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Jäger-und-Sammler-Kulturen: Unerwartet gewalttätig

Wildbeuterkulturen gelten als friedliche Gemeinschaften, die im Einklang mit sich und der Natur leben. Bei den gewaltsamen Todesfällen pro 100.000 Einwohner jedoch liegen die Jäger und Sammler deutlich vor modernen Großstädten.

Die South Bronx hat einen üblen Ruf. Tödliche Bandenkriege, gewalttätige Konflikte zwischen Dealern und Kunden sowie brutale Raubüberfälle prägen das öffentliche Bild des New Yorker Stadtteils. In einer Statistik der Tötungsdelikte müsste die Bronx demnach irgendwo auf einem der vordersten Plätze landen, sollte man meinen. Doch weit gefehlt: Nicht in modernen Großstädten gibt es die meisten Konflikte mit tödlichem Ausgang, sondern in den urtümlichsten Gesellschaften, die die Menschheit kennt: den Jäger-Sammler-Kulturen.

So gab es zwar in der Bronx im Jahr 2003 insgesamt 136 Tötungen, während es in vielen Wildbeuter-Gruppen lediglich alle 15 Jahre einmal zu einem Tötungsdelikt kommt. Doch diese Zahlen seien irreführend, berichtet das Magazin "bild der wissenschaft". Errechnet man nämlich die Zahl der gewaltsamen Todesfälle pro 100.000 Einwohner, kehrt sich das Bild um: In der Bronx mit ihren 1,3 Millionen Bewohnern gibt es mehr als 10 Tötungen pro 100.000 Einwohner im Jahr. In einer Jäger-Sammler-Gruppe mit einer typischen Größe von 150 Mitgliedern käme man dagegen - wiederum auf 100.000 Menschen umgerechnet - mit 44 Tötungsdelikten pro Jahr auf mehr als das Vierfache, konnte der Ethnologe Jürg Helbling von der Universität Zürich zeigen.

Nach Helblings Daten sind die afrikanischen Völker der Bambuti und der !KungSan mit 40 und 42 Tötungen pro Jahr und 100.000 Menschen noch die friedlichsten Wildbeuterkulturen. Bei den Siriono des bolivianischen Regenwaldes gab es im Beobachtungszeitraum umgerechnet jährlich 53 Delikte, bei den Yaghan aus Patagonien 178 und bei den Copper-Inuit in der Arktis sogar 419.

Existenzangst schlägt in Wut und Verzweiflung um

Doch trotz dieser Zahlen sind die als Nomaden lebenden Jäger und Sammler keine kriegerischen Gesellschaften. Denn Krieg, erklärt Helbling, ist die kollektiv geplante und organisierte Gewalt zwischen Gruppen. Zwar gibt es Fälle, in denen Wildbeutergruppen in Kampfhandlungen mit benachbarten Gemeinschaften verwickelt waren, beispielsweise die San der südafrikanischen Kap-Regionen, die in Konflikte mit den viehzüchtenden Khoikhoi gerieten. Doch in allen beschriebenen Fällen solcher Kämpfe waren die Jäger und Sammler stets die Angegriffenen, die sich verteidigten, und nie die Aggressoren.

Persönliche Racheakte oder familiäre Fehden, bei denen sich die Gewalt ganz gezielt auf einen bestimmten Menschen konzentriert, sind dagegen häufig und enden nicht selten tödlich - wie auch die Statistik zeigt. Die Konfliktparteien sind dabei nicht, wie lange Zeit angenommen, grundsätzlich zwei Männer, die beispielsweise um eine Frau streiten: Etwa die Hälfte aller dokumentierten Gewalttaten fand zwischen Männern und Frauen statt, die in vielen Fällen sogar miteinander verheiratet waren. Und es geht auch nur selten um Eifersucht oder sexuelle Rivalität. "Vielmehr steht bei solchen Konflikten das Weiterbestehen der Familie als überlebensnotwendige wirtschaftliche Einheit im Vordergrund", erklärt Helbling in "bild der wissenschaft".

Denn nur wenn beide Partner in einer Ehe ihren Teil der anfallenden Arbeit erfüllen, ist das gemeinsame Überleben gesichert. So muss der Mann ausreichend Fleisch von seinen Jagdzügen mitbringen, während die Frau den Speiseplan mit gesammelten Früchten, Wurzeln und Kräutern zu ergänzen hat. Versagt einer von beiden, muss auch der andere um seine Existenz bangen - und diese Angst schlägt schnell in Wut und Verzweiflung um, die sich wiederum in Gewalttaten entladen.

ist Aggressivität ein Bestandteil der menschlichen Natur?

Besonders heikel wird die Situation, wenn sich keine der beiden Konfliktparteien zurückziehen kann. Das ist beispielsweise der Fall, wenn Gruppen für längere Zeit zum Aufenthalt am gleichen Ort gezwungen sind, wie die Inuit bei der Robbenjagd oder die !KungSan an einer Wasserstelle während der Trockenheit. In solchen Fällen steigt die Anzahl der Tötungen deutlich, hat Helbling dokumentiert.

Wenn diese Jäger-Sammler-Kulturen also sozusagen das "Modell Mensch im Urzustand" repräsentieren, bedeuten diese Zahlen dann nicht auch, dass Gewalt und Aggressivität ein fester Bestandteil der menschlichen Natur sind? Diese Schlussfolgerung dürfe man auf keinen Fall ziehen, betont Jürg Helbling: "Wenn man schon eine genetische Disposition zur Gewalttätigkeit annimmt, dann soll man so fair sein, auch einen genetisch verankerten Hang zur Friedfertigkeit vorauszusetzen. Schließlich wird unter Menschen der weitaus größte Teil an Konflikten gewaltlos beigelegt - auch in Wildbeuter-Kulturen."

Thorwald Ewe/DDP / DDP