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Seti-Forscher auf Alien-Suche "Wir haben uns noch nicht genug umgesehen"


Stephen Hawking warnte vor Kurzem davor, Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen. Seit 50 Jahren horchen Seti-Forscher genau deshalb ins Weltall. Bis jetzt erfolglos. Seth Shostak, einer der führenden Wissenschaftler, erklärt, woran das liegen könnte.

Herr Shostak, stehen Sie jeden Morgen auf und denken: "Heute könnte es soweit sein, heute finden wir ein Signal"?
Nein, überhaupt nicht. Viele Menschen glauben, dass Seti-Suche so funktioniert, wie man es im Film "Contact" mit Jodie Foster sieht: Da sitzen Menschen mit Kopfhörern an PCs und lauschen ins All hinein. Aber so ist es natürlich gar nicht. Die Computer suchen automatisch für uns nach Signalen, und das muss auch so sein, denn wir reden von einem Frequenzspektrum von vielleicht 100 Millionen Kanälen. Das geht nur mit Maschinen, alles andere wäre sehr, sehr eintönig. Sollten die Computer auf ein Signal stoßen, das vielversprechend aussieht, überprüfen sie es mehrfach, ehe sie schließlich uns Menschen darauf aufmerksam machen.

Passiert das häufiger?
Den letzten bemerkenswerten Fall gab es im Sommer 1997. Ich beschreibe das gleich zu Anfang in meinem Buch.

Damals wirkte das Funksignal einer Raumsonde täuschend echt. Ein Fehlalarm, wie bisher immer. Wie motiviert man sich als Seti-Forscher?
Ganz einfach: Das Tempo der Seti-Suche verdoppelt sich etwa alle 18 Monate, weil Computer immer schneller und billiger werden - das ist das berühmte "Moore's Law". Das heißt, wir können uns mehr Sterne anschauen oder bei bestimmten Sternen in der gleichen Zeit mehr Frequenzen untersuchen. So denkt man sich: "Ok, jetzt sind es 50 Jahre, und wir haben noch nichts gefunden - aber in den nächsten 25 Jahren können wir uns tausend Mal so viele Sterne anschauen." Das sind ganz andere Aussichten.

Dennoch: 50 Jahre sind eine lange Zeit. Fragen Sie sich manchmal, ob Sie etwas falsch machen?
Dass wir noch nichts gefunden haben, liegt für mich ganz einfach an der geringen Zahl von Sternen, die wir bisher untersuchen konnten: etwa 750 in einer Milchstraße, die mehrere hundert Milliarden Sternensysteme besitzt. Das ist also ein winziger Bruchteil. Es wäre so ähnlich, als würden Sie nach Afrika fliegen, um Elefanten zu suchen, und Sie schauen sich nur an einer einzigen Straßenkreuzung um. Wenn Sie dort nichts finden, sagen Sie: "Offenbar gibt es keine Elefanten." Die Aussage wäre sinnlos, und nicht anders geht es uns im Augenblick bei der Suche nach Leben im Weltall. Wir haben noch nicht genug gesehen.

Woher wissen Sie, wo Sie sich umschauen müssen?
Wir wissen es nicht. Wir neigen dazu, uns auf Sterne zu konzentrieren, die Planeten haben könnten, die der Erde ähneln. Im Hinterkopf steckt dabei der Gedanke: "Irgendwie werden sie wohl so sein wie wir." Nicht, dass die Außerirdischen so aussehen wie wir, aber doch zumindest, dass es auf ihrem Heimatplaneten Wasser gibt, eine Atmosphäre, alles, was biochemische Prozesse möglich macht. Mir ist das zu simpel gedacht. Wenn es wirklich super-intelligente Wesen gibt irgendwo da draußen im All, Wesen, die uns um Tausende oder Millionen Jahre voraus sind, dann haben sie vielleicht nur sehr wenig gemeinsam mit uns. Sie müssten nicht mal mehr organische Wesen sein - wer Funk erfindet und innerhalb von einhundert oder zweihundert Jahren Computer, die anfangen zu denken, braucht irgendwann womöglich keine Biologie mehr. Als Maschine muss man nicht auf einem Planeten bleiben. Vielleicht sollten wir nach Zeichen von Intelligenz suchen, wo es besonders viel Energie gibt, etwa im Zentrum der Milchstraße. Das tun wir bisher nicht. Zumindest, denke ich, sollten wir auch anderswo Ausschau halten als nur bei den Sternen in unserer Nähe.

Ist es wirklich sinnvoll, nach Funksignalen zu suchen? Vielleicht nutzen Außerirdische ganz andere Technik.
Es stimmt, üblicherweise geht die Entwicklung in Richtung höherer Effizienz - etwa, das Fernsehprogramm durch Glasfaserkabel zu verbreiten, statt Funktürme aufzustellen, die enorm viel Energie verbrauchen. Wir sind schon an diesem Punkt, also müssen wir annehmen, dass auch die Außerirdischen soweit sind. Dennoch halte ich es für recht wahrscheinlich, dass wir auf Radarsignale oder andere so genannte "leakage radiation" stoßen, also Strahlung, die unkontrolliert ins All strömt. Allerdings ist uns klar geworden, dass solche Signale wohl eher selten sind. Wenn wir also etwas finden, dürfte es bewusst ausgesandt sein: Da sind Andere, die wissen, dass sie nicht allein sind, oder zumindest hoffen, nicht allein zu sein. Das macht es auch interessanter für uns, als zufällig auf eine TV-Serie zu stoßen.

