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Autisten: Und jeden Mittag gibt es Wirsing

Scheinbar absurde Rituale bieten Autisten mit dem Asperger-Syndrom Halt in dem für sie verwirrenden Alltag. Nicole Schuster leidet unter dieser Entwicklungsstörung - und ist hochbegabt. Sie hat ein Buch geschrieben, in dem sie ihre besondere Welt erklärt.

Von Astrid Viciano Gofferje

Der Bus ist weg! Nicole Schuster schlägt die Hände vor ihr schmales Gesicht und zieht die Schultern ein, als wäre ihr furchtbar kalt. Um 12.08 Uhr ist die Linie 51 von Aachen nach Alsdorf abgefahren, der nächste Bus kommt um 12.23 Uhr. "Dann sind wir erst um eins zu Hause. Da esse ich normalerweise schon!", ruft die junge Frau aufgeregt. Dann schweigt sie plötzlich und starrt auf den Boden. Dies ist kein guter Tag. Um 12.45 Uhr setzt sich die Studentin stets zu Tisch. Zu Weihnachten, zu Ostern, an ihrem Geburtstag wie an jedem anderen Tag. Und damit sie sich keine Gedanken über den Speiseplan machen muss, kommt jeden Tag das Gleiche auf den Tisch: Wirsing mit Tomaten-Knoblauchsauce und Kartoffeln. "Das esse ich sehr gern", sagt sie.

Routine ist für die 22-jährige Nicole Schuster enorm wichtig. Denn sie leidet am Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus. Menschen mit dieser Entwicklungsstörung sind oft hochintelligent und fallen zunächst nur als Sonderlinge auf. Sie interessieren sich nicht für andere Menschen und haben häufig seltsam anmutende Neigungen. Sie lernen etwa Zugfahrpläne auswendig oder begeistern sich für Waschmaschinen. Ihnen fällt es schwer, die Gefühle anderer zu deuten; viele können sich nicht einmal vorstellen, dass andere Menschen auch etwas empfinden. Eingekapselt leben sie in ihrer eigenen Welt. Nur wenigen von ihnen gelingt es, ein selbstständiges Leben zu führen, wie Nicole Schuster es heute kann. Ihr Intelligenzquotient liegt bei 133 Punkten, sie ist Mitglied bei Mensa in Deutschland, einem Verein für hochbegabte Menschen. Das siebte Semester ihres Pharmaziestudiums hat gerade begonnen, nebenbei widmet sie sich der Germanistik, und an der Fernuniversität Hagen hat sie sich für Kulturwissenschaften eingeschrieben.

"So viele Leute stressen mich wahnsinnig"

Außerdem leitet sie Seminare über Autismus, hält Vorträge, schreibt Artikel über ihre Erfahrungen. In einem Buch hat die außergewöhnliche Frau nun beschrieben, was Autismus genau bedeutet. "Ich möchte eine Art Dolmetscher sein zwischen autistischen und nicht autistischen Menschen", sagt sie. Dabei erklärt "Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing" nicht nur die rätselhafte Welt der Autisten; das Buch erzählt auch von Nicole Schusters eigenem Ausbruch aus dieser Welt, von der erstaunlichen Entwicklung eines stummen, abwesenden Kindes zu einer aufgeschlossenen Frau. Und davon, dass deren Leben an schlechten Tagen mächtig durcheinandergerät. Endlich biegt der Bus in den Busbahnhof ein. Unruhig dreht und wendet Nicole Schuster ihren zierlichen Oberkörper, als sie vor dem Bus Schlange stehen muss. "So viele Leute stressen mich wahnsinnig", sagt sie. Eine alte Dame tritt ihr versehentlich auf den Fuß. "Mädchen, habe ich dir wehgetan?", fragt sie besorgt, legt ihre Hand auf die fremde Schulter. Erschrocken weicht Nicole zurück und hebt abwehrend ihre Arme. "Schon gut, nichts passiert", antwortet sie sehr laut und schroff. Körperkontakt kann sie, wie die meisten Autisten, kaum ertragen. Im Bus sucht sie schnell eine Ecke jenseits der Sitzplätze.

