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Fotografieren gegen das Sterben: "Als könnte ich sie dabehalten"

Als der tödliche Hirntumor entdeckt wurde, blieben Chiara und ihren Eltern zehn Monate, Abschied zu nehmen. Elisabeth Zahnd Legnazzi begann, gegen das Sterben ihrer sechsjährigen Tochter anzufotografieren.

Von Silke Müller

Nach dem Tod ihrer Tochter Chiara fotografierte Elisabeth Zahnd Legnazzi nur noch unscharf. Licht, Licht, Licht. Es gab keinen Fokus mehr in ihren Bildern. Nur noch Ferne. Verschwommene Landschaften, jeder Umriss überblendet durch dieses gleißende Licht. Im Spital von Arlesheim, als sie nur noch dieses eine Motiv fotografierte, das sich nicht festhalten ließ, da sind ihr allmählich alle Bilder abhandengekommen.

"Geht nach Hause, sie wird bald sterben." Das sagten sie ihr im Berner Kinderkrankenhaus, als aus Sicht der Mediziner nichts mehr zu tun war, im März 2000. Es sei nur noch eine Frage von Tagen. Elisabeth Zahnd überlegt, wählt und verwirft ihre Worte, sagt dann: "Man hat das Gefühl, man ist im falschen Film. Es ist irreal, es schwebt so über einem."

Chiara ist fünf, als eine Hand anfängt zu zittern, wenn sie zeichnet oder isst. Sie scheut die Sonne. Licht stört sie so sehr, dass sie selbst ihre Lieblingsfilme nicht mehr ansehen mag. Es ist Oktober 1999. "Der Weg war ganz schnell und ganz kurz. Ende November hatten wir die Diagnose: Astrozytom." In Chiaras Kopf wächst ein Tumor, und es gibt keinen Weg, ihn operativ zu entfernen. "Als wir das erste Mal im Spital waren, wurde Chiara mit ihrem Bett zum Lift gefahren. Die Schwester sagte, ‚Sie müssen ins Geschoss E.‘ Und Chiara: ‚E wie Ende.‘ Da ging mir der Laden runter. Das war schrecklich."

Mittelpunkt des Lebens

Chiara wuchs in einem Künstlerhaushalt auf. Der Vater, Remo Legnazzi, ist Filmemacher. Er schreibt Drehbücher und führt Regie. Die Mutter, Elisabeth Zahnd Legnazzi, ist Künstlerin, Schwerpunkt Fotografie und Video. Die beiden Freiberufler arrangierten ihre Arbeit um das Kind herum - den Mittelpunkt ihres Lebens. Einen Teil des Jahres verbrachte die Familie in ihrer Wahlheimat in Salvador da Bahia, Brasilien.

Wie sie im Guten gelebt haben, so leben sie bis zum Ende. Mit dem Kind, Tag und Nacht. Die Chemotherapie brechen sie ab, als alles nur noch schlimmer wird. Der Tumor im Kopf schwillt an. Es entsteht großer Druck. Als sie nicht mehr allein klarkommen, ziehen sie in das anthroposophische Akutspital in Arlesheim bei Basel. Von April bis zum 17. September 2000 ist das kleine Zimmer mit dem Blick in den Garten das letzte Zuhause für alle drei. Sie packen ein paar Sachen ein, Spielzeug, das Buch vom Hasen Felix, das Kuschelschaf. Elisabeth Zahnd nimmt ihre Kamera mit.

"Ich denke, sie wusste, dass sie sterben würde. Sie wollte auch nicht, dass ich ihr neue Schuhe kaufe. Sie wollte gar keine Schuhe mehr." Chiara lernt die Uhr, manchmal spielt sie noch mit einer Puppenstube. Dann beginnt ihr Rückzug. Ihre Sehkraft schwindet, sie ernährt sich nur noch von püriertem Obst. Zum sechsten Geburtstag am 3. Mai 2000 schenkt die Mutter ihr einen Elefanten mit Spieluhr. Chiara lauscht der Melodie, wieder und wieder. Mitte Juli hört sie auf zu essen. "Sie wurde immer zarter, am Ende kam sie mir vor wie ein Vögelchen, nur noch Haut und Knochen. Wie sie dalag, das war schrecklich zum Anschauen."

