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Teil 6 Der Griff nach den Sternen


Sie begann als Wettlauf zwischen den Machtblöcken: Mit der bemannten Raumfahrt wollten sich Sowjets und Amerikaner gegenseitig ihre Überlegenheit beweisen. Die USA entschieden das Rennen auf dem Mond.
Von Peter Pursche

Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein Riesensprung für die Menschheit." Als der amerikanische Astronaut Neil Armstrong am 21. Juli 1969 um 3.56 Uhr mitteleuropäischer Zeit mit einem nicht sehr eleganten Hopser auf der Mondoberfläche landete und jenen pathetischen Satz in sein Helmmikrofon sprach, klang das in den Ohren der Millionen gebannt lauschenden Fernsehzuschauer und Radiohörer wie die Ankündigung einer neuen, glorreichen Epoche der Menschheitsgeschichte. Wenn Homo sapiens auf dem Mond landen und man auf der Erde live dabei sein konnte, was sollte es dann noch für Grenzen geben? Vergnügungsreisen im Erdorbit, Weltraumhotels, Mondbasen, autarke Raumstationen für Zehntausende; ja, sogar die Besiedelung der ganzen Galaxis schien auf einmal keine Science-Fiction-Story mehr zu sein, sondern der nächste logische Schritt der menschlichen Zivilisation. Auf zum Mars, unserem Nachbarplaneten!

In die technologische Euphorie mischte sich die Erleichterung der westlichen Politiker: Im Wettkampf der Systeme hatte man es den Sowjets gezeigt - nach dem Sputnik-Schock und den ersten Weltraumspaziergängen russischer Kosmonauten hatte der Westen das Rennen zum Mond gewonnen. Als Armstrong und Aldrin - ganz in der Tradition der Planwagenpioniere - das Sternenbanner auf der Mondoberfläche einpflanzten, war endlich eines geklärt: "Der Mond ist jetzt ein Ami." So jedenfalls jubelte die "Bild" damals auf Seite eins.

Im Siegestaumel langte Präsident Nixon tief in die Kiste der Superlative und bezeichnete die acht Tage der Expedition zum Mond als "die größte Woche in der Geschichte der Welt seit der Schöpfung". Und auch Wernher von Braun, der deutsche Raketenpionier, der maßgeblich an Hitlers V2-Programm mitgewirkt und nun mit seinen Technikern aus Peenemünde die Apollo-Trägerrakete "Saturn V" entwickelt hatte, griff in die Harfe und entlockte ihr schnarrende Töne: "Wir wissen, dass Führerschaft auf dem Mond Führerschaft auf der Erde bedeutet."

Insgesamt sechsmal landeten "Apollo"-Crews auf dem Erdtrabanten. Die wissenschaftliche Ausbeute war mager: 385 Kilogramm Mondgestein brachten die Astronauten mit - das, so die Kritiker der Milliardenkosten, hätten ferngelenkte Roboter weitaus billiger machen können. Mit jedem Flug wurde die Begeisterung für das Mondabenteuer geringer. Die Aufbruchsfantasien und Pionierträume zerstoben in Vietnamkrieg, Watergate und Ölkrise. Nur die Beinahekatastrophe von "Apollo 13" weckte noch einmal für kurze Zeit das Interesse und holte die Welt zurück an die Fernsehschirme.

Am 11. Dezember 1972 landete der letzte von zwölf Amerikanern auf dem Mond. Sein Name ist gut für die Eine-Million-Euro-Frage bei Günter Jauch: Eugene Cernan. Der Erfolg des Apollo-Programms war denn auch weniger wissenschaftlich als philosophisch und psychologisch: Der Blick aus dem Weltraum auf unseren Blauen Planeten vor unendlichem schwarzen Hintergrund hat das Bewusstsein für das globale Dorf geschärft, hat den Menschen gezeigt, auf was für einer empfindlichen Kugel sie durchs Weltall fliegen. "Ich vermute", schrieb der Trendforscher Matthias Horx, "dass es ohne die Bilder aus dem All keine Ökologiebewegung gäbe." Und Harald Lesch, Professor für theoretische Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sagt: "Vom 20. Jahrhundert werden viele grausame Bilder bleiben, aber nur wenige positive Dinge. Eines davon ist die Mondlandung."

