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Hospiz: Claras letzter Weg

Fünf Jahre lang kämpfte eine Hamburgerin gegen den Krebs. Am Ende verlor sie. Die letzten Monate lebte sie in einem Hospiz, einem Ort, der ihr ein Sterben in Würde ermöglichte.

Von Andrea Schaper

Ein heller Sarg in der Kapelle. Musik vom Band. Johnny Cash. Die Beatles, "Let It Be". An den Sarg gelehnt, stehen Fotos von Clara. Clara lachend. Clara glücklich mit ihrem Sohn. Clara nachdenklich. Um den Sarg Dinge, die sie bis zum Schluss begleitet haben. Die gehäkelte Tasche, in der sie immer Zigaretten und Handy bei sich trug. Das Kissen mit den beiden Elefanten, das sie sich stets in den Rücken legte. Ihr Lippenstift, das rote Paillettenherz, das an ihrem Bett hing, das Perlenarmband mit dem Engel. Rosen ranken sich um den Sarg - diese Vorstellung hat sie immer gemocht. Alle sind noch einmal gekommen. Der Sohn aus Amerika, die Eltern, Lebensgefährten, Freunde, Pfleger und Mitarbeiter aus dem Hospiz, Ärzte aus der Klinik, frühere Arbeitskollegen, Freunde. Drei von ihnen lesen Gedichte von Rilke. Den "Panther", das "Königslied" und "An die Frau Prinzessin":
Nur manchmal während wir so schmerzhaft reifen, dass wir an diesem beinah sterben, dann: Formt sich aus allem, was wir nicht begreifen, ein Angesicht und sieht uns strahlend an.

Noch 92 Tage "Ich verliere das Leben wie einen guten Freund. Es spielt keine Rolle, ob ich es festhalten will, darum weine oder kämpfe. Es schleicht sich aus meinem Körper. Es macht sich einfach davon, dieses Leben. Es nimmt mir die Kraft. Still und langsam. Stetig und unwiederbringlich. Und es lässt mich ganz allein, dieses Leben. Allein mit diesem Krebs." Clara nimmt sich eine Zigarette. Die vierte an diesem Morgen, die sie mit ungelenkem Griff aus der Packung zieht. Sie sitzt im Garten vor dem Hospiz "Hamburg Leuchtfeuer" unter der großen Erle, ihrem Lieblingsplatz, das Gelkissen unter dem knochigen Becken. Sie lässt sich Feuer geben, das Feuerzeug gehorcht ihren Händen nicht mehr. Sie zieht an der gedrehten Zigarette, die Freunde ihr manchmal mitbringen, und sagt: "Dieser Abschied auf Raten, das ist das Schlimmste für mich." Dabei hatte Clara Zeit gehabt. Viel mehr Zeit, als die Ärzte ihr vorausgesagt hatten, an jenem Tag im April vor fünf Jahren: "Drei Jahre hatten sie mir gegeben."

Lieber Zigaretten als Engel

Sie lehnt sich zurück. Ein silberner Engel, der sich die Hände vor die Augen schlägt, schaukelt an einem Perlenarmband um ihr Handgelenk. Das Geschenk einer Bekannten. "Auf einmal bekommst du ständig Engel geschenkt", sagt sie. "Als Glücksbringer und Hoffnungsträger, als Mutmacher und Begleiter für den Tod." Sie raucht. Und lacht: "Selbst gedrehte Zigaretten wären mir lieber." Clara will ihre Geschichte erzählen. Um zu zeigen, wie alltäglich es ist, die Diagnose der eigenen Sterblichkeit zu bekommen und es dennoch zu schaffen, weiterzuleben. Zu hoffen, zu kämpfen, zu resignieren - und zu sterben. "Weil wir an diesem Punkt alle gleich sind." Und weil sie sich geschmeichelt fühlt, dass ihr jemand zuhört. Mit einem leichten Unbehagen, ihr Schicksal könne zu wenig spektakulär sein.

