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Zweiter Weltkrieg Kampf um die Festung Brest – wieso die Deutschen die Sowjets nicht besiegen konnten

Das Heroische Gemälde zeigt den Gegenstoß der Sowjets aus der Krankenabteilung in den Innenhof. 
Das Heroische Gemälde zeigt den Gegenstoß der Sowjets aus der Krankenabteilung in den Innenhof. 
© Commons
Beim Überfall auf die UdSSR mussten die Deutschen die Festung Brest einnehmen. Schon in den ersten Tagen zeigte sich, was für einen zähen Widerstand die vermeintlichen "Untermenschen" leisten können.

Um die Festung Brest, heute an der Westgrenze von Belarus gelegen, wurde im Zweiten Weltkrieg mehrfach gekämpft. 1941 war die Festung von Sowjet-Truppen besetzt. Aufgrund des infamen Pakts zwischen der UdSSR und Deutschland wurde sie nach dem Zusammenbruch des polnischen Widerstandes an die Rote Armee übergeben. Doch der Hitler-Stalin-Pakt war bekanntlich nicht der Beginn einer friedlichen Koexistenz, er verschob Hitlers Angriff gegen den Hauptfeind im Osten nur.

Als die Wehrmacht im Juni 1941 zum Unternehmen Barbarossa antrat, war die alte Festung aus dem 19. Jahrhundert eines der ersten Ziele. Auf den ersten Blick hatte die Erstürmung der Festung durch die deutsche 45. Infanteriedivision keine besondere Bedeutung für den Feldzug. Erst später und teilweise erst nach dem Krieg konnte man schon hier erkennen, warum die Deutschen die Sowjets trotz des Ungestüms ihres Ansturms nicht niederringen konnten.

Veraltete Anlage 

Die Festung selbst war schon zur Zeit des Ersten Weltkrieges veraltet. 1941 wurden die meisten Gebäude nur als Lagerräume genutzt. Was aber blieb, war die Lage am Zusammenfluss von zwei Flüssen - Westlichem Bug und Muchawez. Das Gelände macht es schwer Panzer einzusetzen. Bunker und Festungsmauern waren für den Krieg des 19. Jahrhunderts konzipiert, aber dennoch boten sie den Verteidigern Schutz.

Die Deutschen traten mit immerhin 15.000 Mann an, die Sowjets hatten etwa 9000 bis 11.000 Mann um die Festung konzentriert, dazu kamen Grenzschutzbeamte und Hunderte Familienangehörige.

Die Deutschen bereiten den Angriff mit Artillerie vor. Ein Teil der Garnison brach befehlsgemäß aus der Festung auf. In der Theorie eine richtige Entscheidung, in der Praxis ein Fehler – ohne die schützende Festung wurden die nur leicht bewaffneten Truppen von den Deutschen eingekreist. Es gelang auch der Einbruch in den Festungsbereich, aber am ersten Kampftag konnten die Verteidiger acht deutsche Angriffe zurückschlagen.

In der Nacht zum 23. Juni zogen sich die Deutschen aus der Festung zurück, um sie erneut mit Artillerie zu beschießen. Fast 2000 Sowjets nahmen das folgende Angebot an, in die Gefangenschaft zu gehen. Die verbliebenen Truppen hielten Teile der Zitadelle entschlossen weiter.

Zäher Widerstand um das Ostfort

Über die Kämpfe um das Ostfort schrieb der Kommandant der 45. Infanteriedivision, Generalmajor Fritz Schlieper: "Es war unmöglich, hier nur mit Infanterie vorzurücken, weil das hochorganisierte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer aus den tiefen Geschützstellungen und dem hufeisenförmigen Hof jeden, der sich näherte, niederschlug. Es gab nur eine Lösung: die Sowjets zur Kapitulation durch Hunger und Durst zu zwingen." Der Widerstand im Ostfort konnte erst gebrochen werden, als deutsche Pioniere eine Mine unterhalb dieses Festungsteils sprengten. Der deutsche Kaplan Rudolf Gschöpf: "Wir haben es erst nach und nach geschafft, in hartnäckigen Kämpfen eine Verteidigungsstellung nach der anderen einzunehmen. Die Garnison des sogenannten "Offiziershauses" auf der Zentralinsel hörte erst mit dem Gebäude selbst auf zu existieren ... Der Widerstand ging weiter, bis die Wände des Gebäudes zerstört und durch stärkere Explosionen dem Erdboden gleichgemacht wurden."

