HOME

Chris Hadfield: Überlebenstipps vom berühmtesten ISS-Astronauten

Chris Hadfield ist als singender Astronaut mit Gitarre berühmt geworden. In seinem Buch erzählt er vom Alltag im Weltraum und was man dort für das Leben auf der Erde lernen kann.

Von Dominik Brück

Mit einer Gitarre in der Hand und David Bowies Song "Space Oddity" verabschiedete sich Astronaut Chris Hadfield von seinem letzten Aufenthalt an Bord der ISS. Das Video des singenden Astronauten wurde auf Youtube millionenfach geklickt und machte Hadfield weltweit bekannt. "Das Ganze ist aber gar nicht meine Idee gewesen", verrät der Kanadier bei einer Lesung seines neuen Buches in Hamburg.

Sein Sohn Evan habe ihn dazu überredet, das Video aufzunehmen. Hadfields Bedingung: Anders als im Originaltitel muss Major Tom am Ende überleben. Evan schrieb den Song um, und sein Vater schwebte Gitarre spielend durch die Raumstation und funkte das berühmte Video nach Hause. Auch Hadfield kehrte kurz darauf wohlbehalten auf die Erde zurück und erklärt jetzt in seinem Buch "Anleitung zur Schwerelosigkeit", was wir alle vom Alltag im Weltraum lernen können.

Eckiger Astronaut, runde Luke

Fünfeinhalb Monate hat Hadfield allein bei seiner letzten Mission im Weltraum verbracht und dabei mehr als 2000 Mal die Erde umrundet. Der Weg dorthin war nicht leicht: Bereits als Neunjähriger träumt Hadfield davon, Astronaut zu werden. "Neil Armstrongs Schritte auf dem Mond haben mich inspiriert, weil er möglich gemacht hat, was unmöglich schien", erzählt Hadfield. Er wird Kampfpilot und fliegt Testflugzeuge, bevor er schließlich zum Astronauten ausgewählt wird. Was wie ein perfekter Lebenslauf klingt, ist aber ein langer Weg voller Höhen und Tiefen, der in "Anleitung zur Schwerelosigkeit" spannend und ausführlich erzählt wird. Trotzdem kann der Astronaut sein Leben in einem kurzen Satz zusammenfassen: "Ein eckiger Astronaut muss durch eine runde Luke." Heißt: Es läuft nicht immer alles rund.

Das erlebte Hadfield bei seinem ersten Weltraumspaziergang. "Es bringt viele Vorteile, die Luken in einem Raumschiff rund zu machen", erklärt der ISS-Astronaut. "Leider haben sich die Raumschiffingenieure nicht mit den Konstrukteuren der Raumanzüge abgesprochen, die einen eckigen Rucksack für den Anzug konstruiert haben", so Hadfield weiter. Es sei daher gar nicht so einfach, sich durch die enge Luke zu zwängen. Man müsse sich dafür einige Male hin- und herbewegen. "Das Leben ist voller runder Löcher. Um da durch zu kommen, muss man etwas ändern, und das ist meistens man selbst, da die Löcher sich nicht verändern werden", sagt Hadfield. Das ist nicht die einzige Lehre, die er aus seinen mehr als 20 Jahren als Astronaut auch für den Alltag auf der Erde gezogen hat.

Tipps und Tricks auch für das Leben auf der Erde

In seinem Buch erzählt der erfahrene Raumfahrer vom faszinierenden Alltag 400 Kilometer über der Erdoberfläche. Von defekten Toiletten bis hin zu streikenden Feuermeldern hat Hadfield viele Situationen erlebt, die er nur aufgrund seiner guten Vorbereitung bewältigen konnte - für ihn auch im irdischen Leben eine wesentliche Voraussetzung für Erfolg. "Das Leben eines Astronauten besteht daraus, für Dinge zu trainieren, die wahrscheinlich nie passieren werden", sagt Hadfield. Dennoch sei diese Philosophie auch für seinen persönlichen Werdegang entscheidend gewesen. Das bleibt nicht der einzige Ratschlag, den Hadfield seinen Lesern mit auf den Weg gibt. Vielmehr bettet er in die spannenden und oftmals auch lustigen Anekdoten aus seinem Astronautenleben eine Vielzahl von Tipps und Tricks ein, die es jedem erleichtern sollen, die eigenen Träume und Ziele zu verwirklichen - dazu zählen unter anderem die folgenden:

  • Vorbereitung ist alles: Das ist die wichtigste Regel von Chris Hadfield. Er bereitet sich auch auf die unwahrscheinlichsten Möglichkeiten vor. So lernte er einmal wochenlang den Song "Rocket Man" auf der Gitarre, da er auf einer Veranstaltung auftreten sollte, bei der auch Elton John anwesend war. Zwar lud der Musiker Hadfield nicht wie erhofft ein, mit ihm zu singen, doch der Astronaut sieht das nicht als Verlust. "Es ist doch cool 'Rocket Man' spielen zu können", schreibt er.
  • Angst ist gut, wenn man sie kontrollieren kann: Was viele für ungewöhnlich halten, ist für Chris Hadfield keine Schande - der Astronaut hat Höhenangst. Der Kanadier sieht die Angst sogar positiv, da sie ihn zum Beispiel davor bewahre, von einer Klippe zu fallen. Man müsse nur trainieren, mit der Angst umgehen zu können. "Mit viel Vorbereitung ist es dann auch nicht mehr beängstigend, an der Spitze einer Rakete mit mehreren Tonnen hochexplosiven Treibstoff zu sitzen", sagt Hadfield.
  • Nutze die Kraft des negativen Denkens: Anders als viele Selbsthilfe-Gurus, empfiehlt Hadfield nicht, postiv zu denken und sich den Erfolg vorzustellen, sondern sich damit zu beschäftigen was alles schief gehen kann. Bei der Nasa geht das soweit, dass der eigene Tod und alle damit verbundenen Probleme und Herausforderungen durchgespielt werden. So kann man laut Hadfield rechtzeitig erkennen, woran man noch arbeiten muss und Probleme bereits im Vorfeld lösen.
  • Halte dich mit Kleinigkeiten auf: Diese Regel hat den Astronauten sein ganzes Leben lang begleitet. Es sind oft Details, die im All wie auf der Erde einen großen Unterschied machen können. So war es bei dem Unglück der Raumfähre "Columbia" nur ein Stück Schaumstoff, das den Tod von sieben Astronauten zur Folge hatte.
  • Wachse an Herausforderungen: Ein Problem darf man laut Hadfield nicht immer negativ sehen. "Wenn man Menschen eine Herausforderung gibt, werden sie eine Lösung finden", sagt der Astronaut. So entstand durch die Frage, wie man Blutuntersuchungen im All einfacher durchführen könnte, ein Gerät, das heute in Afrika und anderen entlegenen Regionen die Diagnose erleichtert.

Das Leben auf der Erde zählt

Nach rund 4000 Stunden im All hat Hadfield neben vielen Tipps und Tricks aber auch einen anderen Blick auf das Leben gewonnen. "Trotz all der spannenden Geschichten aus dem All ist das, was zählt, das Leben hier auf der Erde", sagt Hadfield. Wer so oft unseren Heimatplaneten von oben betrachtet habe, erkenne, dass uns nichts trennt, sondern wir alle auf dieser einen zerbrechlichen Welt leben. "Diese Erfahrung möchte ich mit anderen Menschen teilen", sagt Hadfield. Dafür will er in Zukunft auch weiter zur Gitarre greifen - auch wenn er dann festen Boden unter den Füßen haben wird.