Archäologie Jäger der verlorenen Schätze

Berge von Gold, versunkene Städte und göttliche Macht. Reichtümer der Menschheitsgeschichte schlummern weiterhin in Erde, Wasser und als Mythos. Trotz archäologischen Sensationen wie der Entdeckung des Grabes des Tutanchamun überlässt die Wissenschaft das Buddeln nach Schätzen lieber Laien.
Von Johannes Musial

Die Gefahr kennt er. Sie ist wie seine Unterhose, immer dabei. Er selbst ist eine Legende. Er hat die bedeutendsten archäologischen Schätze gehoben: Bundeslade, Heiliger Gral, Eldorado. Schätze, nach denen Forscher seit Jahrhunderten suchen. Ihm immer auf den Fersen sind die Nazischergen, die ebenfalls die geheimnisvollen Preziosen an sich reißen wollen.

Soweit der Kurzabriss der Geschichte des bekanntesten aller Archäologen. Sie hat nur einen Haken: Sie ist Fiktion, erfunden von Steven Spielberg und George Lucas. Indiana Jones, der Universalarchäologe mit Nahkampfausbildung, kommt aus Hollywood. Weder die Bundeslade, noch der Heilige Gral oder Eldorado wurden jemals gefunden, so sehr auch danach geforscht wurde. Und viele andere Schätze gelten ebenfalls noch als unauffindbar: die Grabkammer der Cheops-Pyramide, der Schatz der Nibelungen, die Reichtümer der Inka, Atlantis oder - weniger mystisch - das Bernsteinzimmer. Die Liste ließe sich lange fortführen. Allein in Deutschlands Böden und Gewässern vermuten Wissenschaftler noch rund 1600 Tonnen Gold und Silber.

Schatz im Rhein

Darunter, glaubt man den Erzählungen und Legenden, ist auch der Schatz der Nibelungen. Gemäß der Sage hat ihn Hagen von Tronje im Rhein versenkt. Zwölf Leiterwagen voller Gold und Edelsteine fuhren vier Tage lang dreimal hin und her, um die Reichtümer fortzuschaffen. Nur Hagen wusste, wohin genau, und er starb mit seinem Geheimnis. Im "Nibelungenlied" heißt es: "Er ließ ihn bei dem Loche versenken in den Rhein". So suchten Schatzjäger seit jeher vor allem in der Nähe von Worms, wo es einst das Dorf Lochheim gab. Jahrhunderte der Suche blieben aber bislang ohne Ergebnis.

Auch so ein literarisch viel bedachter, bisher ungehobener Schatz gehörte den Inkas. Es gibt auch immer noch Schatzsucher, die hoffen, eines Tages das sagenumwobene Goldland Eldorado zu finden. Irgendwo in Südamerika sollen beide liegen. In Überlieferungen werden unfassbare Mengen von Gold und Silber beschrieben, von Räumen, die bis unter die Decke mit Kostbarkeiten gefüllt sind. Dass sie jemals gefunden werden, scheint mehr als unwahrscheinlich. Schon die spanischen Eroberer suchten fieberhaft danach, fanden aber nichts. Obschon sie auf ihren Beutezügen während der Eroberung des amerikanischen Kontinents tonnenweise Gold und Silber nach Hause schleppten.

Auch in der Cheops-Pyramide in Gizeh, Ägypten, vermuten manche Wissenschaftler und Goldgräber nach Jahren der Suche noch immer eine Grabkammer voller Geschmeide. Etliche Gänge und Hohlräume sind bis heute unerkundet. Die Suche nach der letzten Ruhestätte des ägyptischen Pharao Cheops elektrisierte zeitweise ganze Menschenmassen, die vor dem Fernseher sitzend dabei zusahen, wie im Jahr 2002 ein Roboter einen neu entdeckten Hohlraum erkundete. Aber auch hier fand man nichts. Mittlerweile hat das Interesse an weiteren "Tauchgängen" nachgelassen. Das liegt wohl auch an der strengen Forschungslizenzierung Ägyptens.