Aufbruch zu Planeten und Sternen, darüber haben schon im Altertum Spinner, Literaten und Wissenschaftler fantasiert, vor allem aber über einen Flug zum Mond. In der griechischen Spätantike beschrieb Lukian von Samosate (ca. 120 bis 185 n. Chr.) eine siebentägige Reise, bei der ein Segelschiff durch einen Sturm zum Mond geweht wird. Dort oben treffen die Reisenden auf das seltsame Volk der Seleniten, regiert von König Endymion.

1634 veröffentlichte der große Johan-nes Kepler die Mondflugfantasie "Somnium" (Traum), um seine kontroversen astronomischen Ideen unverfänglich an den Mann zu bringen. 1649 schrieb Cyrano de Bergerac die Erzählung "Voyage dans la Lune" (Reise zum Mond), in der er einen fantastischen Antrieb erfand: Ausgehend von der Erkenntnis, dass der morgendliche Tau auf den Wiesen offenbar von der Sonne aufgesogen oder angezogen wird, bindet sich der Ich-Erzähler eine Batterie von Flaschen an den Gürtel, die mit Tau gefüllt sind. Dieser Antrieb hebt ihn in die Lüfte, trägt ihn aber nur bis Kanada. Mit Hilfe von Feuerwerksraketen schafft er es dann doch noch auf den Mond. In seinen Romanen "Von der Erde zum Mond" (1865) sowie "Reise um den Mond" (1870) ließ der französische Schriftsteller Jules Verne die Männer des Kanonenclubs von Baltimore - wissenschaftlich durchaus fundiert - eine Mondexpedition unternehmen. Vernes Klassiker der Weltraumliteratur werden noch heute ständig neu aufgelegt.

Aufbruch zu den Sternen: Im September 2000 ließ der weltbekannte Kosmologe und Physiker Stephen Hawking die Welt aufhorchen. Langfristig bleibe der Menschheit keine andere Wahl, als ins Weltall auszuwandern, meinte er. Die Klimaerwärmung werde die Erde noch in diesem Jahrtausend unbewohnbar machen. Schon in den siebziger Jahren waren Raumfahrtwissenschaftler zu dem Ergebnis gekommen, dass Kolonien im Weltall für 10 000 Menschen technisch machbar seien, zum Beispiel in einem rotierenden Ring, dessen langsame Drehung künstlich Schwerkraft erzeugt. Durch simple Aneinanderreihung zehn Kilometer langer Zylinder seien gar Kolonien mit 300 000 Menschen vorstellbar, mit autarker Landwirtschaft, eigener Atmosphäre, ja, sogar Bergen und Seen. Über Generationen hinweg würden solche Raumarchen durchs All fliegen. Der britische Astronom Martin Rees spekuliert, dass auf künftigen Reisen durch den interstellaren Raum gar keine Menschen mehr geschickt würden, sondern nur noch deren genetische Informationen in Mini-Raumschiffen. Roboter könnten so programmiert werden, dass sie auf bewohnbaren Planeten landen, wo dann die Gene "ausgesät" würden.

Aber was ist heute technisch machbar? Angesichts der Dimensionen des Weltalls war Armstrongs "großer Sprung für die Menschheit" kaum weniger als ein Schrittchen - die Spezies Mensch hat mit dem Besuch des Mondes gerade mal vor die Haustür geschaut. Quasi bis in den Vorgarten geschafft haben es die Voyager-Sonden 1 und 2, die im Jahre 2002 nach mehr als 20 Jahren Flug das Sonnensystem verlassen haben und seitdem mit 57 000 Kilometern pro Stunde weiter ins Weltall hinaus fliegen. Sie bewegen sich mit der größten Geschwindigkeit, die je ein von Menschenhand erbautes Konstrukt erreicht hat. An Bord haben die beiden Sonden je eine Schallplatte mit Bild- und Tondaten der Erde, die außerirdischen Lebensformen von der Menschheit und deren Position im Universum berichten sollen. Dass die Walgesänge oder Bachs Fuge in C-Dur je von Aliens gehört werden, ist unwahrscheinlich, besonders wegen des - in kosmischen Dimensionen - Schneckentempos, das die beiden Voyagers vorlegen.