Der Kampf der Rotarmisten band die deutschen Truppen, hatte aber keine strategischen Auswirkungen. Die wichtigen Straßen und Eisenbahnlinien konnten die Deutschen schon am ersten Abend benutzen. Dennoch zeigte sich schon hier das Problem, an dem der deutsche Vormarsch letztlich scheitern würde. Der Widerstandswille des einfachen sowjetischen Soldaten hielt noch in aussichtsloser Lage an, wo andere Gegner aufgegeben hätten, wurde bis zum letzten gekämpft. Die Illusion vom unterlegenen "Untermenschen" platzte schon in den ersten Tagen des Feldzuges. "Die Russen in Brest-Litowsk kämpften extrem standhaft und hartnäckig. Sie zeigten eine hervorragende Infanterieausbildung und bewiesen einen bemerkenswerten Kampfwillen", notierte Generalleutnant Schlieper. Am 30. Juni brach der offizielle Widerstand zusammen. Über eine Woche hatten die Verteidiger die Deutschen aufgehalten.

Zäher Widerstand 

Insgesamt sah das Bild anders aus: Die Wehrmacht rückte sehr schnell vor, aufgrund von Chaos und Organisationsmängeln, kam es zu keiner zusammenhängenden Verteidigung in der Tiefe. Die Deutschen berauschten sich an ihren Siegen und an der Unzahl an Gefangenen. Doch schon die erste Begegnung in Brest hätte ihnen zeigen können, wie zäh das Land verteidigt wurde und wie viele Opfer sie der Vormarsch kosten würde. Im damaligen Chaos ging unter, was später zu den größten Sowjet-Mythen des Krieges werden sollte. Denn auch nach dem offiziellen Ende der Kämpfe ergaben sich nicht alle Soldaten. Im Labyrinth der Keller und Gänge unter der Zitadelle wurde weitergekämpft. Länger als 30 Tage hielten hier einzelne Gruppen aus, ohne Nachschub und Verpflegung, selbst ohne Wasser. Ihr Kampf blieb lange unbemerkt, erst als der Roten Armee die Aufzeichnungen der 45. Infanteriedivision in die Hände fielen, bemerkte man, dass die Westgrenze nicht wie ein Kartenhaus zusammengefallen war. Als der Vormarsch der Roten Armee wieder Brest erreichte, fand man die letzten heroischen Botschaften der Verteidiger, geritzt in die Wände der Keller.

"Wir werden sterben, aber wir werden die Festung nicht verlassen."

"Ich sterbe, aber ich werde nicht aufgeben. Lebe wohl, Mutterland."

Geburt eines Sowjet-Mythos

Nicht zuletzt, um den desolaten Zusammenbruch der sowjetischen Kräfte im Sommer 1941 zu verschleiern, wurde das Schicksal zu einer zentralen Heldengeschichte der Sowjets und wurde zur monatelangen Verteidigung der Festung aufgebauscht. Eine kühne Perspektive, denn tatsächlich war die Festung nach acht Tagen gefallen, daran änderte sich auch nichts, nur weil einige Soldaten zäh in einem Kellerversteck aushielten. Ähnlich wie die Kameradschaftsliteratur der Deutschen, aber auch die der Westallliierten, ließen sich die sowjetischen Schreiber der 1950er nicht vom Mangel an Quellen aufhalten. Über die Lücken half eine kreative Fantasie hinweg und so wurde der Widerstand plastisch ausgemalt.

Auf die Ebene der Weltliteratur geriet der Kampf um die Festung durch Konstantin Simonow ("Die Lebenden und die Toten"), verfilmt wurde er unter anderem 2010 in "Sturm auf Festung Brest". Der Film bietet sehenswerte Actionszenen und überrascht mit einem Mix von Vorkriegsidyll des Lebens in der Festung und den Verfolgungen der Stalinzeit. Stillfotos aus dem Film tauchen seitdem immer wieder bei Konflikten als Fake-Bilder für Gräueltaten auf.

Nach dem Ende der Kämpfe besetzte das deutsche Polizeibataillon 307 die Festung. Innerhalb von 14 Tagen wurden 4000 jüdische Männer und etwa 400 Kommunisten und sowjetische Funktionäre ermordet.

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