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Irrationale Angst vor Langzeitfolgen Warum einige Impfskeptiker auf Totimpfstoffe gegen das Coronavirus hoffen

Impfstoffe Totimpfstoffe Coronavirus: Eine Mitarbeiterin eines Impfteams zieht eine Spritze auf
In der Europäischen Union sind bislang sogenannte Vektor- und mRNA-Impfstoffe gegen das Coronavirus zugelassen
© Sebastian Gollnow / DPA
Nationalspieler Joshua Kimmich hat mit seiner Impfskepsis am Wochenende eine Debatte losgetreten, in der auch Bezug zu sogenannten "Totimpfstoffen" gegen das Coronavirus genommen wird. Was hat es damit auf sich?

Nationalspieler Joshua Kimmich (26) hat sich nach eigenen Angaben noch nicht gegen das Coronavirus impfen lassen – er habe "persönlich noch ein paar Bedenken, gerade, was fehlende Langzeitstudien angeht", hatte der Bayern-München-Spieler am Wochenende nach der Partie gegen 1899 Hoffenheim im TV-Sender Sky eingeräumt. Ein "Coronaleugner" oder "Impfgegner" sei er aber nicht. Es sei "sehr gut möglich“, dass er sich in Zukunft impfen lasse. Nähere Angaben, wann dies der Fall sein könnte und welcher Impfstoff für ihn in Frage käme, machte der 26-jährige Spieler aber nicht.

Mit seinen Aussagen löste der Profi-Fußballer eine öffentliche Diskussion aus. Experten wiesen seine Bedenken als unbegründet zurück.

In der aktuellen Debatte und in Berichten zum Thema wird auch Bezug zu sogenannten Totimpfstoffen gegen das Coronavirus genommen. Überraschend ist das nicht: Bereits seit längerem ist bekannt, dass Totimpfstoffe für Impf-Unentschlossene in einigen Fällen die präferierte Wahl sind. So hatte etwa der österreichische Profi-Tennisspieler Dominic Thiem vor Kurzem erklärt, dass er noch nicht geimpft sei, weil er auf einen Totimpfstoff warte. Totimpfstoffe gegen das Coronavirus sind in der Europäischen Union bislang nicht zugelassen, werden aber in klinischen Studien untersucht.

Äußerungen wie diese lassen schnell die Vermutung aufkommen, dass Totimpfstoffe womöglich sicherer als bereits zugelassene Impfstoffe gegen das Coronavirus sind. Warum das nicht der Fall ist und weshalb eine mögliche Zulassung der Impfstoffe dennoch sinnvoll ist – ein Überblick.

Was unterscheidet Totimpfstoffe von bereits zugelassenen Corona-Impfstoffen wie Vektor- und mRNA-Impfstoffen?

Alle aktuellen Impfstoffe gegen das Coronavirus funktionieren grundsätzlich auf ein- und dieselbe Weise: Sie bringen den Körper dazu, eine schützende Immunantwort gegen das Virus aufzubauen und senken so das Risiko für schwere Verläufe und Todesfälle.

Impfstoffe gegen Covid-19 und Impfstoffkandidaten basieren aber teils auf unterschiedlichen Technologien: mRNA-Impfstoffe (Biontech/Pfizer, Moderna) enthalten sogenannte "messenger-RNA", die dem Körper den Bauplan für ein Virusprotein liefert. Bei Vektorimpfstoffen (Astrazeneca, Johnson & Johnson) sind genetische Informationen des Virus in harmlose Trägerviren, sogenannte Vektoren, eingebaut.

Totimpfstoffe gegen das Coronavirus enthalten mitunter das gesamte Coronavirus, allerdings in inaktivierter Form. Die abgetöteten Erreger werden in der Regel mit einem Wirkverstärker versetzt, um eine ausreichend gute Immunantwort nach der Impfung hervorzurufen. Wichtig zu wissen: Zu den Totimpfstoffen werden auch Vakzine gezählt, die nur Bestandteile oder einzelne Moleküle des Erregers enthalten – sogenannte Spalt- oder Untereinheiten-Impfstoffe.

