Gebärdensprache Der Tag der Gehörlosen


Man sieht es ihnen nicht an, doch 80.000 von ihnen leben unter uns: Erst wenn Gehörlose ihre faszinierende Sprache benutzen, erkennt man sie.

Jeden Tag werden in Deutschland im Durchschnitt zwei gehörlose Kinder geboren, 80.000 gehörlose Menschen leben in Deutschland. Für die Jungen und Mädchen bedeutet das, dass sie mit ihren in der Regel hörenden Eltern nicht normal kommunizieren und ihre Lautsprache nicht richtig entwickeln können.

Gehörlosigkeit sieht man den Betroffenen nicht an. Gerlinde Gerkens vom Deutschen Gehörlosen Bund (DGB) in Kiel, spricht anlässlich des Tages der Gehörlosen am 25. September von einer "unsichtbaren Behinderung". Zu diesem Anlass wollen die Betroffenen auf die Probleme der bundesweit 80.000 Menschen aufmerksam machen, die gehörlos geboren wurden oder ihr Gehör noch vor dem Spracherwerb verloren haben.

Gehörlosigkeit ist unsichtbar

Gehörlosigkeit ist keine Behinderung wie jede andere. Im Gegensatz beispielsweise zu blinden Menschen, besitzen Gehörlose ihre eigene Sprache, die Deutsche Gebärdensprache (fälschlicherweise oft angenommen, es gäbe eine universelle Gebärdensprache. Dies ist nicht so – jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache). Durch die Sprache entstand eine eigene Kultur, Gehörlose sehen sich demnach als sprachliche und kulturelle Minderheit. Dieser Umstand wird von Medizinern, Pädagogen und gesellschaftlich meist nicht berücksichtigt. Gehörlosigkeit wird oft nur als Defizit betrachtet. Die Gebärdensprache ist jedoch eine vollwertige und faszinierende Sprache, die die gleichen Möglichkeiten wie jede andere Sprache auch bietet.

Gründe für Gehörlosigkeit von Geburt an sind vielfältig: In Frage kommen genetische Umstände ebenso wie Hirnhautentzündung oder Infektionen etwa mit Röteln während der Schwangerschaft. Einer Gehörlosigkeit im Alter geht oft eine stetig zunehmende Schwerhörigkeit voran. Erkannt wird die Gehörlosigkeit oft erst, wenn das Kind bereits zwei Jahre alt ist. Mediziner fordern daher umfangreiche Hörscreenings.

"Je eher eine Gehörlosigkeit entdeckt wird, desto schneller können Therapie- und Fördermaßnahmen greifen", betont der geschäftsführende Direktor der HNO-Universitätsklinik in Freiburg, Roland Laszig der Experte. Die Eltern müssen dann entscheiden, ob beispielsweise das Kind die Gebärdensprache lernen oder aber eine Innenohrprothese, ein sogenanntes Cochlear Implantat (CI), erhalten soll. Dabei übernehmen 16 bis 22 Elektroden die Aufgabe der 30.000 Hörnervenfasern. Der größte Therapieerfolg wird erreicht, wenn die Kinder bis zum zweiten Lebensjahr operiert werden. Eine Operation bei so kleinen Kindern birgt allerdings nicht zu unterschätzende Risiken.

Sprachliche und kulturelle Minderheit

Allerdings eignet sich das CI laut Laszig nicht für gehörlos geborene Jugendliche und Erwachsene, da in diesem Alter die Hörentwicklung des Gehirns bereits abgeschlossen ist. Bei gehörlos geborenen Kindern oder später ertaubten Erwachsenen helfe die Prothese aber: "90 Prozent der ertaubten Erwachsenen können mit dem CI wieder telefonieren, über 60 Prozent der CI-Kinder besuchen eine normale Schule oder einen Kindergarten", sagt Laszig.

Aufgrund ihrer Identität als kulturelle und sprachliche Minderheit ist das Cochlear Implantat in der Gehörlosengemeinschaft äußerst umstritten. Gehörlose Menschen, die mit der Gebärdensprache aufgewachsen sind, sehen das Cochlear Implantat als Angriff auf ihre Sprache, die über hundert Jahre lang in Deutschland offiziell verboten war. Die Gemeinschaft der Gehörlosen fordert zumindest zusätzlich zu dem Implantat das begleitende Erlernern der Gebärdensprache, wie es in skandinavischen Ländern schon lange üblich und erfolgreich ist.

Erst seit wenigen Jahren ist die Deutsche Gebärdensprache von der Bundesregierung als vollwertige Sprache und das Recht der Gehörlosen auf ihre Sprache anerkannt worden. In diesem Zug findet die Deutsche Gebärdensprache Einzug in die Lehrpläne der Gehörlosenschulen.

Auch weil die Erfolgsaussichten des Implantats durchaus umstritten sind, rät die Gebärdensprachdolmetscherin Karin Kestner aus dem nordhessischen Guxhagen zum Erlernen der Gebärdensprache. Man wisse nicht, wie lange die CI-Kinder in einer Regelschule verbleiben könnten und wann sie wieder in eine Schwerhörigen-Einrichtung zurückgehen müssten. "Ich kann nur empfehlen, dass Eltern und ihre gehörlosen Kinder in jedem Fall auch die Gebärdensprache lernen sollten", sagt Kestner. Bereits im Alter von sechs Monaten könne man so mit einem Neugeborenen kommunizieren.

"Die Kinder sind auch nicht überfordert. Schließlich gibt es viele bilinguale Familien, in denen die Kinder ohne Probleme zweisprachig aufwachsen", sagt die Dolmetscherin. Die Gebärdensprache habe den Vorteil, dass den Familien damit jederzeit eine vollwertige Kommunikation zur Verfügung stehe, auch wenn das Implantat mal ausfalle und ersetzt werden müsse.

Unterschiedliche Statistiken zum Erfolg des Cochlear Implantates

Nach Angaben Laszigs sind solche Reimplantate aber die Ausnahme. Im Regelfall funktionierten nach 15 bis 20 Jahren noch 98 Prozent aller Geräte. Die Statistik des Schweizerischen Cochlea Implant Registers kommt allerdings zu etwas anderen Ergebnissen: So wurden in der Schweiz seit 1977 genau 737 Implantate eingepflanzt. 13 Prozent der Patienten mussten ihr Gerät wieder operativ austauschen lassen. Technische Defekte traten in mehr als einem Drittel aller Fälle auf. Jede fünfte Reimplantation wurde auf Grund von Unfällen oder medizinischer Probleme notwendig.

Auch Laszig betont, dass das CI kein Wundermittel sei. So werde Musik von den Patienten oft als störend empfunden. Nebengeräusche erschwerten ohnehin das Hören. "Auch das räumliche und das Richtungshören sind eingeschränkt", sagt der Forscher. Es gebe auch Jugendliche und Heranwachsende, die mit der Prothese nicht zu Recht kämen und das Gerät abschalteten. "Eltern haben oft eine zu hohe Erwartungshaltung an die Innenohrprothese", sagt Laszig. Trotzdem habe das Kind mit einem Implantat die Chance, sprechen zu lernen und weitgehend normal zu hören.

Jens Lubbadeh mit Agenturen

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker