VG-Wort Pixel

Werbung Gefahr vor Weihnachten - TV als Babysitter führt zu Konsumstress in der Familie

Das TV-Programm lenkt die Kinder ab, dieser Effekt rächt sich aber. 
Das TV-Programm lenkt die Kinder ab, dieser Effekt rächt sich aber. 
© Milan Jovic / Getty Images
Keiner ist so anfällig für die Verheißungen der Werbung wie Kinder. Eine neue Studie zeigt nun, dass viel TV-Konsum schnell dazu führt, dass Kinder ihre Eltern mit Konsumwünschen terrorisieren.

Wenn die Kinder unruhig sind und nerven, setzen sie viele Eltern vor den Bildschirm – etwa um am Sonntag noch etwas länger ausschlafen können. Die kurzfristige Erleichterung führt langfristig aber zu noch mehr Stress, das haben Wissenschaftler der Universität von Arizona gezeigt. Sie befragte 430 Familien nach TV-Gewohnheiten und dem Stresslevel daheim. Ihre Untersuchung zielt weniger auf die geistige Entwicklung der Kinder oder auf die Qualität des Programms – die Forscher interessierten sich für die Wirkung von Werbung. Ihre Studie wurde im "International Journal of Advertising" veröffentlicht.

Das Ergebnis kann man kurz zusammenfassen: Werbung wirkt, vor allem bei Kindern. Je mehr Kinder fernsehen, desto mehr Werbung sehen sie auch - und dann wird es wahrscheinlicher, dass sie beim Einkauf genau nach den Produkten fragen, die ihnen im TV vorgeführt worden sind. Der leitende Autor der Studie, Dr. Matthew Lapierre, sagte, dass Kinder, die Werbung ausgesetzt werden, ihre Eltern um mehr Dinge bitten als andere. Was dann meist zu Konflikten führe, weil die Kinder eine große "Belästigungsmacht" entfesseln können. Dadurch steigt der Stresslevel in der Familie messbar an.

Reden hilft - ein wenig

Das Ganze sei eigentlich wenig verwunderlich, findet Dr. Lapierre. "Die kommerziellen Inhalte im TV haben einen Grund: Sie sollen das Kaufverhalten anregen." Generell rät er dazu, das TV-Gerät öfter mal aus zu lassen.  Außerdem haben die Forscher die Wirksamkeit von verschiedenen Kommunikationstrategien erprobt. Autoritäre Modelle, bei denen die Eltern das Recht auf Konsumentscheidungen reklamierten und weitere Diskussionen ablehnten, führten nicht zu erwünschtem Ergebnis.

Die offene Einladung, die Meinung der Kinder einzuholen und zu diskutieren, führte immerhin zu einer Linderung des Belästigungslevels. Die Mitverfasserin der Studie, Eunjoo Choi, Doktorandin im Bereich Kommunikation, sagte: "Insgesamt haben wir festgestellt, dass die kooperative Kommunikation zwischen Eltern und Kindern eine bessere Strategie zur Reduzierung von Stress bei den Eltern ist." Allerdings nur bis zu einem gewissen Grad. Kinder, die versuchen ihre Konsumwünsche mit Wut- und Schreianfällen in der Familie durchzusetzen, ließen sich durch bloße Mitsprache nicht beruhigen. Das Ganze funktioniert auch nur, solange die TV-Zeit begrenzt bleibt.

Kinder können die Manipulation nicht verstehen

Dr. Lapierre räumt auch mit einem weit verbreiteten Irrtum auf. Viele Eltern glauben, dass das Ausweichen auf werbungsfreie Dienste beim Pay-TV oder Streaming ihnen helfen würde. Lapierre sagte, dass die Werbetreibenden durch Taktiken wie Produktplatzierung und integriertes Branding - die Einbeziehung von Produkt- oder Firmennamen in die Erzählung einer Sendung – genügend Wege finden, um den generellen Werbebann zu umgehen.

Werbung für Kinder sei eine milliardenschwere Industrie, so Lapierre. Werbung, die sich speziell an Kinder wendet - oft mit vielen bunten Farben, fröhlicher Musik und auffälligen Charakteren – wirkt auf Erwachsene grell und überzogen, zielt aber genau auf die Kinder, die entwicklungsbedingt nicht in der Lage sind, die Absicht der Werbung zu verstehen. "Werbung für Kinder wird gemacht, um sie zu begeistern. Kinder haben nicht die kognitiven und emotionalen Ressourcen, um sich davon zu befreien."

Das ist auch der Grund, warum Kommunikation nur begrenzt hilft. Aufgrund ihres Alters sind die Kinder nicht in der Lage, die Verführungstechniken der Werbung zu durchschauen. Die Werbung funktioniert bei ihnen eben auch dann, wenn die Eltern sich Mühe geben, sie zu entlarven.

Quelle:  International Journal of Advertising

Lesen Sie auch: 

Digitale Schule – warum die Kluft zwischen Arm und Reich anders verläuft, als man dachte

Warum Mütter heute in einer "Zeit der Angst" leben

Messer, Säge, Lagerfeuer: Wieso Kitas wieder gefährlich werden müssen


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker