Die Mittel haben verlockende Namen und versprechen, wonach viele Menschen suchen: gesunden und ruhigen Schlaf. Melatonin-Produkte sind rezeptfrei in der Apotheke zu bekommen und werden exzessiv beworben. Doch halten sie, was die Packungsbeilage verspricht? Wo sind die Risiken? Was könnte besser helfen? stern.de hat mit zwei Schlaf-Experten gesprochen. Hier sind ihre Antworten:
Professor Dr. Christoph Schöbel (Professur für Schlafmedizin an der Universität Duisburg-Essen): "Melatonin gibt es in Deutschland in pharmakologisch reiner Form nur auf Rezept. Bei rezeptfreien Produkten, gerade aus dem Ausland, wissen wir, dass nicht immer das drin ist, was draufsteht. Also: Man weiß nicht, wie viel wirksames Melatonin da wirklich drin ist", sagt Schöbel. Auch sei nicht gesichert, wie gut das synthetisch hergestellte freiverkäufliche Melatonin wirklich an die körpereigenen Rezeptoren andocken kann und dort passt.
Außerdem sagt er, dass Melatonin selbst eher auf der unteren Stufe anzusehen ist, wenn es um die Wirksamkeit geht. Es gebe deutlich potentere Schlafmittel. In der Praxis verschreibe er Melatonin an Menschen, bei denen anhaltende Ein- und Durchschlafstörungen oder eine gestörte Schlaf-Wach-Regulation bestehen. „Die meisten Menschen können genügend eigenes Melatonin bilden. Ich finde es auch gefährlich, wenn Menschen im Selbstoptimierungswahn nun auch noch ihren Schlaf zwanghaft verbessern müssen.“
Bei älteren Patienten kann es vereinzelt passieren, dass der Körper nicht mehr genügend eigenes Melatonin bildet. Generell werde das Präparat nur für zwei bis drei Monate verschrieben. Es soll den Körper dazu anregen, wieder selbst zur richtigen Zeit Melatonin zu produzieren. Zur Anwendung bei jüngeren Menschen hingegen liegen keine gesicherten Studien vor.
Hier kann das Präparat nur „off label“ genutzt werden. Auch gebe es einen Unterschied zu den frei verkäuflichen Präparaten: „Bei dem rezeptpflichtigen Mittel kommt es zu einer verzögerten, also einer retardierten Freisetzung des Melatonins, es wirkt also die ganze Nacht. Bei den rezeptfreien Präparaten ist das nicht gesichert. Da Melatonin ein Eiweiß ist, kann es sein, dass es ziemlich schnell wieder abgebaut wird.“
Professor Schöbel warnt
„Positiv ist, dass Melatonin in der in Deutschland üblichen Dosierung keine großartigen Nebenwirkungen hat.“ Bei freiverkäuflichen Produkten sei es demnach bis zu 1mg als Dosierung, bei dem rezeptpflichtigen Präparat sind es 2mg. In der Packungsbeilage sind trotzdem als seltene Nebenwirkungen gelistet: Albträume, Mundtrockenheit, Benommenheit und Magen-Darm-Beschwerden. Anders sieht es in den USA aus. Dort sind Dosierungen zwischen 3 bis 10mg frei verkäuflich, weshalb es auch zu stärkeren Nebenwirkungen kommen kann. Auch sei es hier wie bei anderen Wirkstoffen: Jeder Körper reagiert ein bisschen anders darauf.
Professor Schöbel warnt aber auch: „Wenn man Melatonin in höherer Dosierung zur falschen Zeit nimmt, kann man damit den gesamten Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinanderbringen.“ Bei den geringen freiverkäuflichen Dosierungen sei das aber eher nicht zu erwarten: „Wenn es durch eine positive Erwartungshaltung beim Einschlafen hilft, warum nicht? Wer heilt, hat schließlich Recht.“ Eine belastbare Studienlage gebe es aber nicht.
"Der Schlaf kann nur so gut sein, wie der Tag war"
Statt der Präparate empfiehlt der Experte stattdessen einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus mit ausreichend Bewegung im Hellen an der frischen Luft: „Wenn Sonnenlicht auf die Netzhaut fällt, wird im Gehirn Serotonin gebildet. Und je mehr Serotonin man tagsüber bildet, umso mehr Melatonin kann man auch abends bilden. Der Schlaf kann also immer nur so gut sein, wie der Tag war. Und andersrum…“
„Es gibt kein Schlafmedikament, das Schlaf so nachahmen kann, wie er von Natur aus besteht. Viele Hirnbotenstoffe werden im Schlaf unterschiedlich ausgeschüttet. Es gibt verschiedene Schlafphasen und dabei wirken die verschiedenen Hirnbotenstoffe auch untereinander. Ein Medikament kann diese Dynamik nicht nachstellen. Und: wenn man dauerhaft in die Hirnbotenstoffe eingreift, kann dies auch andere Bereiche negativ beeinflussen.“
Auch Professor Dr. Peter Young aus dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin spricht sich gegen die Ersatzpräparate aus.
Es gebe sinnvollere Methoden als Melatonin als Mundspray. „Es ist nicht gesichert, ob es so überhaupt in den Körper aufgenommen wird.“ In der Medizin gebe es eine relativ strenge und genaue Art und Weise für Dosierungen. „Sprays sind völlig ungenau, die Sprühvorrichtung allein gibt schon unterschiedliche Mengen ab. Das liegt schon daran, wie stark man darauf drückt oder wie groß die Sprühvorrichtung ist.“
Auch von den anderen Präparaten wie Lavendel und Baldrian hält er nicht viel. „Der Mensch verträgt es auch, für ein paar Tage und Wochen nicht gut zu schlafen. Das ist nicht gefährlich. Da muss man nicht gleich Medikamente nehmen.“ Dauert es aber länger an, sollte man zum Arzt gehen und sich auf Ursachenforschung begeben.
Zu riskant
„Ein Präparat für 25 Euro wäre mir zu riskant. Es kann medizinisch auch nicht als Medikament gesehen werden. Die Menschheit kann ohne Melatoninsprays auskommen, die sind viel zu teuer.“
Professor Young sagt außerdem: „Wir wissen, dass Verhaltensänderungen sehr viel effektiver wirken als Medikamente. Viele Schlafstörungen sind allein durch Änderungen des Tagesablaufs oder Umgestaltung der Abendstunden zu bewältigen.“
Etwa nicht bis zum Schluss am Handy sein und noch weitere Online-Artikel lesen …