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Kopfwelten: Armut, die zu Kopf steigt

Fast 2,5 Millionen Kinder gelten bei uns als "armutsgefährdet". Das ist nicht einfach nur schade oder bemitleidenswert, sondern Grund zu großer Sorge, wie auch Hirnforscher bestätigen. Denn der äußere Mangel kann schon bei Babys zu inneren Reifungsverzögerungen führen, die sie ein Leben lang nicht mehr los werden.

Von Frank Ochmann

Unruhe und auch schlechtes Gewissen machte sich kürzlich breit, als das Bundessozialgericht die geltenden Hartz-IV-Regelungen für Kinder ablehnte und das Bundesverfassungsgericht einschaltete. Das soll die entsprechenden Gesetze kippen. Denn, so die Richter, es ließe sich nicht nachvollziehen, wie der aktuelle Satz der Kinderstütze (211 Euro monatlich bis zur Vollendung des 13. Lebensjahres, also 60 Prozent des Erwachsenensatzes) begründet werde.

In der Tat, wer sagt denn, dass Kinder genau oder wenigstens im statistischen Mittel 60 Prozent der durchschnittlichen Erwachsenenration essen? Haben sie nur 60 Prozent der Stoffmenge am Leib, die ihre Eltern für Kleidung brauchen? Und sind die Kleinen mit 60 Prozent des Hartzschen Freizeit-, Unterhaltungs-, und Kulturbudgets von 71 Euro im Monat, das man den Erwachsenen zubilligt, hinreichend zu bespaßen? Davon muss sich notfalls sogar die Bildung noch ein Scheibchen abschneiden. Denn für diesen Posten wird in Deutschland, dem "Land der Ideen", sozialhilfebedürftigen Kindern genau so viel wie Hartz-Erwachsenen gewährt: null komma nichts.

Nehmen wir für das Folgende eine gedankliche Abkürzung und lassen wir beiseite, dass sicher fast überall in Afrika und vermutlich auch in Bangladesch noch für "reich" gehalten würde, wer bei uns das amtliche Existenzminimum von monatlich 617 Euro unterschreitet. Hier ist nicht Afrika, und hier fließt auch nicht der Ganges. Wer an Elbe, Rhein oder Isar arm ist, sieht selbst in Krisenzeiten den mehr oder minder satten Wohlstand von fast allen anderen - und weiß darum auch schon als Kind, wo sein eigener gesellschaftlicher Platz ist: ganz unten. Das ist weit mehr als ein Schönheitsfehler unseres Sozialstaates.

Entwicklungsstörungen in zwei wichtigen Hirnbereichen

Vom "sozio-ökonomischen Status" sprechen Wissenschaftler, wenn sie Menschen nach Einkommen, Bildung und Beschäftigungsstand einteilen (international abgekürzt "SES" = "socioeconomic status"). Für unser armes Kind ändert sich dadurch zunächst einmal nichts - es bleibt "unten". Weil sich das jetzt aber bis hinauf nach "ganz oben" über klar definierte Stufen vergleichen lässt, können Forscher sich auch der Frage widmen, wie es einem Kind aus dem sozialen Bodensatz im Vergleich zu den anderen ergeht. Besser, schlechter oder genau so? Statistisch lässt sich so zum Beispiel seine Gesundheit beurteilen, auch sein Stressverhalten oder das Konzentrationsvermögen, seine schulischen Leistungen und überhaupt alles, was der kleine Kopf so hergibt. Auch wie der sich über die Jahre entwickelt, lässt sich nun beobachten und jeweils mit der Reifung von Kindern ins Verhältnis setzen, die vielleicht nicht schlauer oder netter, trotzdem aber schon per Geburt "Elite" sind.