Auf seinem Weg in die Tiefen des Alls hat der Mensch zwei Gegner, die nicht zu bezwingen sind: die unvorstellbaren Entfernungen und die Gesetze der Physik. Von "unendlichen Weiten" ist in der Raumfahrtserie "Raumschiff Enterprise" die Rede, und für deren Bewältigung haben die Männer um Commander Kirk und Mr Spock einen "Warp"-Antrieb im Maschinenraum. Der kann binnen Sekunden Entfernungen von Lichtjahren bewältigen. Im echten Leben wird der Superantrieb Fiktion bleiben: Bei Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit würde jede Beschleunigung so riesige Mengen Energie verbrauchen, dass schon ein kleiner Ausflug zum nächsten Stern mehr als die gesamte im Universum verfügbare Energie verschlingen würde.

Arthur C. Clarke, der Autor von "2001 - Odyssee im Weltraum", dämpft die galaktische Entdeckerfreude mit folgendem Denkmodell: Angenommen, die derzeit erreichbare Raketengeschwindigkeit würde sich in jedem Jahrhundert verzehnfachen, dann lohnte sich die Reise zu unserem 4,3 Lichtjahre entfernten Nachbarstern Proxima Centauri erst in 400 Jahren. Erst dann nämlich wäre sie in knapp zehn Jahren zu bewältigen.

Physikalische Beschränkungen, dazu irdische Probleme wie Unterentwicklung, Kriege und chronischer Geldmangel bremsen die Euphorie für die großen Flausen und Visionen der Raumfahrt. Es boomt nur, was sich auch auszahlt: so die kommerzielle Nutzung des Erdorbits durch Nachrichten-, Wetter- und Spionagesatelliten. Die Segnungen der Satellitentechnik gehören zu unserem Alltag: Wir lassen uns vom GPS-Navigationsgerät den Weg zum Bäcker zeigen, wir sind live dabei, wenn auf Sumatra ein Vulkan ausbricht oder in Bagdad eine Autobombe hochgeht, und wir bestaunen die Bilder des Hubble-Teleskops vom Pferdekopf-nebel. Sogar touristische Ausflüge ins All sind schon möglich; der amerikanische Investor Dennis Tito und der südafrika-nische Software-Magnat Mark Shuttleworth bezahlten für einen Besuch auf der Raumstation ISS jeweils 20 Millionen Dollar. Und wer im Tod den Sternen nahe sein will, kann seine Asche von der amerikanischen Firma SSI mit einer privat finanzierten Lastenrakete in den Erdorbit schießen lassen, sieben Gramm für 11 000 Euro.

Aber auch die nicht-kommerzielle Raumfahrt erobert neue Horizonte. Mit ihrer Huygens-Sonde wird die europäische Weltraumagentur Esa im Januar auf dem bizarren Saturnmond Titan landen; demnächst startet die Rosetta-Mission, deren Ziel die weiche Landung auf einem Kometen ist; das europäische Weltraumteleskop "XMM Newton" erforscht die Röntgenstrahlung im All und liefert Bilder explodierender Galaxien in Milliarden Lichtjahren Entfernung, und 2007 wird der europäische Satellit "Planck" den kosmischen Mikrowellenhintergrund - das Echo des Urknalls - mit nie da gewesener Genauigkeit vermessen.

Der alte Traum von einer bemannten Mars-Expedition schien jedoch für alle Zeiten zu den Akten gelegt und nur noch eine Angelegenheit einiger rühriger All-Romantiker zu sein. Die Kosten von 100 bis 400 Milliarden Dollar, die beiden Shuttle-Katastrophen und die Fortschritte der Robotertechnik sind zu starke Gegenargumente. Dazu Martin Rees: "Als praktisch denkende Person und als Wissenschaftler sehe ich keinen Anlass, Menschen in den Weltraum zu schicken. Aber als Mensch hoffe ich, dass irgendwann jemand dies Abenteuer wagen wird."