Die Suche nach dem Bernsteinzimmer

In der Aufzählung verschollener Schätze darf das Bernsteinzimmer nicht fehlen. Der preußische König Friedrich Wilhelm I. schenkte den Raum, der vollständig mit Bernstein verziert war, 1716 dem russischen Zaren Peter der Große. Im Gegenzug erhielt der preußische Herrscher 248 große russische Männer für seine Leibgarde der "Langen Kerls". Das Bernsteinzimmer fand sein neues Zuhause im Katharinenpalast bei Sankt Petersburg. Im Zweiten Weltkrieg erbeuteten es die Nazis und schafften es nach Königsberg. Ob es durch Luftangriffe zerstört wurde oder noch irgendwo in Russland oder Deutschland im Verborgenen liegt, weiß niemand. Fakt ist, dass es seit Ende des Zweiten Weltkrieges verschwunden ist. Seit 2003 befindet sich im Katharinenpalast eine prachtvolle Rekonstruktion.

Neben Gold-, Silber- und Bernsteinschätzen gibt es auch noch religiöse Gegenstände wie die Bundeslade und den Heiligen Gral, die ihrem Besitzer laut Legende und Indiana Jones göttliche Macht verleihen. Auch danach wird bis heute hartnäckig gesucht.

Mit göttlicher Kraft aufgeladener Fetisch

Die Geschichte des Heiligen Grals beginnt vor etwa 900 Jahren und ist so verwirrend wie widersprüchlich. Mal ist es eine Schüssel, die Jesus beim Letzten Abendmahl verwendete, mal ein Kelch, den seine Anhänger nutzten, um sein Blut am Kreuze aufzufangen. Sicher sind sich die Überlieferungen nur in einem Punkt: Der Gral ist ein mit göttlicher Kraft aufgeladener Fetisch, der Jugend und ewige Lebenskraft spende. Bewacht wurde er laut Legende von den Gralsrittern in der Gralsburg. Finden könne ihn nur ein Auserwählter. Ritter Parzival hat es mal geschafft. Er wurde in die Tafelrunde von König Artus aufgenommen, entdeckte den Gral und führte das Königreich zur Blüte. Wegen der Artus-Saga vermuten viele die Gralsburg sowie den Gral in England oder Wales. Aber auch die französischen und spanischen Pyrenäen stehen hoch im Kurs.

Erfahren Sie in Teil zwei, warum Archäologen nicht mehr nach den großen Schätzen suchen, was Tutanchamun mit Troja zu tun hat und wieviel die Himmelsscheibe von Nebra wert ist

Vielleicht ist der Heilige Gral aber auch gar kein Gegenstand. Es gibt Versionen der Legende, nach denen er das Geheimnis um die Nachkommen Jesu ist. Angeblich hatte der Gottessohn mit seiner Gefolgin Maria Magdalena ein Kind. Bis heute soll die Kette der göttlichen Nachkommen reichen. Ja, das kennen Sie auch aus Dan Browns Bestseller "Da Vinci Code".

In Jordanien, Israel oder Äthiopien

Ebenfalls voller Gottesmacht soll die Bundeslade sein, die bisher nur Indiana Jones finden durfte. Sie enthält die Zweitfassung der beiden Tontafeln mit den Zehn Geboten, die für den Bund zwischen Gott und dem Volk Israel stehen. Moses hatte die Originale am Berg Sinai zerschlagen, als er sein Volk um das goldene Kalb tanzen sah. Sowohl im Alten und Neuen Testament wie auch im Koran wird die Bundeslade erwähnt. Die durch sie verkörperte Gegenwart Gottes habe die Israeliten in Schlachten gestärkt. Das letzte Zeugnis der Existenz der Bundeslade stammt aus dem Jahr 587/586 v. Chr., als der neubabylonische König Nebukadnezar II. Jerusalem belagerte, besiegte und niederbrannte. Heute vermutet man sie in Israel, Jordanien oder Äthiopien. Im Tempelberg in Jerusalem könne sie ruhen, doch sind Forschungen am heiligen Berg strengstens untersagt. So bleibt auch die Bundeslade bisher nicht mehr als eine Legende, ein überlieferter Mythos, der Generation um Generation fasziniert.

