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Geschichte der Immunisierung Impfskepsis geht durch alle Zeiten – ein historischer Rückblick

Pockenimpfung
Bereits die erste Impfung gegen Pocken löste Skepsis in der Bevölkerung aus.
© akg-images/ / Picture Alliance
Das Misstrauen gegen Impfungen ist so alt wie die Impfungen selbst. Bereits 1796 stieß der britische Arzt Edward Jenner mit der Pockenimpfung auf Skepsis.

1796: Erste Ängste vor Pockenimpfung

Über Jahrhunderte waren die Pocken eine der schlimmsten Viruserkrankungen, an ihnen starben Millionen Menschen. 1796 kam der englische Arzt Edward Jenner auf die Idee, ein Kind mit den für Menschen harmlosen Kuhpockenviren zu infizieren und so die Immunabwehr anzuregen, nachdem er beobachtet hatte, dass Melkerinnen selten an Pocken erkrankten.

Das Verfahren – von Jenner als "vaccinus" (von lateinisch "Kuh") bezeichnet – war erfolgreich, löste aber von Anfang an Skepsis und Angst aus. Seit 1980 gelten die Pocken dank der Impfung als ausgerottet.

1853: Kritik an erster Impfpflicht

Ab 1853 mussten alle Kinder in Großbritannien gegen Pocken geimpft werden. Diese erste Impfpflicht der Geschichte stieß auf heftigen Widerstand. Die Gegner lehnten die Impfung aus religiösen Gründen ab, sahen ihre individuelle Freiheit verletzt oder hatten Bedenken, sich eine tierische Substanz injizieren zu lassen. 1898 wurde eine "Gewissensklausel" eingeführt, die Ausnahmen von der Impfpflicht erlaubte.

1885: Profit mit der Tollwutimpfung

Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte der französische Mikrobiologe Louis Pasteur einen Impfstoff gegen Tollwut mit einem abgeschwächten Virusstamm. Sein Verfahren löste Misstrauen aus: Pasteur wurde beschuldigt, mit der Herstellung einer "Labortollwut" Profit machen zu wollen.

1920er Jahre: Aluminiumsalze als neue Gefahr

In den 1920er Jahren machte die Forschung große Fortschritte, mehrere neue Impfstoffe kamen auf den Markt: 1921 gegen Tuberkulose, 1923 gegen Diphtherie, 1926 gegen Tetanus und 1926 gegen Keuchhusten.

Damals wurde auch damit begonnen, den Impfstoffen Aluminiumsalze beizumischen, um die Wirksamkeit zu erhöhen. Mehr als ein halbes Jahrhundert später gerieten diese Salze in Verdacht, die Makrophagische Myofasciitis zu verursachen, eine auf die Impfregion begrenzte entzündliche Veränderung der Muskulatur.

1998: Gefälschte Autismus-Studie

Die angesehene medizinische Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichte 1998 eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen der Masern-Mumps-Röteln-Impfung und Autismus suggerierte. Die Arbeit von Andrew Wakefield wurde Jahre später als Betrug entlarvt und von der Zeitschrift zurückgezogen, weitere Studien fanden keinerlei Kausalität zwischen Impfung und Autismus.

Impfgegner beziehen sich jedoch bis heute auf die gefälschte Studie. Die MMR-Impfquote geht zurück, die Zahl der Masern-Toten steigt. 2019 waren es weltweit 207.500 – 50 Prozent mehr als 2016.

2009: Impfung gegen die Schweinegrippe: Angst vor der Schlafkrankheit

Eine H1N1-Grippe-Pandemie, ausgelöst durch ein Virus aus der gleichen Familie wie die Spanische Grippe von 1918, versetzte die Weltgesundheitsorganisation 2009 in Alarm. Massenimpfungen gegen die sogenannte Schweinegrippe wurden organisiert, aber die Epidemie verlief weniger schlimm als erwartet. Millionen Impfstoffdosen mussten weggeworfen werden. Die Impfkampagne weckte Misstrauen – vor allem, weil einer der Impfstoffe offenbar das Risiko von Narkolepsie erhöhte.

Von 5,5 Millionen Schweden, die sich damals impfen ließen, erkrankten Hunderte an der seltenen Schlafkrankheit. 440 Fälle wurden als Impfschäden anerkannt und die Betroffenen erhielten Entschädigungen.

2020: Verschwörungserzählungen zur Polio-Impfung

In Afrika ist die Kinderlähmung dank der Impfung seit August 2020 ausgerottet. In Pakistan und Afghanistan grassiert die Krankheit, die bei Kindern zu Lähmungen führt, weiter. Viele Menschen dort glauben Verschwörungstheorien, wonach der Westen durch die Polio-Impfung muslimische Kinder unfruchtbar machen wolle.

cl DPA

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