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Himmelsscheibe von Nebra: 3600 Jahre alte Welt

Die geheimnisvolle Himmelsscheibe von Nebra ist von einer dreiköpfigen Forschergruppe entschlüsselt worden. Das Weltbild der Menschen der Bronzezeit wartet mit einigen Überraschungen auf.

Die 3600 Jahre alte Scheibe aus Bronze wurde im Jahr 1999 von Grabräubern bei Nebra entdeckt. Die Metallscheibe mit den Goldauflagen ist die älteste konkrete Sternenabbildung der Welt. "Damit haben wir zum ersten Mal Einblick in ein kosmisches Modell der vorgeschichtlichen Kulturen und zugleich einen komplexen Einblick in die geistige Welt Mitteleuropas", sagt Landesarchäologe Harald Meller. "Bislang wurde diese schriftlose Kultur unterschätzt. Jetzt müssen wir endgültig unser Bild vom unwissenden Urzeitmenschen revidieren."

Die rund zwei Kilogramm schwere Bronzescheibe mit Goldauflagen ist fast kreisrund mit einem Durchmesser von 31 bis 32 Zentimetern. Eindeutig ist ein Schiff, Sonne, Mond, Sterne und als Ansammlung von sieben Goldpunkten der Sternenhaufen der Plejaden in einer Konstellation wie vor 3600 Jahren zu erkennen. Dazu sind am Rand der Scheibe zwei Bögen, so genannte Horizontbögen, zu sehen.

Sie stellten sich die Welt schon als Scheibe vor

Für die Forscher steht fest, die bronzezeitlichen Menschen hatten sich bereits die Erde als flache Scheibe vorgestellt, die von einem Himmel kuppelförmig überwölbt wird. Die Erde wird umkreist von Sonne, Sternen, Plejaden, und Mond. Das Schiff trägt die Sonne nach dem Untergang im Westen über das dunkle Wasser wieder in den Osten.

"Diese Vorstellung von einem kuppelförmige Weltmodell wird erst 1000 Jahre später durch den griechischen Philosophen, Astronom und Mathematiker Thales von Milet (ca. 640/39 - 546/45 v. Chr.) beschrieben", sagt Meller als Mitglied der Forschergruppe. Interessant sei auch, das es ähnliche Vorstellungen von der Welt im alten Ägypten, in Persien und in der Bibel gab, die in erweiterter Form bis in die Neuzeit verwendet wurden.

Kontakte mit Babyloniern?

Den "Schlüssel" zum Weltbild fand der Archäo-Astronom Wolfhard Schlosser von der Ruhr Universität Bochum Anfang 2004. Nach seinen Berechnungen existieren auf der Himmelsscheibe festgelegte Himmelsrichtungen. "Erstaunlich ist, dass Ost- und Westrichtung bewusst vertauscht wurden, genauso wie es heute bei Sternenkarten gemacht wird", beschreibt Schlosser seine Entdeckung. Während bei Landkarten die Ostrichtung immer rechts liegt, ist es bei Sternenkarten genau umgekehrt, weil der Betrachter von der Erde zum Himmel schaut.

"Es spricht vieles dafür, das die Erbauer der Himmelsscheibe Kontakte mit den Babyloniern gehabt haben könnten", sagt Physiker und Astronom Rahlf Hansen vom Planetarium in Hamburg. "Von den Babyloniern wurde mehrere Siegelzylinder mit den Plejaden, ähnlich der Abbildung auf der Sternenscheibe gefunden. Aber es existiert keine Abbildung eines komplexen Weltbildes, diese Leute haben ihre Beobachtungen in endlosen Zahlenreihen in Keilschrift verfasst."

Für die Bestimmung der Aussaat und Ernte wichtig

Die Himmelsscheibe wurde bislang nur als Instrument zur Bestimmung eines bronzezeitlichen Kalenders gesehen. Die Archäologen gehen davon aus, dass der Fundort auf dem 252 Meter hohen Mittelberg bei Nebra (Burgenlandkreis) eine Kultstätte und ein Observatorium war. Mit Hilfe der Himmelsscheibe wurde dort die Sommer- und Wintersonnenwende bestimmt. Das war für die damalige bäuerlich geprägte Gesellschaft zur Bestimmung von Aussaat und Ernte sehr wichtig.

Zwei bereits verurteilte Raubgräber hatten die Scheibe zusammen mit einem Bronzeschatz am 4. Juli 1999 entdeckt. Nach einer krimireifen Odyssee der Stücke konnte die Polizei am 23. Februar 2002 bei einer fingierten Verkaufsaktion im Baseler Hilton Hotel in der Schweiz den Schatz sichern.

Von Thomas Schöne, DPA

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