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Kopfwelten: Bis jetzt ist doch alles gut gegangen!

General Motors macht 31 Milliarden Dollar Verlust, die Royal Bank of Scotland 24 Milliarden Pfund. Obama stützt seine Wirtschaft mit satten 800 Milliarden Dollar, Merkel die ihre mit noch einmal 50 Milliarden Euro. Schwindelerregende Zahlen beherrschen die Nachrichten, doch wir bleiben cool und kaufen erstmal weiter ein. Wird schon wieder werden, oder nicht?!

Von Frank Ochmann

Die Finanzkrise fegt über die Weltmärkte, doch die Deutschen konsumieren munter weiter. Der Mensch ist nun einmal ein notorischer Optimist

Die Finanzkrise fegt über die Weltmärkte, doch die Deutschen konsumieren munter weiter. Der Mensch ist nun einmal ein notorischer Optimist

"German Angst"? Dem einen oder anderen werden beim Blick über die Schlagzeilen schon ein bisschen die Knie weich. Aber sonst? Keine Spur. Ein bisschen erinnert die derzeitige Weltwirtschaftskrise an Krebs. Wir wissen, dass es ihn gibt. Und natürlich zweifeln wir auch nicht daran, dass er zur tödlichen Gefahr für alle werden kann, die er trifft. Aber tief in unserem Inneren scheinen wir zu glauben, dass es immer nur die anderen erwischt. Jedenfalls solange es um Krebs geht und nicht um einen Jackpot beim Lotto. War es nicht, mit den Worten von Finanzminister Steinbrück, noch vor Monaten "vor allem ein amerikanisches Problem", was da als pechschwarze Gewitterfront jenseits des Atlantiks aufzog? Inzwischen schlagen die Blitze auch rund um uns herum ein. Doch während bei einigen Fachleuten schon Panik ausbricht, bleiben die meisten unter uns Normalbürgern gelassen. Das Wirtschaftsvolumen schrumpelt international zusammen, doch bei uns steigt die Konsumlaune, wie die neuesten Zahlen zeigen. Haben wir sie eigentlich noch alle?

Der 'Das-Glas-ist-halbvoll-Mensch'

Wir tun das, was Psychologen im Großen und Ganzen von uns erwarten. Wir begegnen den Katastrophennachrichten erst einmal mit einer Mischung aus routinierter Verdrängung und zuversichtlicher Selbstüberschätzung: Hauen diese Journalisten nicht immer viel zu laut auf die Pauke? (Was ja nicht ganz falsch ist ...) Und selbst, wenn es doch noch "ganz dicke" kommen sollte: Was haben wir nicht schon alles überstanden! (Auch da ist natürlich was dran ...). Also warten wir mal ab. Die allermeisten von uns sind durchweg zufriedener, als es ihre objektive Lage rechtfertigt. Und das gilt - im statistischen Mittel und nach eigener Einschätzung - weltweit und in allen Kulturen. Die Zahl der Glückskekse ist immer größer als die der Trauerklöße. Den "Menschen an sich" haut so schnell nichts um. Das gilt sogar dann, wenn es wirklich einschlägt.

Die Terrorangriffe vom 11. September 2001 zum Beispiel haben in den USA nicht etwa Panik ausgelöst, sondern die Menschen eng zusammenrücken lassen. Auch dieser Effekt der Solidarisierung nach dem Knall ist Psychologen bekannt. Und sie wissen ebenfalls, dass er die Gefahr der Übertreibung in sich birgt, wie es der übersteigerte Patriotismus der Bush-Ära mit Fähnchem am Revers und Gefangenenlager in der Karibik belegt. Auch wenn es einen Einzelnen trifft und nicht eine größere Gruppe, bricht deshalb nicht gleich die seelische Welt zusammen: Wer etwa mit einer Krebsdiagnose leben muss, kommt damit in aller Regel ohne jede professionelle seelische Stütze erstaunlich gut klar, wie Psycho-Onkologen beobachten.

Optimismus schützt vor Krise nicht

Die subjektive Einschätzung der Lage kann sich allerdings meilenweit von der Wirklichkeit entfernen. In unserem Kopf hausen Dutzende von Vorurteilen, Fehlschlüssen und kognitiven Zerrbildern, die uns zwar womöglich das Leben angenehmer werden lassen, die es aber deshalb allein nicht vor der grausamen Welt draußen schützen. Wir fühlen uns einfach nur besser. Wer mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert wird - oder mit der seiner materiellen Güter - hat ein reichhaltiges, unserer Art eigenes Repertoire an Reflexen zur Verfügung, um den Mut nicht zu verlieren. Dazu gehört besonders übersteigertes Vertrauen in die eigenen Kräfte und Fähigkeiten und auch in die Tragfähigkeit der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben. Es waren zu einem großen Teil Zocker mit der Mentalität eines "Master of the Universe", die unsere gegenwärtige Krise ausgelöst haben. Sie glaubten, alles im Griff zu haben und dazu das Quäntchen Glück, das bekanntlich den Tüchtigen auszeichnet. Jetzt wollen es die Obamas und Sarkozys und Merkels mit festem Blick und niedriger Pulszahl richten. Auch sie strahlen in der Überzeugung, (so gut wie) alles im Griff zu haben. Ein paar Gesetze hier und ziemlich viele Milliarden da, und dann läuft alles wieder rund. Wollen wir ihnen und uns das Glück der Tüchtigen wünschen. Womöglich bekommen sie es ja wirklich noch einmal hin. Doch die Warnung muss erlaubt sein, dass Menschen ihrer Natur nach ein bisschen so veranlagt sind wie im Witz der unerschütterliche Optimist, der vom Hochhaus fällt: Als er gerade am dritten Stock vorbeistürzt, denkt er: "Na, bis jetzt ist doch alles gut gegangen!"

Literatur:

Greenberg, J. et al. 1997: Terror Management Theory of Self-Esteem and Cultural Wordviews: Empirical Assessments and Conceptual Refinements, Advances in Experimental Social Psychology 29, 61-139 Igou, E. R. 2008: "How Long Will I Suffer?" Versus "How Long Will You Suffer?" - A Self-Other Effect in Affective Forecasting, Journal of Personality and Social Psychology 95, 899-917 Jost, J. Z. et al. 2004: A decade of system justification theory: Accumulated evidence of conscious and unconscious bolst, Political Psychology 25, 881-919 Lykken, D. 1999: Happiness, New York: St. Martin's Griffin Pyszczynski, T. et al. 1999: A Dual-Process Model of Defense Against Conscious and Unconscious Death-Related Thoughts: An Extension of Terror Management Theory, Psychological Review 106, 835-845

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