da, wo die Eishaie leben, wird Öl vermutet. Die Suche danach ist seit vielen Jahren verboten. Aber zurzeit wächst der Druck, dieses Verbot aufzuheben.

Judith Liere
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