Sie will aus ihrem Leben erzählen, nicht mit vollem Namen, sondern mit ihrem zweiten Vornamen, dem ihr "lieberen". Weil sie den Sohn schützen will. Dieser respektiert den Wunsch seiner Mutter, sich beim Sterben von einer Journalistin begleiten zu lassen, will aber kein Mitleid, denn seine Gefühle könne keiner nachempfinden. Es ist nicht seine Geschichte. "Es ist die von Clara."

Als die Beine sie nicht mehr tragen, fühlt sie Panik

Im Frühling 2001 reist Clara mit ihrem Freund nach Mallorca. Sie haben es tatsächlich geschafft, eine Woche ohne die Kinder aus ihren vorherigen Beziehungen zu organisieren und die Firma ihres Lebensgefährten hinter sich zu lassen. Endlich allein zu sein. Und dann sitzen sie in der warmen Abendsonne auf der Terrasse und schauen auf die weißen Kräusel im Meer. Doch da sind diese unerträglichen Rückenschmerzen, die jeder Massage, jeder Rückenschule, jedem Orthopäden widerstanden haben. Als ihre Finger an diesem Abend die Zigarette nicht mehr zu drehen vermögen, bekommt sie Angst. Als ihre Beine sie am nächsten Morgen nicht mehr tragen, fühlt sie Panik.

Zurück in Hamburg, zeigt das Bild des Computertomografen das Unglück schichtweise, in Schwarz-Weiß. Der unterste Lendenwirbel hat sich "einfach aufgelöst". Ärzte sagen dazu "Plasmozytom". Clara sagt: "Der Anfang von meinem Sterben." Plasmozytom: eine seltene Art von Blutkrebs, der die Knochen angreift und langsam auflöst. Statistisch sind Männer häufiger betroffen, "ein Vorkommen vor dem 60. Lebensjahr ist ungewöhnlich, jedoch möglich", heißt es im Fachlexikon. Aber Clara ist jung. Mit 41 sei sie für ehrgeizige Ärzte "eine Herausforderung" gewesen. Sie meint das so zynisch, wie es klingt. Sie selbst ist damals sicher, diesen Krebs zu überwinden. Geht fünf Wochen jeden Tag zur Bestrahlung. Verliert Gewicht, Haare, aber nicht die Zuversicht. Claras Lebensgefährte sucht in Büchern und im Internet nach Hoffnung. Sagt: "Vielleicht ist die Diagnose ja auch Quatsch." Clara hält es "für ausgeschlossen, an dieser unsichtbaren Krankheit zu sterben, so unwirklich ist das". Sie merkt, dass der klassische Weg der Krebsbehandlung für sie nicht der richtige ist. Trotz schlechter Blutwerte lehnt sie eine zweite Staffel von Bestrahlungen ab, auch eine Chemotherapie. "Die hätte mich bloß noch kränker gemacht." Ehe sie als Sozialarbeiterin versucht hat, anderer Leute Kinder zu retten, arbeitete sie als Krankenschwester auf einer Intensivstation. Sie weiß um die Qualen von Krebsbehandlungen.

Ein Leben voll erfüllter Erwartungen

Sie sucht nach alternativen Heilmethoden. Bald trifft sie auf einen Onkologen, der Vorträge über das Gleichgewicht von Körper und Seele hält und lehrt, "dass der Schlüssel zur Heilung im Menschen selbst liegt". Sie fühlt sich bei ihm aufgehoben. Glaubt, dass sie nur krank geworden sei, weil etwas auf ihrer Seele lag, das sie bislang ignoriert habe. Sie glaubt fest daran, dass sie nur ihr Leben ändern muss, um gesund zu werden. "Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich aufgefordert, auf meine eigenen Bedürfnisse zu hören, mich selbst in den Vordergrund zu stellen", erinnert sie sich. "Mein Leben lang habe ich getan, was andere von mir erwarteten. Habe mich immer um andere gekümmert: bei der Arbeit, den Freunden, der Familie. Dabei war ich es doch, die umsorgt werden wollte." Nach zwei Jahren zieht sie mit dem Sohn zu dem neuen Lebensgefährten, einem erfolgreichen Unternehmer, gibt ihren Job auf und kümmert sich auch um seine Kinder. Fährt sie zum Sport und zum Musikunterricht, kontrolliert die Hausaufgaben, kocht, ist Gastgeberin für die Geschäftspartner, hilft in der Firma. Sie fühlt sich "überfordert, fremdgesteuert".

