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Rätsel um Ursprung des Virus Forscher entdecken bislang engsten Sars-CoV-2-Verwandten – in Höhlen in Laos

Coronavirus: Fledermäuse in einer Höhle in Indonesien, Bali
Fledermäuse in einer Höhle in Indonesien, Bali
© McPHOTO/I. Schulz/ / Picture Alliance
Woher stammt das Coronavirus Sars-CoV-2? Diese Frage ist nach wie vor ungeklärt. Nun erhärtet ein Fund die These, dass das Coronavirus natürlichen Ursprungs und vom Tier auf den Menschen übergegangen ist. Fledermäuse rücken abermals in den Fokus. 

Zunächst war es ein Fisch- und Fleischmarkt in der chinesischen Millionen-Metropole Wuhan, der als Ursprung der aktuellen Corona-Pandemie galt. Besucher und Verkäufer das Marktes waren mit die ersten Menschen, die im Dezember 2019 an dem damals neuartigen Virus erkrankt waren. Gelang dem Erreger hier, auf dem Huanan Seafood Market, der Übergang vom Tier auf den Menschen? Dieser Schluss lag zunächst nahe. Doch bald stellte sich heraus, dass die Frage nach dem Ursprung der Pandemie weitaus schwieriger zu beantworten war, als zunächst angenommen.

Auch heute noch, mehr als 20 Monate nach den ersten bekannten Covid-19-Fällen, ist der Ursprung der Pandemie weitgehend ungeklärt. Besonders verbreitet ist in der Wissenschaft die These, wonach das Virus ursprünglich von Fledermäusen stammte und über einen Zwischenwirt, etwa Marderhunde, den Sprung zum Menschen schaffte. 

Forschende haben bei Fledermäusen in Laos nach eigenen Angaben nun drei Viren entdeckt, die Sars-CoV-2 ähnlicher sind als alle bislang bekannten Viren, genauer gesagt: der Rezeptorbindedomäne, mit denen das Virus an menschliche Zellen andockt. Der Fund des Forscherteams um den Virologen Marc Eloit (Pariser Pasteur-Institut) stützt damit die Theorie des natürlichen Ursprungs. Allerdings liegt die Studie bislang nur als Preprint vor, die Ergebnisse sind noch nicht unabhängig wissenschaftlich begutachtet worden.

Proben von Hunderten Fledermäusen ausgewertet

Die Forschenden hatten Speichel-, Kot- und Urinproben von 645 Höhlenfledermäusen in Laos ausgewertet. Die Viren fanden sie bei drei speziellen Fledermausarten, sogenannten Hufeisenfledermäusen. Die Erreger nannten sie "BANAL-52", "BANAL-103" und "BANAL-236". Das Genom der Viren ist demnach zu mehr als 95 Prozent mit dem von Sars-CoV-2 identisch. 

Dass Fledermäuse Viren in sich tragen können, ist bereits hinlänglich bekannt. Das Immunsystem der Tiere gilt als ausgesprochen gut. Sie kommen damit als mögliche Viren-Reservoirs in Frage, ohne aber selbst zu erkranken. Besonders gefährliche Erreger wie das Ebola-, Marburg- oder auch das ursprüngliche Sars-Virus haben sich zunächst in Fledermäusen entwickelt, ehe ihnen der Sprung zum Menschen gelang. Auch für Sars-CoV-2 wird dies angenommen.

Der Fund in Fledermäusen ist damit also nicht überraschend. Auch hatten Forschende in der chinesischen Provinz Yunnan bereits vor einiger Zeit ein Virus entdeckt, das zu 96,1 Prozent identisch mit Sars-CoV-2 ist. Der nun neu entdeckte Erreger "BANAL-52" sei allerdings zu 96,8 Prozent identisch mit dem Pandemie-Erreger, sagte Studienautor Eloit. Außerdem hätten alle drei neu entdeckten Viren Abschnitte in ihrem Genom, die Abschnitten von Sars-CoV-2 ähnlicher seien als bei anderen Viren. 

Von besonderem Interesse sind die Ähnlichkeiten an der Rezeptorbindestelle. Die Bindestelle liegt auf dem Spike-Protein des Coronavirus. Der Erreger nutzt sie um an sogenannte ACE-2-Rezeptoren auf menschlichen Zellen anzudocken und diese zu infizieren. 

"Als Sars-CoV-2 zum ersten Mal sequenziert worden war, sah die Rezeptorbindedomäne nicht nach etwas aus, das wir zuvor gesehen hatten", zitiert das Fachblatt "Nature" den Virologen Edward Holmes von der University of Sydney in Australien. Dies veranlasste einige Leute zu Spekulationen, wonach das Virus möglicherweise in einem Labor hergestellt worden sein könnte. Die nun gefundenen Laos-Coronaviren bestätigten aber, dass diese Charakteristika von Sars-CoV-2 natürlicherweise vorkommen, so Holmes.

Viele Fragen bleiben offen

Trotz der neuen Erkenntnisse bleiben viele Fragen weiterhin offen. Ungeklärt ist etwa, woher die sogenannte Furin-Spaltstelle am Spike-Protein des Coronavirus stammt. Sie bewirkt, dass das Virus besser in menschliche Zellen eindringen kann. Verwandte Viren haben diese Spaltstelle jedoch nicht, ebenso nicht die neu entdeckten Laos-Viren. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass Viren solche Furin-Spaltstellen manchmal in der Natur erwerben können. Ungeklärt bleibt weiterhin auch, wann und wo dem Virus der Übergang auf den Menschen gelang – und welche Zwischenwirte es dafür möglicherweise genutzt hat. 

Der nicht an der Studie beteiligte Virologe David Robertson von der University of Glasgow bezeichnete die Ergebnisse gegenüber "Nature" als "faszinierend", aber auch "ziemlich erschreckend" – zeigen sie doch, dass es zahlreiche weitere Coronaviren gebe, die das Potenzial haben könnten, Menschen zu infizieren. 

Quelle:"Nature" / Preprint

ikr

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