Zu Hause angekommen, liegt vor der Haustür der Schusters ein frischer Wirsing. Nicole eilt ins Haus und rennt eine Wendeltreppe hinauf in ihr Zimmer. Sie will sofort ihre „Verkleidung“ loswerden. So nennt sie die Hose, die Strickjacke, die Schuhe, die sie nur anzieht, wenn sie unterwegs ist. "Ich mag keine langen Ärmel, und am liebsten gehe ich barfuß", sagt sie. Wie bei vielen Autisten reagiert ihre Haut hochsensibel auf Kleidung: "Es kratzt fürchterlich." Aber Nicole Schuster weiß auch, dass andere Menschen sie nach ihrem Äußeren beurteilen. Nur zu Hause, bei ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester, kann sie sich gehen lassen. In der Küche empfängt eine Sitzecke aus hellem Holz mit weichen Kissen die Besucher, auf der Fensterbank drängen sich bunte Blumentöpfe, im Wohnzimmer döst Kater Lucky auf einem dunklen Sofa. Ihn haben die Schusters aus dem Tierheim geholt. "Dort verkroch er sich immer auf der Krankenstation, weil ihn die übrigen Katzen störten", erzählt Ute Schuster, Nicoles Mutter. "Da dachten wir: Der Kater passt zu uns." Am liebsten liegt das eigensinnige Tier im Zimmer der älteren Tochter. Da muss es nicht fürchten, belästigt zu werden. Denn die Autistin kann ihre Zuneigung nicht durch Körperkontakt ausdrücken. Selbst ihre Eltern und ihre Schwester nimmt sie nie in den Arm.

"Ich habe mich an Stellen gesucht, wo ich nicht zu finden war"

Nicole Schuster hat ihre "Verkleidung" inzwischen abgelegt und läuft in schwarzen Leggins und T-Shirt die Stufen wieder hinunter. Jetzt muss es schnell gehen. Rasch stellt sie Töpfe mit Wirsing und Kartoffeln auf den Herd, legt Besteck und Teller bereit, sucht ihr Glas, aus dem sie immer nur beim Mittagessen trinkt. Die Autistin will die verlorene Zeit wettmachen, um mit ihrem Tagesplan fortfahren zu können. Nach dem Essen steht von 13.50 bis 14.40 Uhr Laufen auf dem Programm. Dann wird sie duschen, um 15.00 Uhr ihren Nachmittagsimbiss einnehmen und um 15.30 Uhr am Computer arbeiten. Das sieht ihr fester Fahrplan so vor. Genauso wie die Zusammensetzung ihrer sechs über den Tag verteilten Mahlzeiten. Die immer genau gleich, aber insgesamt ausgewogen und gesund sind. Heute kann sie akzeptieren, dass die strenge Routine gut für sie ist. Dass sie ihr hilft, einen Pfad durch den Datendschungel zu schlagen, der ständig in ihrem Kopf entsteht. Bei Autisten fehlt typischerweise ein Filter im Gehirn, der wichtige von unwichtigen Informationen trennt. So stürzen unzählige Reize ungehindert auf sie ein. Es genügt schon, ein Möbelstück in die andere Ecke eines Zimmers zu stellen, um sie komplett zu verwirren.

Lange Zeit hatte Nicole Schuster nicht verstanden, warum ihr der Alltag so schwerfällt. Erst nachdem sie 20 Jahre mit Autismus gelebt hatte, stellten Ärzte der Uni- Klinik Köln die richtige Diagnose. "Da begann für mich ein neues Leben", sagt sie. Endlich wusste sie, warum sie anders war. Und erfuhr, dass sie nichts dafür kann, dass Autismus eine genetische Ursache hat. Etwa 20 Gene sind an der Entstehung der Entwicklungsstörung beteiligt. Bis dahin hatten extreme Phasen ihr Leben geprägt, in denen sich Nicole Schuster entweder anpassen oder gegen die ganze Welt rebellieren wollte. "Ich habe mich an Stellen gesucht, wo ich nicht zu finden war", sagt sie heute. Ihre Eltern spürten früh, dass sie sich nicht normal entwickelte. "Nicole war so ein zorniges Kind", erinnert sich die Mutter. Wenn das Mädchen nicht seinen Willen bekam, brüllte es und schlug mit dem Kopf gegen die Stäbe seines Laufstalls. Stundenlang. Im Kindergarten setzte Nicole meist Puzzle zusammen, ohne die anderen Mädchen und Jungen zu beachten.Und wenn Oma und Opa zu Besuch kamen, weigerte sich die Kleine, ihnen die Hand zu geben. Sie sei nicht streng genug, warfen Freunde der Mutter vor, sie habe keine gute Beziehung zu ihrem Kind.