Die Ohnmacht

Elisabeth Zahnd nimmt die Kamera zur Hand, hält diesen Blick fest, den sie so schwer aushalten kann, wieder und wieder. Es ist wie ein rasender Stillstand, nichts lässt sich aufhalten, aber jeder Tag ist wie ein Schatten des Vortages. Dieselbe Melodie, dieselbe Ohnmacht.

Frau Zahnd ist eine zurückhaltende, leise Person. Worte kommen ihr eher zögerlich über die Lippen, sie wägt sehr genau ab, was sie sagen möchte, was sie preisgibt. Sie wirkt verletzlich und stark zugleich. Was sie zu sagen hat, packt sie in ihre Fotografien. "Schwebende Auflösung" nennt sie die Zeit im Spital. In Chiaras unverstelltem Blick auf die Mutter ist das zu erkennen. Und in den verschwommenen Gartenbildern auch: Wie durch einen Tränenschleier hindurch fotografiert, zerfließt die Landschaft in Licht und Farbe. Alles verblasst. Nichts ist mehr klar, nichts mehr gewiss.

"Ich habe sie immer fotografiert. Es war wie eine innere Notwendigkeit. Ein Maler hätte sie jetzt vielleicht gemalt. Es war für mich ein Ankämpfen dagegen, dass sie verschwindet. Dass sie uns verlassen wird. Als könnte ich sie dabehalten, auf diesen Bildern." Ob sie etwas festhalten konnte, dadurch? "Einen kleinen Teil."

Für die Ewigkeit

Kann man das Leben fotografieren? Und den Tod? Die Fotografie ist ein Medium des Vergangenen: jede Bewegung zum ewigen Stillstand erstarrt, jeder Ausdruck festgefroren. Die Geschichte der Totenfotografie ist so alt wie die Technik selbst. Und bevor es die Fotografie gab, haben die Menschen versucht, ihre Verblichenen durch den Abdruck von Totenmasken, gemalte Porträts oder geschmückte Schädel bei sich zu behalten. Elisabeth Zahnd folgte mit ihren Fotos einem inneren Bedürfnis, das zutiefst archaisch ist.

Als Chiara stirbt, lebt Elisabeth Zahnd mit den Bildern weiter, mithilfe der Bilder. Sie umgeben sie. Neue Fotografien entstehen, Landschaften, aber alles bleibt verschwommen. Es gibt kein neues Motiv. Erst mit der Geburt ihres Sohnes Elio - abgeleitet vom griechischen Sonnengott Helios -, gut ein Jahr nach Chiaras Tod, kehrt eine menschliche Gestalt zurück ins Bild.

Ihre Auseinandersetzung mit dem Tod und den Fotografien vom Tod setzt sie fort. Sie sichtet, ordnet, arrangiert sie zu einer wortlosen, ergreifenden Erzählung. Sie entwickelt ein stilles Buch, dessen Wirkung sich nicht durch schockierendes Bildmaterial entfaltet, sondern durch die Unmittelbarkeit des Blicks und die Unaufhaltsamkeit des Entschwindens.

Ein Buch entsteht

Es entsteht ein Gedenkraum zwischen den Buchdeckeln, zwischen den Bildern, der mit unseren eigenen Ängsten gefüllt wird. Für manche Betrachter ist dies nicht auszuhalten. Als Elisabeth Zahnd einmal bei einem Tag der offenen Tür in ihrer Berner Ateliergemeinschaft die Bilder von Chiara zeigt, reagieren einige Besucher mit Wut. Andere jedoch, die selbst Ähnliches erlebt haben, versenken sich in die Fotografien, fühlen sich verstanden.

Fünf Jahre nach Chiaras Tod ist das Buch fertig. Neun Jahre danach wird es gedruckt. Es brauchte Zeit. Und weitere Ebenen: die abstrakten Bilder, um Abstand zu gewinnen, und den Text, um zu begreifen, was eigentlich mit den Bildern und ihren Betrachtern passiert.

Das Buch führt einen Verlust vor. Der muss so schmerzhaft sein, dass es fast zehn Jahre nach dem Tod immer noch mitgeteilt werden muss, nach außen drängt. Nicht laut, aber intensiv. Die Frau, die so wenig über ihr eigenes Leid, ihren eigenen Schmerz spricht, über das Loch in ihrem Herzen, sie zeigt lautlos vor, was sie verloren hat.

Sie schaut die Bilder immer noch an. Aber das Geheimnis des Todes haben sie ihr nicht verraten.

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