Archäologen von heute sind hinter diesen in Erde, Wasser oder Mythos versunkenen Schätzen kaum noch her. Mit dem aufregenden Schatzjägerflair eines Indiana Jones hat ihre Arbeit wenig zu tun. Die Aufgabe sei nicht, die größten Schätze zu heben, sagt Professor Ortwin Dally vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin, sondern "Lebenszusammenhänge der damaligen Gesellschaften zu erstellen". Dabei helfe eine Tonscherbe oft mehr als ein sagenumwobener Goldschatz. Auch hält er die Erwartungen, solche Schätze zu finden, für überzogen. Allerdings zeigen Funde wie das Grab des Tutanchamun oder Troja, das es durchaus etwas zu finden gibt.

Mit der Entdeckung des Grabes von Tutanchamun löste Howard Carter 1922 ein regelrechtes Erdbeben der Begeisterung aus. Im Tal der Könige in Ägypten fand der Brite das nahezu unversehrte Grab des Pharaos. Figuren aus Gold, Waffen und ein Streitwagen gehören zu den zahlreichen Schätzen, die aus der Grabstätte geschafft wurden. Bis heute gilt der Carter-Fund als einzigartig. Dabei war Tutanchamun ein kleiner Fisch unter den Pharaonen Ägyptens. Mit sehnsüchtigen Gedanken malen sich Archäologen bis heute die Funde aus, die man wohl in einem der bedeutenderen Königsgräber gefunden hätte. Die wurden jedoch allesamt von Grabräubern geplündert.

Die wahr gewordene Legende

Auch Schliemanns Entdeckung von Troja versetzte die Weltöffentlichkeit in Euphorie. Während viele Troja lediglich als Teil der Legende aus der Feder von Homer betrachteten, glaubte der millionenschwere Kaufmann Heinrich Schliemann den Worten des griechischen Dichters. Seit seiner Kindheit war Kaufmann aus Mecklenburg fasziniert von dem Gedanken, die sagenhafte Heldenstadt auszugraben. In den 1870er Jahren stieß er dann nach mehreren Grabungskampagnen in der Nordwesttürkei tatsächlich auf die Überreste von Troja und ließ alle Kritiker verstummen. Bis heute werden immer neue Teile der jahrtausendealten Stadt ausgegraben.

Dr. Martin von Falck, wissenschaftlicher Berater der Tutanchamun-Austellung, die in den kommenden Monaten durch Deutschland tourt, ist dennoch sekptisch, was die Schatzsuche angeht. Für Forscher seien eher das Grab von Alexander dem Großen oder alte Abschriften des jüdischen Testaments von Bedeutung. Nach mythischen Schätzen suche man aber nicht mehr. Trotzdem müsse man immer "mit einem überraschenden Fund rechnen", da "Laien unbeirrt weiterforschen."

Oftmals sind es diese Laien, sind es Zufälle, durch die große Schätze entdeckt werden. Die häufig belächelten Amateure verfolgen die absurdesten Hinweise. Viele Freizeitschatzsucher rennen mit Hightech-Equipment ausgestattet über Felder und Wiesen, meist illegal, ohne Grabungsgenehmigung. Und immer wieder stoßen sie auf kleinere oder größere Schätze.

Ohne diese "Hobby-Archäologen" wäre vermutlich die Himmelsscheibe von Nebra nicht gefunden worden. Zwei Schatzjäger haben sie 1999 in der Nähe der Stadt Nebra in Sachsen-Anhalt mitten in einem Waldgebiet entdeckt. Wie wertvoll die goldverzierte Metallscheibe wirklich war, wussten die beiden allerdings nicht. Die rund 4000 Jahre alte Bronzeplatte gilt als älteste bekannte Himmelsdarstellung: Goldene Applikationen symbolisieren Sonne, Mond und Sterne. Für gerade mal 31.000 Deutschmark, das sind knapp 16.000 Euro, verkauften die Finder das Stück auf dem Schwarzmarkt. Drei Jahre später kam die Polizei den illegalen Geschäften auf die Spur. Da Fundgut in Sachsen-Anhalt dem Land zufällt, wurde die Scheibe sichergestellt. Ihr Wert ist unschätzbar. Allein die Versicherungssumme liegt bei rund 100 Millionen Euro.

Für Indiana Jones sind solche Funde nur Kleinkram. Der peitschenschwingende Archäologe bleibt das Maß aller Buddler, solange die Geschichten vom Suchen und Finden der Bundeslade, dem Heiligen Gral oder Eldorado lediglich eine Erfindung Hollywoods sind.


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