Mimik, Gestik, den Blickkontakt musste sie sich mühsam antrainieren

"Ich war völlig verunsichert und dachte, ich mache alles verkehrt. Es wusste ja damals niemand, was mit Nicole los war", erzählt Ute Schuster. Noch heute schnürt es ihr den Magen zu, wenn sie von jener Zeit berichtet. "Ich kann nichts mehr essen", sagt sie und legt den Löffel zur Seite, mit dem sie gerade gegessen hat. Zu sehr belasten sie die Erinnerungen. Die Tochter konnte noch mit vier Jahren kaum sprechen. Erst einer geduldigen Logopädin der Universitätsklinik in Aachen gelang es, dem Mädchen mühevoll jeden einzelnen Konsonanten beizubringen. "Kann sie erst sprechen, wird sich auch ihr Verhalten bessern", dachte die Mutter damals. Doch es sollte anders kommen. Auch in der Grundschule konnte Nicole mit anderen Kindern nichts anfangen. Wenn sie Mitschüler nach Hause einlud, durften die in ihrem Zimmer nichts anfassen, kein Buch aus dem Regal ziehen. Und herumtoben wollte Nicole auch nicht, weil das ihr Zimmer durcheinandergebracht hätte. Die anderen Kinder langweilten sich bald und kamen nicht mehr wieder. Auf dem Gymnasium war Nicole gleich Klassenbeste, übersprang später ein Schuljahr, aber gegen ihre Mitschüler konnte sie sich nicht wehren. Die warfen ihr im Sportunterricht Bälle an den Kopf, bespuckten sie und pinkelten einmal sogar in ihren Fahrradhelm.

Dabei wollte Nicole doch so gern sein wie alle anderen Kinder. Jahrelang hatte sie ihre Freundin Silvana imitiert: ihre Art zu laufen, ihre Zöpfe, ihre Schrift. Als sie auf das Gymnasium kam, gab sie ihr ganzes Taschengeld für Markenkleidung aus, um nicht negativ aufzufallen. Und sie las schon im Alter von zehn Jahren Bücher über Psychologie, um das Verhalten anderer Menschen zu verstehen. Mimik, Gestik, den Blickkontakt musste sie sich mühsam antrainieren. "Ich lernte zum Beispiel, dass man ernst gucken muss, wenn man etwas Trauriges erzählt", sagt sie heute. Normale Kinder begreifen das schnell, weil sie das Verhalten anderer Menschen nachahmen. Autistische Kinder dagegen lernen nicht durch Nachahmung und verpassen diesen wichtigen Entwicklungsschritt. Heute spricht Nicole Schuster sehr gewählt, redet von "Opponenten", wenn sie von ihren ehemaligen Mitschülern erzählt, nennt es eine "glückselige Verquickung", dass sie von ihrem Autismus erfahren hat. Dabei spricht sie manchmal zu laut und zu hart, als müsse sie sich verteidigen.

"Wir sind viel besser an das Internetzeitalter angepasst"

Ernst erzählt sie, dass sie oft die Erwartungen anderer Menschen enttäuscht. Fremde sehen zunächst ihr hübsches Gesicht mit den großen blauen Augen und den feinen Gesichtszügen. "Sie erwarten dann einen herzlichen Menschen, erleben mich aber als kalt und verschlossen." Dabei hat sie gelernt, was nur hochintelligenten Autisten gelingt: Nicole Schuster kann sich in andere Menschen einfühlen. "Als ich neun oder zehn Jahre alt war, hatte ich plötzlich eine Art Eingebung", sagt sie. Ihr kam der Gedanke, dass vielleicht auch ihre Mutter abends müde ist, dass auch sie die Kälte spürt, wenn sie etwas aus dem Keller holen muss. Nie zuvor hatte sie darüber nachgedacht. Erst seitdem kann sie Mitgefühl empfinden. "Für viele Autisten sind andere Menschen wie Gegenstände", erzählt sie. Wenn man ihnen zum Beispiel ein Bild zeige, auf dem jemandem mit der Bratpfanne auf den Kopf geschlagen wird, könnten sie sich nicht vorstellen, dass ihm das wehtut, erklärt Nicole Schuster. Obwohl sie durchaus wüssten, dass der Schlag ihnen selbst Schmerzen bereiten würde.

Doch habe das Asperger-Syndrom auch Vorteile, sagt Nicole Schuster: "Wir sind viel besser an das Internetzeitalter angepasst." Ihr genüge es, per E-Mail zu kommunizieren, auf persönliche Kontakte lege sie keinen Wert. Auch findet sie die Beharrlichkeit der Asperger-Autisten großartig. Nicole Schuster selbst gibt niemals auf - auch nicht beim Zungenrollen: Als Kind hatte sie beobachtet, dass ihre Schwester die Zunge rollen konnte, sie selbst dagegen nicht. Sie übte, rollte und rollte, bis es ihr endlich gelang. "Ich weiß, dass ich viel lernen kann", sagt sie. Künftig möchte sie forschen, sehr gern zum Thema Liebe und Autismus. "Viele Menschen denken, Autisten hätten gar keine Gefühle", sagt sie. Dabei fänden sie nur keinen Weg, ihre Empfindungen auszudrücken. Nicole Schuster kennt sogar Autistinnen, die eine Liebesbeziehung haben - mit autistischen oder nicht autistischen Männern. Sie selbst allerdings war noch nie verliebt. Händchen halten, küssen? Nein, das kann sie sich im Moment wirklich nicht vorstellen.

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