Noch 81 Tage. Clara ist eine energische Frau mit dunklen Augen und fester Stimme. Sie fordert für alles eine Erklärung, verlangt Begründungen. Streicht ihr jemand über den Arm, fragt sie, weshalb. Kommen Besucher eine Viertelstunde zu spät, wird sie ungehalten. 15 Minuten sind viel Zeit für sie. "Zu lange habe ich mich zu schnell zufriedengegeben, mich gefügt. Aber wenn die Uhr läuft, hast du keine Zeit für Kompromisse." Sie lebt diszipliniert, sparsam und bescheiden, macht Yoga, lebt gesund. "Nur das Rauchen gebe ich in der letzten Kurve nicht mehr auf ", sagt sie und lacht. Immer sind ihre Lippen geschminkt, immer trägt sie goldbraune Perlen in den Ohren. Und wenn sie verlegen ist, streckt sie die Finger und betrachtet ihre Hände. Gibt es etwas, was sie in ihrem Leben noch erledigen, noch klären will? Clara überlegt lange. "Ich bin am Ende meines Lebens angekommen. Ob sich das erfüllt hat, was ich erreichen wollte, spielt dabei einfach keine Rolle mehr." Später erzählt sie doch noch von ihrem letzten Wunsch: "Sich noch einmal richtig zu verlieben." Und: "Geliebt zu werden."

Man verlässt niemanden, der Krebs hat

Im Frühjahr 2004 trennt sie sich von ihrem Freund, der "Liebe meines Lebens". Die Krankheit, verbunden mit den vielen neuen Pflichten, strapaziert sie zu sehr. Dazu die ständigen Untersuchungen, die emotionale Talfahrt bei schlechten Ergebnissen. Clara sieht in diesem Schritt auch die Möglichkeit, sich weiter "innerlich zu heilen". "Wir haben beide gewusst, dass es so nicht mehr geht. Ich musste gehen. Er hätte mich nie verlassen. Man verlässt niemanden, der Krebs hat."

Fortan wird alles, was sie sich vornimmt, zu einem "Einmal noch"-Erlebnis. Einmal noch einen Abenteuerurlaub mit dem Sohn verbringen. Einmal noch zelten gehen. Einmal noch im Meer baden und den Sand zwischen den Zehen spüren. Einmal noch Frankreich. "Einmal noch das Leben fühlen", sagt Clara. Als ihr Bruder, ein Hamburger Psychologe, sich im September 2005 nach einer tiefen Depression das Leben nimmt, verliert Clara jedoch jene Willenskraft, mit der sie in den vier Jahren zuvor gegen den Feind in ihrem Körper antrat. Sie kann jetzt den Alltag nicht mehr bewältigen. Einkaufen, kochen, waschen - alles wird zum Kraftakt, an dem sie scheitert. Der 15-jährige Sohn zieht zum Vater und besucht sie, sooft er kann. Ein letztes Aufbäumen, Heiligabend 2005. Clara feiert mit ihrem Sohn bei der besten Freundin. Sie singen Weihnachtslieder. Und sie tanzt mit ihren dünnen Beinen bis morgens um drei. Diese "magischen Momente" sind es, die ihr die Kraft geben, nicht sofort aufzugeben. "Ich halte sie wie in Zeitlupe bis zu meinem Ende fest. Aber ich mache mir auch nichts mehr vor. Ich kann es mir nicht mehr erlauben, die Wahrheit nicht zu erkennen."

Einen Platz zum Sterben finden

Noch 59 Tage Clara geht es schlecht, sie wird immer dünner. Immer schwächer. Ihr Rücken krumm. Im Frühjahr 2006 hatte sie sich noch einmal in einem anthroposophischen Krankenhaus bei Hamburg behandeln lassen. "Aufpäppeln", sagt sie. "Vitaminkuren, Schmerztherapien. Nur zum Kräftesammeln. Weil alles andere nur noch von medizinischem Interesse ist, mich aber nicht mehr ins Leben zurückbringt." Sie bekam Infusionen zur Stärkung der Abwehrkräfte, "damit sich ein Rosengarten um das Herz legen kann". Dieser Satz tröstet sie. Auch als die Ärzte sie endgültig aufgeben und ihr raten, in ein Hospiz zu gehen. Mit anderen Worten: einen Platz zum Sterben zu finden.

Gab es einen bestimmten Moment, an dem ihr klar wurde, dass es keine Hoffnung mehr gibt? Etwa, als die Blutwerte immer schlechter wurden? Sie schüttelt den Kopf. "Nein. Es ist ein stetiger Prozess. Du gehst den Weg allein. Es gibt Situationen, in denen all die wichtigen Menschen aus deinem Leben bei dir sind - und dennoch fühlst du dich unendlich allein, einsam. Dann begreifst du: Die Überlebenden sind die Überlegenen." Hat sie Angst vor dem Tod? "Nein, nur vor einem qualvollen Weg dorthin", sagt sie. Sie will keine Schmerzen ertragen müssen, sie glaubt an ein Leben danach, "sonst würde ich vor Angst verrückt werden". Sie sitzt heute in ihrer alten, noch nicht gekündigten Wohnung am Hamburger Hafen. Hierhin war sie mit ihrem Sohn im Herbst 2004 gezogen. Zum Hafen, weil der Kindsvater in der Nähe wohnt. Jedes Zimmer in einer anderen Farbe. Gelb, Grün, Hellblau, Rot. Die Möbel stehen noch da. Bilder. CDs. Fotos, an Küchenschränke geklebt. Leere Umzugskartons im Wohnzimmer, Lampen ohne Stromanschluss, abgezogene Betten. Sie bittet den früheren Lebensgefährten, die Wohnung später zu kündigen. "Das schaffe ich nicht", sagt sie. "Diesem Ende kann ich mich nicht stellen. Noch nicht."

Mit dem Taxi in ihr altes Leben

Manchmal flieht sie aus dem Hospiz hierher. Fährt mit dem Taxi in ihr altes Leben. "Es ist ein komisches Gefühl, die Tür zu meiner Wohnung aufzuschließen und einzutreten. Die Wohnung ist nicht zu Ende gelebt. Und doch gehöre ich hier einfach nicht mehr her. Das ist nicht mehr mein Zuhause." Clara weint. Auf dem Küchenkalender endet das alte Leben von Clara im Frühsommer. Zahnarzttermine, Elternabende. Dann der letzte Eintrag mit wackeliger Bleistiftschrift: "Hospiz". Clara hatte sich mehrere Sterbehäuser angesehen und sich schließlich für "Hamburg Leuchtfeuer" im Stadtteil St. Pauli entschieden, unweit der Reeperbahn. Ein kürzlich renoviertes Haus für elf Bewohner, die meisten Krebspatienten. Weshalb dieses Hospiz? "Es ist das lebendigste."