Warum wollen einige Impfskeptiker auf die Zulassung eines Totimpfstoffs gegen das Coronavirus warten?

Menschen, die einer Impfung bislang skeptisch gegenüberstehen, argumentieren mitunter, dass Impfstofftechnologien auf mRNA- beziehungsweise Vektorbasis noch recht neu seien. Mögliche Nebenwirkungen seien daher nicht gut absehbar, so die Argumentation. Dieser Logik folgend sollen Totimpfstoffe weniger potenzielle Risiken bergen, da die Technologie bereits seit vielen Jahren zum Einsatz kommt, beispielsweise in Form von Impfstoffen gegen Hepatitis B und Grippe.

Allerdings: In den klinischen Studien vor der Zulassung muss jeder einzelne Impfstoff unter Beweis stellen, dass er wirksam und sicher ist. Pauschale Aussagen über bestimmte Impfstoffklassen sind daher nicht möglich. Das zeigt auch der Fall des mRNA-Impfstoffkandidaten von "Curevac": Weil die Wirksamkeit des Impfstoffkandidaten in klinischen Studien zu wünschen übrig ließ, wird das Mittel nicht auf den Markt kommen.

Für die bereits zugelassenen mRNA- und Vektorimpfstoffe liegen die Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit aus den Zulassungsstudien bereits seit längerem vor. Hinzu kommen Daten aus weiterführenden Untersuchungen und Studien, da Impfstoffe auch nach der Zulassung fortlaufend überwacht werden und Verdachtsmeldungen auf Nebenwirkungen nachgegangen wird. Für Letzteres ist in Deutschland das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zuständig. 

Dass durch die aktuellen Corona-Impfstoffe eine häufige Nebenwirkung auftrete, die erst in einem Jahr erkannt werde, hält der Immunologe Carsten Watzl für "ausgeschlossen", wie er auf Twitter schreibt. Der Grund: Nebenwirkungen passieren "immer recht kurz nach der Impfung", so Watzl. Das liege daran, dass die durch den Impfstoff hervorgerufene Immunreaktion nach wenigen Wochen abgeschlossen sei und der Impfstoff wieder aus dem Körper verschwinde.

Was gemeinhin unter Langzeitfolgen von Impfungen bekannt sei, seien in Wahrheit seltene Nebenwirkungen, die kurz nach der Impfung auftreten, aber erst nach einiger Zeit mit dem Impfstoff in Verbindung gebracht werden können – schlicht aus dem Grund, weil sie so selten seien. Da aktuelle Impfstoffe aber millionenfach und in relativ kurzer Zeit verimpft worden seien, würden selbst seltenste Nebenwirkungen rasch als solche erkannt, so Watzl.

Als Beispiel führt er Myokarditis-Fälle auf. Es zeigte sich, dass nach Impfungen mit Biontech/Pfizer oder Moderna in sehr seltenen Fällen Herzmuskelentzündungen auftreten können, vor allem bei männlichen Jugendlichen und jungen Männern – einer Altersgruppe, die auch ohne Impfung ein erhöhtes Risiko für diese Erkrankung hat. Herzmuskelentzündungen werden zudem auch nach Covid-19-Erkrankungen beobachtet. Nach Ansicht der Ständigen Impfkommission (Stiko) überwiegt der Nutzen der Impfstoffe dennoch.

Hätte man in dieser Altersgruppe nur eine Million Covid-Impfungen pro Jahr gemacht, hätte es Jahre gedauert, um die seltene Nebenwirkung zu erkennen, so Watzl. "Worauf wollen Leute, die Langzeitstudien abwarten wollen, also noch warten?", so Watzl. "Auf eine noch seltenere Nebenwirkung, die nur bei einer bestimmten Bevölkerungsgruppe bei einem in 1 Mio Geimpften auftritt?"

Wenn ein Impfstoff zur Verwendung an Menschen freigegeben wird, gebe es begleitende Studien, die genau untersuchten, ob es bei der Anwendung zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen könne, betonte auch Stiko-Chef Thomas Mertens. "Man muss bedenken, dass mittlerweile sieben Milliarden Dosen an Menschen mit Covid-19-Impfstoff verimpft worden sind", sagte er. "Dass es bei der Anwendung eines Impfstoffes über knapp ein Jahr keine Zehnjahres-Beobachtungsstudien geben kann, ist klar." Das gelte aber für jedes neue Medikament auch, ebenso wie für jeden anderen Impfstoff, der neu angewendet werde. 