Wahrscheinlich sind der Expansionsdrang und die Abenteuerlust des Menschen sowieso durch nichts zu bremsen. Denn letztlich, so glaubt der US-Astronom Carl Sagan, ist die Suche des Menschen nach immer neuen Horizonten ein genetisches Erbe der Steinzeit. So wie die Jäger und Sammler sich immer weiter ausbreiteten, werden wir uns ins Uni-versum ausbreiten. "Wenn ein Mensch fliegt, fliegen wir alle!", sagt der deutsche Astronaut Ulrich Walter, der 1993 im Spacelab arbeitete. "Raumfahrt ist die Eroberung des Alls durch die Menschheit, und die Astronauten sind ihre Botschafter."

Angetrieben durch die Wahlen im November und unter dem Zwang, angesichts eines Rekorddefizits von 450 Milliarden Dollar und des Irak-Desasters eine Vision leuchten zu lassen, verkündete US-Präsident George W. Bush Anfang 2004, dass die USA bis zum Jahre 2020 eine bewohnbare Mondstation bauen würden - als Startrampe für eine bemannte Marsmission. Bisher ist zwar nur die Anschubfinanzierung gesichert (ein "Riesensprung in der Planung, aber nur ein kleiner Schritt in der Finanzierung", sagen die Kritiker), und die weiteren, immensen Kosten würde Bush seinen Nachfolgern aufbrummen. Dennoch halten Experten wie Klaus Berge, Projektleiter Raumfahrt beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, die Pläne des Präsidenten für machbar: "Um vom Mond zum Mars zu fliegen, reicht die bisher entwickelte Raketentechnik vollkommen aus."

Schon vor mehr als zwei Jahren hat die europäische Raumfahrtagentur Esa, in der 15 Länder zusammenarbeiten, das Langzeitprogramm "Aurora" angeschoben. Fernziel: ebenfalls die Landung von Astronauten auf dem Mars. Im Jahre 2009 soll der Nachfolger des Pannenroboters "Beagle 2" dort landen, um nach Spuren von Leben zu suchen. 2011, so die Planung, wird ein Roboterraumschiff auf dem Wüstenplaneten Bodenproben einsammeln und zur Erde bringen. Dieser Flug soll zugleich beweisen, dass eine Rückkehr aus so großer Entfernung möglich ist. Ab 2024 sollen europäische Astronauten zunächst auf dem Mond landen, um dort alles für den Flug zum Mars vorzubereiten.

Bei der Esoc in Darmstadt, dem deutschen Ableger der Esa, gehört Markus Landgraf, 35, zu dem Wissenschaftlerteam, das seit 2001 die verschiedenen Szenarien der Mission entwirft, prüft, kalkuliert - und oft wieder verwirft. "Wir haben zwar schon die Technologie für eine Marsmission," sagt er, "aber es ist ein anderes Ding, sie in ein Raumschiff einzubauen." Nicht ganz ohne Stolz vermerkt er, dass die Europäer den Amerikanern bei der Planung weit voraus sind. Die Mars-Pläne der Esa und Nasa treffen in Deutschland nur auf milde Begeisterung. Laut einer Umfrage des Magazins "Geo" sind die Deutschen ein einig Volk von Weltraummuffeln: Drei Viertel lehnen eine gemeinsame bemannte Mission der reichen Industrieländer zum Mars ab; 62 Prozent sind der Meinung, das Geld sollte lieber für die Sicherung der Renten eingesetzt werden.

Eroberung des Weltraums gegen Rentensicherung: Wenn zwei dermaßen entfernte Gedankenwelten - wie Materie und Antimaterie - aufeinander prallen, kann nur ein Blick in die Geschichte retten. Hat Kolumbus sich von Bedenkenträgern bremsen lassen?

Und es hilft Geduld: Noch vor 400 Jahren wurden Menschen verbrannt, weil sie auch unter Folter behaupteten, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums sei. Warum sollten nicht in weiteren 400 Jahren die Renten gesichert sein und der Mars besiedelt?

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