Sie wohnt in einem großen, hellen Zimmer mit Bad im zweiten Stock. Mit Blick auf die Dächer der Reeperbahn und die große Erle. Stets Blumen auf dem Tisch, ein kleiner Kuchen zur Begrüßung. "Es war so unwirklich", erinnert sie sich an ihren ersten Tag hier und lacht. "Wie das Ankommen in einem Hotelzimmer im Urlaub." Und sie alberte mit ihrer Freundin herum. Was wohl geschähe, wenn es mit ihrem Sterben länger dauere, als von den Ärzten vorhergesagt. Müsste sie dann wieder ausziehen? Hofft sie im Stillen vielleicht doch noch darauf? "Nein. Mein Weg ist hier zu Ende. Ich bin nicht zu Besuch. Hier gibt es keine Hoffnung, keine Rückkehr."Clara empfindet es als große Ungerechtigkeit, dass sie krank geblieben ist - obwohl sie alles für ihre Seele getan hat, damit sie gesund wird. "Nun lässt mein Körper mich einfach im Stich."

Ich möchte tanzen - und kann nicht mehr laufen

Noch 56 Tage. Clara kann ihre Brote nicht mehr selbst schmieren, die Wasserflasche nicht mehr öffnen. Die Knochen tun weh, sie kann nicht mehr aufrecht sitzen. Sie ermüdet schnell, verliert jegliche Kraft. Und fragt ihre Freundin, die zu Besuch kommt, barsch: "Sag mir, was ich noch habe? Ich möchte essen - und kann nicht mehr kauen. Ich möchte tanzen - und kann nicht mehr laufen. Ich möchte berühren – und habe Krallenhände." Ihr Körper sackt nach und nach in sich zusammen. Clara stellt sich dem Sterben. Sie wird kompromissloser, härter. Anfangs hatte sie sich im Hospiz noch Bilder von gerade Verstorbenen angesehen. "Ich wollte wissen, was mich erwartet." Jetzt sagt sie: "Es reicht. Das kommt sowieso auf mich zu." Ihr Sohn besucht sie jeden zweiten Tag. Dann essen sie gemeinsam mit den anderen Bewohnern. Schmieden Pläne. Seine Pläne. Er will für ein Jahr in die USA. "Ich habe ihm versprochen, bis zu seiner Rückkehr durchzuhalten", sagt sie. "Weil er jetzt einfach mal dran ist. Weil er seit fünf Jahren mit einer kranken Mutter lebt. Er war zehn, als ich krank wurde, und hat so viel getragen, was ich gar nicht erahnen kann."

"Ich hatte keine Einschränkungen, Mama", erwidert der Sohn. Sie läuft mit dem Gehwagen die Rampe vor dem Hospiz hinunter. Bleibt immer wieder stehen, mit stark gekrümmtem Rücken, stützt sich auf dem Wagen ab. Sie verliert täglich an Gewicht. Der Rock flattert um ihre Beine, sie braucht lange, bis sie auf der Bank eine bequeme Position zum Sitzen gefunden hat. "Mir geht es schlecht", sagt sie. "Das sagst du seit fünf Jahren", antwortet der Sohn. Er streicht vorsichtig über ihren Arm. Kein Fett mehr in ihrem Körper, jede Ader scheint bläulich auf der Haut. Sie überlegen, ob sie eine strenge Mutter war. "Ich musste dich ja immer zugleich bemuttern und bevatern. Vielleicht war ich auch immer von allem zu viel", sagt sie. Und weint. "Warum kann ich nicht einfach eine Mutter sein, die ihrem Sohn E-Mails schreibt, Pizza backt oder verrückte Karten aus dem Urlaub schickt, die ihm peinlich sind?"

"Es war unfassbar"

Noch 29 Tage. Der letzte gemeinsame Nachmittag, ehe der Sohn in die USA abreist. Sie schweigen. Clara schenkt ihm Fotos, auf denen sie beide zu sehen sind. Später wird der Sohn über diese Begegnung sagen: "Auch wenn diese letzten Stunden sehr schwierig waren, bin ich nicht unglücklich über den Abschied. Es tat gut, mit ihr zusammen zu sein, weil wir beide unsere Gefühle noch einmal teilen konnten." Und: "Es war unfassbar."

Noch 28 Tage. "Es ist gut, dass er nun einen neuen Platz gefunden hat", sagt Clara. Gestern wurde sie morgens um vier von ihrer Freundin abgeholt und brachte den Sohn zum Flughafen. "Ich habe das Bild von ihm im Kopf, wie er durch die Glastür geht. Er dreht sich nicht um." Und: "Ich freue mich für ihn." Glaubt sie, dass sie die Zeit bis zu seiner Rückkehr durchhalten wird? "Das liegt nicht mehr in meiner Verantwortung." Clara sitzt häufig in der Eingangshalle des Hospizes mit anderen Bewohnern, die ihr Zimmer noch verlassen können, und raucht. "Meist weiß man um die anderen, kennt deren Familien und Freunde", sagt sie. "Über das Sterben reden wir nicht." Im Eingang an der Wand hängt ein großer Leuchter. Dessen Kerze wird angezündet, wenn ein Bewohner gestorben ist. Rote Rosen stehen in der Vase daneben. In eine Schale mit Wachs ist der Name des Verstorbenen geritzt, bis er das Haus endgültig verlässt. Dann wird das Wachs aus der Schale wieder eingeschmolzen. Doch etwas von dem Namen bleibt darin. Clara mag diese Vorstellung. Tröstet sie. "Und doch fragst du dich immer, wann wohl dein Licht brennt."

Eltern zanken, wer sie schieben darf

Als ihr Telefon klingelt, lacht sie und sagt: "Der Krebs hat auch was Tolles. All die Menschen, die du früher so selten gesehen hast, rufen an, sind da. Es ist auf einmal so leicht, alle um sich zu haben." Ihre Eltern, die sie sonst dreimal im Jahr in Nordrhein-Westfalen besucht hat, kommen nun zu ihr. Alle acht Wochen. Schieben sie im Rollstuhl durch Hamburger Parks, und die Tochter genießt es, wenn sich die Eltern zanken, wer sie schieben darf. "Dann fühle ich mich so umsorgt und geliebt, wie ich es mir ein Leben lang gewünscht habe."

Clara bekommt inzwischen die höchstmögliche Morphindosis, auf drei Tabletten am Tag verteilt. Die erste morgens um sechs, damit sie den Vormittag einigermaßen schmerzfrei überstehen kann. Manchmal sieht sie auf ihre Beine und wundert sich, dass die sie überhaupt noch tragen. Die Stimme wird zittrig und schwerer verständlich, "als ob ich einen Waschlappen im Mund hätte". Der Darm kann die Nahrung nicht mehr verwerten, sie hat ständig Durchfall, muss Windeln tragen. Clara sagt: "Ich habe das Gefühl, ich löse mich auf." Sie organisiert ihren Abschied, will Unerledigtes zu Ende bringen. Hat Geld für die Beerdigung gespart. Und fragt die Wirtin ihrer Lieblingskneipe, ob dort die Trauerfeier stattfinden kann.

Kein Stein wird an sie erinnern

Noch 18 Tage. Clara liegt auf dem Sofa und sortiert ihr Leben. Jedes T-Shirt eine Erinnerung, jeder Teller eine Geschichte. Jedes Teil wird verabschiedet. Es dauert Stunden. Bei der grünen Winterjacke überlegt sie lange. "Muss ich die aufheben? Brauche ich die? Schaffe ich den Winter noch?" Als Grabstätte wünscht sie sich einen Friedwald bei Hamburg. Kein Stein wird dort an Clara erinnern, kein Kranz mit Schleifen, keine Kerze. Nur eine Metallplakette mit einer Nummer am Stamm einer großen Eiche, unter deren Wurzeln ihre Urne begraben werden soll. Ihr gefällt die Vorstellung, dass der Mensch zu einem Blatt wird, sie mag die Nähe zum Himmel. Nur den Baum, den sucht sie nicht aus: "Das werde ich dann ja sehen."

Noch drei Tage. Clara zieht sich zurück. Sie lässt nur noch die engste Freundin zu sich. Die letzten Fragen klären sich - ein neuer Mieter für ihre Wohnung, ein warmherziges Gespräch mit dem früheren Freund, ein Telefonat mit dem Sohn in Amerika. Sie sprechen lange, und Clara ist glücklich, weil seine Stimme "so geborgen" klingt. Seine Fragen "umschifft" sie, lässt ihn lieber aus seinem Leben, dieser unerreichbaren Welt, erzählen. "In diesen Tagen waren zum ersten Mal ihre Augen leer", erinnert sich eine Freundin. "Es gibt so etwas, was die Menschen ‚vom Tod gezeichnet‘ nennen.“ Claras Gesicht ist eingefallen, die Augen liegen in dunklen Höhlen.

"Alles ist geregelt"

Noch ein Tag. Ihre beste Freundin ist bei ihr in der Nacht - Clara hatte sie darum gebeten. "Es ist ein besonderer Tag", sagt Clara. Schon nachmittags hatte sie "eine große Unruhe" gespürt, der Schmerztherapeut wollte ihr ein Beruhigungsmittel geben. Aber Clara will ihren Kopf unvernebelt wissen. Es ist zehn Uhr am Abend. Clara sitzt auf dem Gehwagen, schaut durch die geöffnete Eingangstür des Hospizes dem Nieselregen draußen zu. Sie will eine Zigarette. "Heute könnte ich den ganzen Tag rauchen", sagt sie. Noch einmal raucht sie. Im Bad. Nie hat sie im Schlafzimmer geraucht. Die beiden kichern, weil die Situation sie an Teenagerzeiten erinnert. Die Freundin hilft beim Waschen, drückt Zahnpasta auf die Bürste. Kurz vor Mitternacht telefoniert Clara noch einmal mit jener Freundin, mit der sie früher auf einem Bauernhof ihre schönste Zeit verlebt hat. Und dann will sie ihr Lieblingslied hören. Clara liegt im Bett, die Freundin muss ganz nahe bei ihr sitzen. Dann erklingen die ersten Takte von Antony and the Johnsons "Bird Girl": "I've been searching for my wings sometime … bird girls go to heaven." Es ist drei Uhr nachts. Clara wird noch einmal wach. "Kannst du mir etwas vorsingen?", bittet sie die Freundin. Die summt alle Schlaflieder, die sie kennt. Der Mond ist aufgegangen. Lalelu. Wer hat die schönsten Schäfchen. Guten Abend, gut' Nacht. Clara dämmert. Schläft. Holt unruhig Luft. Die Pausen zwischen den Atemzügen werden unnatürlich lang, "gurgelnd", erinnert sich die Freundin. Sie hält ihre Hand. Streichelt ihr über die Wange. Ein Pfleger schaut vorbei. Die Freundin spricht mit Clara, macht ihr Mut, loszulassen, zu gehen. "Alles ist geregelt."

Clara stirbt um 8.45 Uhr. Einen Tag noch liegt sie in ihrem Zimmer, aufgebahrt in dem großen Bett, damit sich Freunde und Mitarbeiter des Hospizes verabschieden können. Sie trägt einen hellen Rock und die schwarze Jacke mit den roten Rosen, die sie so geliebt hat. Im Eingang des Hospizes brennt die Kerze in dem großen Leuchter an der Wand. Rote Rosen stehen in der Vase daneben. In eine Schale mit Wachs ist Claras Name geritzt, bis ihr Leichnam am nächsten Morgen das Haus verlässt. Dann wird das Wachs aus der Schale wieder eingeschmolzen. Doch etwas von ihrem Namen bleibt darin. Clara mochte diese Vorstellung. Sie tröstete sie. Die Vorstellung, dass etwas bleibt von ihr.

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