Wann wird in der EU ein Totimpfstoff gegen das Coronavirus zugelassen?

In einigen Ländern, darunter China, kommen Totimpfstoffe gegen das Coronavirus bereits zum Einsatz. Wann es zu einer Zulassung in der EU kommt, ist aber noch nicht abzusehen. Experten gehen derzeit davon aus, dass es durchaus noch einige Monate dauern könnte, bis der erste Totimpfstoff in Deutschland verimpft werden kann – vorausgesetzt, es kommt zu einer Zulassung.

Karl-Heinz Rummenigge

Einige Totimpfstoffe befinden sich derzeit im Zulassungsverfahren bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA, darunter ein Impfstoff von Sanofi/GSK. Auch ein Totimpfstoff von Novavax (NVX-CoV2373) wird derzeit von der EMA geprüft. Er enthält Bestandteile des sogenannten Spikeproteins, mit dem das Coronavirus an menschliche Zellen andocken kann. Aber: Allein die Tatsache, dass ein Impfstoff von der EMA geprüft wird, bedeutet nicht automatisch, dass auch eine Zulassung erfolgt.

Wenn über Totimpfstoffe gesprochen wird, fällt oft auch der Name des französisch-österreichischen Konzerns Valneva. Das Unternehmen legte vergangene Woche positive Ergebnisse für seinen Totimpfstoff "VLA2001" aus der klinischen Phase-3-Studie vor. Demnach sei bei Probanden im Vergleich zum Astrazeneca-Impfstoff ein höherer mittlerer Wert an neutralisierenden Antikörpern festgestellt worden. Das Mittel sei zudem "im Allgemeinen gut verträglich", teilte das Unternehmen mit. An der Studie hatten den Angaben zufolge mehr als 4000 Menschen ab 18 Jahren in Großbritannien teilgenommen. Ein Zulassungsverfahren bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA gibt es für diesen Impfstoff bislang aber nicht.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) plant für 2022 mit rund 70 Millio­nen Dosen Totimpfstoffen. Sie verteilen sich nach Angaben des "Ärzteblatts" auf die Impfstoffe der Hersteller Sanofi (42 Millionen), Novavax (16,3 Millio­nen) und Valneva (elf Millionen). Der Löwenanteil entfällt auf den mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer (84,4 Millionen bestellte Dosen). Bestellungen gibt es zudem für Moderna (31,8 Millionen Dosen) und Johnson & Johnson (18,3 Millionen Dosen).

Lohnt es sich auf die Zulassung der Totimpfstoffe zu warten?

Expertinnen und Experten sind sich einig: Die zugelassenen Impfstoffe gegen das Coronavirus sind sicher und wirksam. "Es gibt kaum einen Impfstoff, der so gut und breit untersucht wurde, wie das inzwischen die mRNA-Vakzine sind", betonte etwa die Virologin Ulrike Protzer von der TU München gegenüber dem "Bayerischen Rundfunk"

Unentschlossene, die dennoch die Zulassung eines Totimpfstoffs abwarten wollen, müssen sich im Klaren darüber sein, dass die Wartezeit mit dem Risiko einhergeht, sich in der Zwischenzeit mit dem Coronavirus anzustecken. Langzeitfolgen einer Erkrankung mit dem Coronavirus sind bereits vielfach beschrieben. Aktuell steigen die Fallzahlen zudem stark – eine Entwicklung, die sich in den kommenden Wochen voraussichtlich weiter fortsetzen wird.

Die Zulassung eines Totimpfstoffs könnte letztlich aber nicht nur bislang Unentschlossenen zugute kommen: Die Impfstoffkandidaten sind auch als mögliche aussichtsreiche Kandidaten für Auffrischungs- oder Booster-Impfungen im Gespräch.

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ikr / mit Agentur DPA

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