Asteroideneinschlag 100 Jahre nach der Tunguska-Explosion


Am 30. Juni 1908 verwüstete ein gigantischer Asteroideneinschlag den Osten Sibiriens. Astronomen haben berechnet, dass es im Schnitt alle 100 Jahre zu einem solchen Inferno kommt. Wie Wissenschaftler in Zukunft verhindern wollen, dass die Erde durch kosmische Einschläge Schaden nimmt.

Am 30. Juni 1908 erhellte ein greller Blitz den Himmel über Sibirien. Eine gigantische Druckwelle raste durch die bewaldete Einöde und knickte 60 Millionen Bäume wie Streichhölzer um. Erdbeben- und Luftdruckwellen liefen mit einer Geschwindigkeit von 500 Metern pro Sekunde mehrfach um die Erde. Noch in einer Entfernung von mehreren hundert Kilometern sahen Augenzeugen ein blendendes Glühen am Himmel und hörten ohrenbetäubende Schläge. Was war passiert?

Als der Ort des Ereignisses entdeckt wurde, standen Wissenschaftler vor einem Rätsel. Es gab keinen Krater und es wurden auch nur kleine Meteoritenbruchstücke aufgespürt. "Russische Wissenschaftler haben aber ziemlich zweifelsfrei geschlossen, dass es ein Steinmeteorit gewesen ist", sagt der Astrophysiker und Asteroidenexperte Gerhard Neukum. Ein vermutlich nur 20 Meter großer Steinmeteorit war in 10 bis 20 Kilometern Höhe über dem Fluss Steinige Tunguska in Ostsibirien explodiert. Die Explosion setzte nach heutigem Wissen die Sprengkraft von bis zu 1000 Hiroshima-Bomben frei.

Die nächsten Jahre bleibt die Erde verschont

Nach Berechnungen der US-Raumfahrtbehörde Nasa ist ein solcher kosmischer Einschlag etwa alle hundert Jahre zu erwarten. Geschätzte 100.000 Tunguska-Objekte schwirren in der Nähe der Erdbahn durchs All. Die nächste Katastrophe hatte bereits ein Datum: Ausgerechnet am Freitag den 13. sollte der 300-Meter-Brocken Apophis die Erde treffen. Für den Asteroiden, benannt nach dem altägyptischen Dämon des Chaos, ergab sich vorübergehend eine Einschlagwahrscheinlichkeit von immerhin 1 zu 37 am 13. April 2029. "Ein solcher Treffer könnte ein ganzes Land von der Landkarte wischen", erläutert Neukum. Weitere Beobachtungen machten im Fall von Apophis allerdings schnell klar: 2029 bleibt die Erde noch einmal verschont.

Dennoch, der nächste Asteroideneinschlag wird theoretisch schon erwartet. "Wenn es über einer Stadt passiert, gibt es tausende Tote", warnt Neukum, der ein Modell des Asteroiden Toutatis auf seinem Schreibtisch an der Freien Universität Berlin stehen hat. Das kartoffelförmige Objekt ist in der Realität fünf Kilometer groß und wird nach Neukums Überzeugung "auf jeden Fall" irgendwann einschlagen, auch wenn es noch Millionen Jahre dauern könne. Mit fast der halben Größe wie der Chicxulub-Meteorit, der vor 65 Millionen Jahren die Dinosaurier ausgelöscht hat, besitze auch Toutatis das Potenzial für eine globale Verwüstung. "Das ist ein Killer", bekräftigt der Asteroidenexperte.

Nasa-Pogramm spürt Asteroiden auf

Die Nasa hat mit einem systematischen Beobachtungsprogramm, dem "Near Earth Object Program", bislang rund 1000 potenziell gefährliche Erdbahnkreuzer aufgespürt. "Potenziell bedeutet nicht, dass ein Objekt auf jeden Fall einschlagen wird", betonen die Nasa-Forscher. Niemand solle sich daher übermäßig sorgen. "Die Bedrohung für den einzelnen durch Autounfälle, Krankheiten, andere Naturkatastrophen und eine Vielzahl weiterer Probleme ist weit größer als durch erdnahe Objekte." Langfristig sei das Einschlagrisiko jedoch nicht vernachlässigbar und rechtfertige eine systematische Überwachung.

Mit ausreichender Vorwarnzeit könnte ein bedrohlicher Asteroid dann sogar soweit abgelenkt werden, dass er an der Erde vorbeifliegt. Dazu gibt es verschiedene Vorstellungen. Die in Hollywood-Filmen populäre Sprengung sollte jedoch tunlichst vermieden werden, wie die Nasa betont. "Das schafft nur ein größeres Problem, wenn die ganzen Trümmer die Erde treffen."

Schon eine Folie könnte helfen

Eine Wasserstoffbombe, oberhalb der Asteroidenoberfläche gezündet, könnte dagegen das Oberflächenmaterial auf einer Seite so weit aufheizen, dass es abplatzt und der Rückstoß den Asteroiden leicht aus seiner Bahn wirft. Je nach Vorwarnzeit und Bahn könnte es auch bereits genügen, eine stark reflektierende Folie auf einer Seite des Asteroiden zu montieren, wodurch er einseitig weniger Sonnenstrahlung schluckt, was wiederum zu einer leichten Bahnänderung führt. Dass solche Missionen prinzipiell machbar sind, hat unter anderem die Nasa-Sonde "Deep Impact" gezeigt, die vor drei Jahren zielgenau ein kühlschrankgroßes Kupfergeschoss in den Kometen Tempel 1 gejagt hatte.

Apophis wird sich der Erde nach jüngsten Berechnungen der Nasa am 13. April 2029 immerhin auf knapp 30.000 Kilometer nähern. Das ist nur rund ein Zehntel der Distanz zum Mond und sogar weniger als der Abstand zahlreicher Fernseh-, Navigations- und Wettersatelliten. Wegen der genauen Lage der Asteroidenbahn hält die Nasa eine Kollision mit solchen geostationären Satelliten allerdings für ausgeschlossen. Bei klarem Himmel könnten Beobachter den Asteroiden jedoch mit bloßem Auge als Lichtpunkt über das Firmament huschen sehen.

Lesen sie hier weiter, welche Asteroiden der Erde in diesem Jahrhundert nahe kommen.

Das NASA-Beobachtungsprogramm für erdnahe Objekte ("Near Earth Objects Program") berechnet für alle bekannten Erdbahnkreuzer das Kollisionsrisiko. Ein konkreter Treffer ist zurzeit nicht vorausgesagt. Die zehn dichtesten Begegnungen mit Objekten von mehr als 50 Metern Größe in diesem Jahrhundert werden nach derzeitigem Wissen diese sein:

DatumObjektEntfernung Geschwindigkeit
13. Apr 202999942 Apophis 29.470 km26.700 km/h
26. Jun 20282001 WN5230.400 km37.500 km/h
07. Aug 20271999 AN10384.000 km 94.600 km/h
31. Aug 20802002 CU11653.000 km94.900 km/h
28. Mai 20652005 WY55691.000 km67.500 km/h
23. Sep 20601999 RQ36768.000 km22.300 km/h
21. Okt 20862340 Hathor883.000 km47.600 km/h
13. Nov 20612000 WC1883.000 km41.200 km/h
26. Okt 20281997 XF11921.000 km50.100 km/h
29. Feb 20961996 RG3 921 000 km50 900 km/h
Till Mundzeck, DPA DPA

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