Seit etlichen Jahren wird dieses Forschungsfeld beackert. Martha Farah und Daniel Hackman, Psychologen der University of Pennsylvania in Philadelphia, haben jetzt alles zusammengetragen und ziehen eine erschreckende Bilanz. Vor allem in zwei wichtigen Hirnbereichen lassen sich Entwicklungsstörungen festmachen, die mit einem niedrigen Sozialstatus einhergehen: In Arealen der linken Hirnhälfte nämlich, die mit dem Sprachvermögen zusammenhängen, und dazu auch im Stirnhirn, dem "präfrontalen Kortex", der entscheidend dazu beiträgt, wie wir uns tagtäglich verhalten. Dort werden Handlungsalternativen abgeschätzt. Dort wird der Gefühlsstrom aus dem Inneren des Gehirns kontrolliert und reguliert. Dort wird auch anhand sozialer Erfahrungen beurteilt, was "man" so tut in einer bestimmten Situation und was eher nicht. Was also soll aus einem werden, wenn die verinnerlichten Maßstäbe entweder nicht stimmen oder aber nicht angelegt werden können?

Je ärmer, desto zaghafter

Schon früh lassen sich Veränderungen entdecken. Bei gerade mal sechs Monate alten Babys fanden niederländische Forscher der Erasmus-Universität Rotterdam deutliche Einflüsse eines niedrigen Sozialstatus auf das Temperament der Kinder. Die stärkste Beziehung fanden die Rotterdamer bei der Ängstlichkeit der Kinder - je ärmer, desto zaghafter. Und je ärmer die Umgebung war, in der sie aufwuchsen, desto zappeliger waren die Babys. Auch wenn diese frische Studie noch manche Frage offen lässt und mit ähnlichen Untersuchungen verglichen werden muss, gibt es doch klare Tendenzen, die sich in der Entwicklung von über 7000 Kleinkindern verschiedener ethnischer Herkunft abzeichnen. Schon in den Köpfen von Kindern, die erst wenige Monate alt sind, lässt sich wenigstens statistisch ablesen, aus welcher gesellschaftlichen Schicht sie stammen.

Es wäre trotzdem zu einfach, frühkindliche Prägungen als einen biologischen Panzer zu sehen, aus dem es zeitlebens kein Entrinnen mehr gibt. Immer wieder lassen sich einzelne Biografien finden, die das eindrucksvoll widerlegen. Was sie aber trotz aller Erfolge nicht vom Tisch wischen können, ist die statistische Last, die Kinder in Armut - auch in "relativer Armut", wie es bei uns offiziell heißt - in jedem Fall tragen müssen. Ihre Herkunft und die Verhältnisse, in denen sich ihr Gehirn entwickeln musste, werden sie ein Leben lang nicht mehr los. Auch dann nicht, wenn sie "es schaffen" und sich vielleicht sogar bis an die Spitze kämpfen, hinauf in den Lebensraum der "Elite". Schwerer als die meisten Altersgenossen aus begüterten Familien haben sie es immer. Nicht weil sie dümmer oder weniger nett sind, sondern allein wegen ihrer Herkunft.

Passt das in unseren "Sozialstaat"? Auch mitten in einer Wirtschaftskrise sind wir noch lange nicht arm genug, um solche Armut zulassen zu dürfen. Und mit nüchternem Blick auf die so oder so gemeinsame Zukunft könnten wir sie uns nicht einmal leisten, wenn uns verkrachte Einzelschicksale gänzlich ungerührt ließen.

Literatur:

Adler, N. E. et al. 1994: Socioeconomic Status and Heath, American Psychologist 49, 15-24
Evans, G. W. 2004: The Environment of Childhood Poverty, American Psychologist 59, 77-92
Farah, M. J. et al. 2006: Childhood poverty: Specific associations with neurocognitive development, Brain Research 1110, 166-174
Hackman, D. A. & Farah, M. J 2009: Socioeconomic status and the developing brain, Trends in Cognitive Sciences 13, 65-73
Jansen, P. W. et al. 2009: Socioeconomic inequalities in infant temperament - The Generation R Study, Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology 44, 87-95
Raizada, R. D. S. et al. 2008: Socioeconomic status predicts hemispheric specialisation of the left inferior frontal gyrus in young children, NeuroImage 40, 1392-1401