Das, was andere von uns empfangen würden?
Vereinfacht gesagt, ja. Ich bezweifle allerdings, dass überhaupt schon jemand weiß, dass es uns gibt. Starke Signale, wie etwa Radar, nutzen wir erst seit etwa 70 Jahren. Die Wellen sind also noch nicht sehr weit gereist. 70 Lichtjahre sind nach kosmischen Maßstäben eine sehr geringe Distanz, und alle, die weiter weg sind, hatten noch gar keine Gelegenheit zu sagen: "Oh, da gibt es ein paar schlaue Leute, schicken wir ihnen mal eine Nachricht."

Ist das vielleicht auch besser so? Der Physiker Stephen Hawking hat gerade davor gewarnt, Außerirdische auf uns aufmerksam zu machen - sonst könnte es uns so ergehen wie den Indianerstämmen in Nord- und Südamerika, als die europäischen Eroberer kamen, fürchtet er.
Zunächst mal: Die Seti-Suche ist passiv, stellt also keine Gefahr dar - wir schauen ja nach Signalen von anderen, ohne selbst zu senden. Gewiss, wenn wir Besuch von Außerirdischen bekämen, würden wir es sicher merken, so ähnlich wie die Indianer in Amerika. Die Frage ist nur, warum sich jemand die Mühe machen sollte, zu uns aufzubrechen - und warum ausgerechnet jetzt? Ufo-Fans begründen das gern mit der Atombombe oder Klimawandel oder anderen Themen, die gerade in Mode sind. Nur: Bisher weiß ja sehr wahrscheinlich niemand, dass wir existieren. Die Anderen wissen höchstens, dass es hier Photosynthese gibt. Lichtjahre weit zu reisen, nur um auf gut Glück nach Leben zu schauen, das womöglich aus Bakterien, Kühen oder Schweinen besteht, das scheint mir sehr unwahrscheinlich.

Von wie vielen "Anderen" sprechen wir? Gibt es wissenschaftliche Schätzungen über die mögliche Zahl von intelligenten Lebensformen im All?
Mein Kollege Frank Drake hat dazu die "Drake-Gleichung" entwickelt und rechnet mit etwa 100.000 intelligenten Zivilisationen im Weltall. Der Kosmologe Carl Sagan schätzte rund eine Million, und der Autor Isaac Asimov glaubte, es könnten etwa 500.000 sein. Im Grunde ist es Rätselraten. Das Einzige, was wir mit großer Wahrscheinlichkeit sagen können, ist: Die Zahl von Planeten, auf denen es Leben gibt, dürfte weit größer sein als eins, denn schon in unserem Sonnensystem zeigt sich, dass Leben an weit mehr Stellen existieren kann, als wir lange geglaubt hatten.

Das Kepler-Teleskop, das im März 2009 gestartet ist, untersucht derzeit etwa 100.000 Sterne, um neue Planeten zu entdecken. Was versprechen Sie sich davon?
Kepler wird uns eine Liste mit Sonnensystemen liefern, die für die Entwicklung von Leben besonders interessant sein könnten. Am Ende der Mission, in etwa tausend Tagen, werden wir wissen, um wie viele der untersuchten Sterne Planeten kreisen, die der Erde ähneln. Die Wissenschaftler, die das Experiment leiten, tippen auf etwa drei Prozent - vielleicht haben sie Recht, vielleicht auch nicht. Selbst ein Prozent wäre schon viel.

Erwarten Sie, dass die Chancen dann besser stehen, auf ein Signal zu stoßen?
Angenommen, wir kommen zu dem Schluss, dass es zehn Milliarden Planeten wie die Erde im Weltall gibt. Das sagt uns zwar immer noch nicht, wo wir außerirdische Intelligenz finden, aber wir können uns die wahrscheinlichsten Kandidaten vornehmen und einen nach dem anderen untersuchen. Wenn die Zahl groß genug ist, sollten wir irgendwann fündig werden.

Wie schnell?
Da gehen die Ansichten auseinander. Manche sehen Seti als Aufgabe für mehrere Generationen, so ähnlich wie den Bau von Kathedralen. Ich denke, dass wir innerhalb von 30 bis 40 Jahren etwas finden müssen. Andernfalls stimmt etwas nicht. Das heißt, wenn unser Forschungs-Ansatz in dieser Zeitspanne kein Ergebnis liefert, müssen wir uns fragen, ob es physikalische Gesetze gibt, die wir nicht kennen, oder andere Dinge, die uns scheitern lassen.

Dass wir doch allein sein könnten, wäre für Sie keine Erklärung?
Nein, denn das würde uns Menschen zu einem Wunder machen - und die Astronomie hat für Wunder wenig übrig. Jedesmal, wenn wir bisher dachten, wir seien etwas Besonderes, hat uns die Wissenschaft gezeigt: "Stimmt leider nicht." Diese Lektion hat sich mir eingeprägt. Dass es in einer Galaxie mit Milliarden von Planeten - die ja selbst nur eine Galaxie unter vielen Milliarden anderen Galaxien ist - nur diesen einzigen Ort geben soll, an dem etwas besonders Tolles passiert ist, das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Ich gebe zu, das ist eher Philosophie als harte Wissenschaft. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass wir zum ersten Mal überhaupt im Mittelpunkt des Universums stehen. Mir zumindest kommt dieser Gedanke arg selbstgefällig vor.

Karsten Lemm

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