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Benjamin Carson: Der Mann, der Lea und Tabea trennte

Der Neurochirurg Benjamin Carson gilt als der erfahrenste Experte für Operationen von "Craniopagus"-Zwillingen dieser Art.

Er war in der Schule das "Dummchen" - gehänselt, ohne Selbstbewusstsein und mit schlechten Noten. Heute kann Benjamin Carson, der leitende Neurochirurg bei der Operation von Lea und Tabea, auf eine auch für amerikanische Verhältnisse ungewöhnliche Karriere zurückblicken.

Carson stammt aus dem schwarzen Ghetto Detroits. Als er acht war, verließ der Vater die Familie. Mutter Sonya, lange von Depressionen geplagt, erzog die beiden Söhne alleine. Gott und die Liebe der Mutter, sagt der 53-jährige Adventist heute, hätten ihm Halt gegeben und auch den Antrieb, der ihn schließlich an eine der renommiertesten Kliniken der Welt führte.

Mit 33 Jahren schon wurde Benjamin Carson 1984 zum Direktor der pädiatrischen Neurochirurgie des Johns Hopkins Hospital in Baltimore ernannt. Drei Jahre später wagte der Neurochirurg seine erste Trennung von "Craniopagi", am Kopf zusammengewachsenen Zwillingen. Die aus Ulm stammenden Brüder Benjamin und Patrick Binder verließen das Hospital geistig behindert. Doch war es das erste Mal, dass Zwillinge mit einer Anatomie wie bei Lea und Tabea einen chirurgischen Trennungsversuch überlebten.

1994 ein weiterer Versuch. Bei Pretoria operierte Carson mit südafrikanischen Kollegen die sechs Monate alten Makwaeba-Zwillinge. Beide Mädchen starben. "Gemischte Gefühle" habe er darum gehabt, als er 1997 im selben Krankenhaus ein weiteres Paar trennen sollte, bekannte Carson. Doch Joseph und Luka Banda überlebten nicht nur. Fünf Jahre später waren sie wieder zu Hause in Sambia, gingen in die Vorschule und spielten mit den Nachbarskindern.

Im vergangenen Jahr nahm Carson in Singapur an der Operation von Ladan und Laleh Bijani teil, den beiden erwachsenen Iranerinnen, die um jeden Preis getrennt werden wollten - und bei dem Eingriff ums Leben kamen. All diese Erfahrungen standen im Hintergrund, als Benjamin Carson der Operation von Lea und Tabea zustimmte und kurz nach Pfingsten zum ersten Mal das fast 80-köpfige Team zusammenrief. "Es heißt, ihr seid alle kluge Menschen", sagte Carson damals. "Also lasst mich kluge Ideen hören." Über Wochen wurde dann der Plan erarbeitet, der den Zwillingen aus Lemgo zu einem eigenständigen Leben verhelfen sollte. Auch Ethiker berieten das Team. Die Entscheidung für oder gegen die Operation aber konnten sie den Eltern nicht abnehmen - so wenig wie den Teammitgliedern. Jeder Einzelne, von der Schwester bis zum Neurochirurgen, musste abwägen, ob er an dem riskanten Eingriff teilnehmen wollte.

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