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Erziehung: Warum Mütter heute in einer "Zeit der Angst" leben

Kim Brooks verlor fast das Sorgerecht, weil sie ihren Sohn für einige Minuten ohne Aufsicht ließ. In ihrem Buch klagt sie ein System an, das Mütter dazu zwingt, wie ein Bodyguard über die Sicherheit der Kinder zu wachen – auch wenn gar keine Gefahr besteht.

Dürfen Kinder eigene Erfahrungen machen? Oder müssen sie immer bewacht werden?


Dürfen Kinder eigene Erfahrungen machen? Oder müssen sie immer bewacht werden?

Getty Images

Vier Minuten verwandelten das Leben der Amerikanerin Kim Brooks in einen Albtraum. Im Jahr 2011 verließ sie kurz ihr Auto, um etwas im Supermarkt abzuholen. Ihr vierjähriger Sohn blieb kurz im Auto und spielte auf dem iPad. Sie wollte ihn eigentlich mitnehmen, aber der Knabe rebellierte und so gab sie nach.

Aber irgendjemand hatte den Jungen allein im gesehen und sofort den Notruf gewählt.

Kim Brooks wurde von der Staatsanwaltschaft angeklagt, man drohte ihr das Sorgerecht für alle ihre zu entziehen. Sie fürchtete, ihre Ehe und ihren Beruf zu verlieren. Zwei Jahre dauerte das Verfahren. Brooks hatte kein Gesetz verletzt, willigte aber schließlich ein, dass sie gegen die Einstellung des Verfahrens hundert Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und Elternschulungen durchlaufen müsse.

Das alles wegen vier Minuten. Aus Angst ging Kim Brooks auf den faulen Deal ein, aber sie fragte sich weiter, warum die Eltern von Kindern heute in der ständigen Angst leben müssen, etwas falsch zu machen. Und warum die Behörden dieses der Angst schaffen.

Kreuzzug gegen Mütter

Brooks fand weitere , die von den Behörden wegen ähnlicher Fälle drangsaliert wurden. "Ich bin nicht die Einzige, die die Kosten der Erziehung im Zeitalter der Angst bezahlen musste", schrieb Brooks in einem viel beachteten Essay "Motherhood in the Age of Fear" in der "New York Times", der auf ihrem Buch "Small Animals: Parenthood in the Age of Fear" beruht.

"Heute leben wir in einem Land, in dem es als kriminell gilt, Kindern zu erlauben, sich der direkten Aufsicht durch Erwachsene zu entziehen, und sei es nur für eine Sekunde."

Die Argumentation läuft in etwa so: Ganz egal, was die Kinder machen - ob sie radfahren, spielen oder herumsitzen -, es könnte immer eine schreckliche Gefahr auftauchen. Also müssen die Eltern, de facto sind nur die Mütter gemeint, immer bereit und anwesend sein, um diese Gefahr abzuwenden. Die Mutter wird so zu einem 24-Stunden-Bodyguard für ihre Kinder – freie Zeit steht ihr nicht zu.

Nur kein Risiko

Eine Zeit frei von Eltern haben auch die Kinder nicht. Der Trend in den USA geht in die Richtung einer Null-Risiko-Erziehung. Kinder gehen nicht mehr allein zur Schule oder spielen miteinander in einem Park. Während bei uns gegen Eltern Front gemacht wird, die ihre Kinder mit einem Auto zur Schule bringen, wäre man in den USA mit einem Bein im Gefängnis, wenn man sie unbeaufsichtigt dorthin mit dem Rad fahren ließe.

Kinder können nicht mit dem Fahrrad auf geheimen Pfaden durch den Wald fahren und eine Höhle aus Ästen bauen, klagt Brooks. All diese Erfahrungen fehlen ihnen. Es geht nicht um eine echte Gefahr, auch nicht um die Risikobewertung durch die Eltern – es reicht aus, das irgendeine Person eine Gefahr vermuten könnte. Eine Nonstop-Überwachung ist nicht möglich, es sei denn, man kann sich eine leisten. Krippenplätze kosten in den USA im Schnitt 17.000 Dollar pro Jahr, so Brooks. Nur wohlhabende Menschen können daher gute Eltern sein.

Die Zeiten haben sich geändert. Auf Goodreads berichtet Leserin Shelly ein eigenes Erlebnis. "Als meine Tochter ungefähr acht Jahre alt war, gingen wir an einem Auto vorbei, in dem ein Kind ein Buch mit heruntergelassenen Fenstern las. Meine Tochter machte sich Sorgen, dass ein Kind allein im Auto mitten auf einem Safeway-Parkplatz sein könnte. 'Das war normal, als ich aufwuchs', sagte ich ihr. 'Ich habe immer darum gebeten, im Auto zu bleiben, damit ich lesen kann.'"

Es geht gegen die Armen

An den Beispielen von Kim Brooks erkennt man die Klassen- und Rassenjustiz der USA. Die arme Imbiss-Angestellte Debra Harrell ließ ihre Tochter während ihrer Arbeit im Park gegenüber spielen. Sie wurde wegen Vernachlässigung angeklagt, das Kind kam in eine Pflegefamilie.

Die Anwältin Julie Koehler wurde von einem Polizisten wegen einer angeblichen Vernachlässigung zur Rede gestellt. Sie lachte den Beamten auf offener Straße aus und fragte ihn, gegen welche Gesetze sie denn verstoßen haben solle. Die wohlhabende Koehler, die sofort deutlich gemacht hatte, dass sie sich juristisch wehren kann, blieb unbehelligt.

Barbara W. Sarnecka von University of California, erforschte, wie Beobachter die Gefahr von Kindern einschätzen. Erstaunliches Ergebnis: Es kommt nicht so sehr darauf an, in welcher Situation ein Kind sei, sondern, aus welchen Gründen die Eltern es allein lassen. Bei guten Gründen - Arbeit - gilt die Gefahr als klein, bei unmoralischen Gründen - Liebhaber - wird die Gefahr hoch eingeschätzt. "Es geht nicht um Sicherheit", sagt Sarnecka. "Es geht darum, eine soziale Norm durchzusetzen."

In den USA beginnt ein Umdenken. Im März verabschiedete Utah als erster Bundesstaat ein Gesetz zum Schutz von Eltern, die ihre Kinder frei und unbeaufsichtigt aufwachsen lassen.

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