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"Kopfwelten" zur Hochzeit von William und Kate: Gute Unterhaltung!

Braucht es monarchisches Gepränge in einer Welt voller Elend und Gewalt? Nein! Können "schöne Bilder" von königlichen Paaren trotzdem glücklich stimmen und neue Kraft schenken? Ja!

Von Frank Ochmann

Sollte man das Thema "Hochzeit bei den Windsors" nicht mit republikanischem Trotz ignorieren? Ich habe mit dem Gedanken gespielt. Gibt es denn nichts Wichtigeres in diesen Tagen? Tschernobyl und Fukushima zum Beispiel. Schießwütige Diktatoren wie in Libyen und Syrien. Menschen, die in Armut verzweifeln oder gar verhungern. Ist nicht selbst das jetzt womöglich erstmals im Genfer LHC-Beschleuniger ganz kurz erspähte, unfassbar kleine "Higgs-Boson" von größerer Bedeutung? Schließlich ist es zumindest theoretisch der Urgrund jeglicher Masse, das "Gottesteilchen", wie es mit Pathos manchmal heißt.

Ja, all das ist viel wichtiger als "Kiss me, Kate" auf dem Balkon des Buckingham Palastes. Niemand muss lange mit mir diskutieren, um mir diese Einsicht abzuringen. Und ich verstehe darum auch alle, die sich dem Trubel verweigern. Trotzdem starren wieder Millionen und Abermillionen auch hier bei uns auf die Fernseher und können sich nicht satt sehen am royalen Ritual. Jede Handbewegung von Prinz William, jedes Raffen des Schleiers seiner künftigen Gattin und auch noch das zarteste Lächeln der gekrönten Großmutter wird zum Symbol, zum Zeichen für eine verborgene, für eine höhere Realität.

Wir brauchen Hoffnungsschimmer

Tatsächlich handelt dieses Thema von etwas Höherem, nicht einfach nur von Höhergestellten mit bunten Adelstiteln. Es geht bei der Hochzeit in der Westminster Abbey - auch - um Hoffnung in einer Welt, die davon zumindest in den Nachrichten so wenig zu bieten hat. Gerade wegen Tschernobyl und Fukushima, wegen Gaddafi und Assad braucht es Hoffnung. Braucht es dafür aber die Royals? Natürlich nicht. Nicht für alle jedenfalls und wahrscheinlich sogar nur für wenige. Was wir aber alle brauchen in unserem Leben, ist irgendeine halbwegs glaubhafte, einigermaßen tragfähige Hoffnung. Wie sonst wollen wir Atomkatastrophen, Ungerechtigkeit, Armut und Gewalt mit unseren begrenzten menschlichen Kräften angehen? Warum noch sollten wir glauben, wir könnten irgendetwas zum Positiven wenden?

Es muss nicht gleich Selbstbetrug oder Weltflucht sein, wenn sich Menschen fröhlich und mit Fähnchen an den Straßenrand oder vor einen Bildschirm stellen, und sich dabei wie Gäste der diesjährigen "Traumhochzeit" fühlen. Ist es dann nicht auch schon Weltflucht, wenn wir mal die Füße hochlegen und uns einen unterhaltsamen Film ansehen, obwohl woanders Kriege toben? Wenn wir uns ein leckeres Essen unter Freunden gönnen, obwohl so viele Millionen Menschen hungern? Nur gefährliche Allmachtsphantasien können den Eindruck erwecken, wir bräuchten keine Entspannung, keine Ablenkung, keinen Spaß, keine Hoffnung bei all der schrecklichen Realität um uns und manchmal auch in uns.

Operettenhochzeit mit Stimmungsgarantie

Das rechte Maß braucht es aber, wenn wir unsere Kräfte beieinander halten wollen: von Wachsein und Schlaf, von Arbeit und Ruhe, von Besinnung und Zerstreuung, von Realität und Utopie, von Bewahrung und Fortschritt, von Ernst und Spaß. Das wussten die Weisen aller Jahrhunderte und Kulturen. Und auch, dass wir als Antrieb immer wieder Hoffnung brauchen, wenn wir nicht erstarren, abstumpfen oder verzweifeln wollen. Warum aber sollte dann eine gekonnt inszenierte Hochzeit mit Kutschen und Knutschen nicht ebenso viel positive Stimmung verbreiten wie ein gut gemachter Spielfilm aus Holly- oder Bollywood? Wir dürfen einander diese Operettenhochzeit gönnen, auch wenn wir wissen, dass der bezaubernde Glanz hier und da nicht ganz echt ist und vielleicht schon Stunden später abblättert.

Selbst wenn diese Ehe schief gehen sollte wie einst die von Lady Diana und Prince Charles, den Eltern des Bräutigams, muss niemand die Hoffnung aufgeben. Wie im Kino oder auf der Bühne wird sich wahrscheinlich ein neues Glück finden und eine zweite Ehe. Die aber, so sagte im 18. Jahrhundert Samuel Johnson, ein gelehrter Landsmann des Brautpaares, sei der "Triumph der Hoffnung über die Erfahrung". Es sind halt solche ziemlich unvernünftigen "Triumphe", die uns als Menschen am Ende nicht verzweifeln und im Leben immer wieder einen Fuß vor den anderen setzen lassen. Und in dieser Hinsicht sind dann auch die Königskinder Kate und William genau wie wir. Darum: congratulations and best wishes!