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Kopfwelten: Zuerst wir, dann der Planet

Wir dürfen nicht länger so leben, als sei die Erde unerschöpflich. Darüber war man sich angesichts rasant wachsender Umweltprobleme beim Treffen der größten Wissenschaftsgesellschaft der Welt in Chicago einig. Also müssten wir Menschen endlich vernünftig werden, hieß es. Was aber, wenn das gar nicht möglich ist?

Von Frank Ochmann

Darwins 200. Geburtstag galt es zu feiern. Dazu den 150. seiner Evolutionstheorie. Und dann war ja drei Wochen vor der Versammlung in Chicago auch noch ein Präsident ins Weiße Haus gekommen, der die amerikanische Gesellschaft für den Fortschritt der Wissenschaft (AAAS), den weltweit größten Verbund dieser Art, in fast euphorische Laune versetzte. Nach acht deprimierenden Jahren unter Bush, in denen Gesinnung mehr galt als Geist, wächst nun die Hoffnung, Wissenschaft könnte wieder etwas zählen unter Politikern.

Barack Obamas schon legendäres und inzwischen auch arg überstrapaziertes "Yes, we can!" lag über dem Treffen von Forschern und Funktionären. Das offizielle Motto machte deutlich, worauf sich der Kraftakt richten sollte: Auf nicht weniger als die Rettung und das "Managment unseres Planeten". Nachdem die Kerzen auf Darwins Geburtstagstorte ausgepustet waren, konzentrierten sich somit etliche Vorträge auf die Frage, welche Zukunft den per Evolution geborenen Arten - und uns mitten unter ihnen - bevorstehen könnte.

Eine Behörde, die den "Planeten managt"

Die gegebenen Ausblicke waren zumeist düster. Schmelzende Polkappen, wachsende Wüsten, leer gefischte und auch noch übersäuerte Meere - es wurde das komplette Horrorszenario aufgeboten, das der aktuelle Stand der Forschung hergibt. Das Hochamt zu diesen Drohbildern zelebrierte der Oscar- und Friedensnobelpreisträger Al Gore mit einer Kurzfassung seiner "Unbequemen Wahrheit", medientauglich zurechtgeschneidert auf angeblich klimabedingte aktuelle Desaster wie die jüngsten Brände im Süden Australiens oder das Hochwasser in Iowa. Dazu kam eine gewaltige Portion Pathos. "Get involved!", flehte der frühere US-Vizepräsident mehrfach mit zusammengelegten Händen in den Saal. "Mischt euch ein!" Ein bisschen war das so, als wollte man Klosterbrüdern und -schwestern nahelegen, katholisch zu werden.

Denn eine stattliche Zahl der anwesenden Forscher war ja längst "involved". So widmete sich beispielsweise eine Forschergruppe unter der Leitung der amerikanischen Planetologin Susan Kieffer den "versteckten Katastrophen", die unserer Heimatwelt etwa im Gegensatz zu Vulkanausbrüchen oder Meteoriteneinschlägen zu schaffen machten. An erster Stelle auch hier der Klimawandel samt seiner Folgeschäden. Diese schleichenden Übel wurden im nächsten Schritt mit dem Ausbruch neuer Seuchen verglichen. Und darum forderte die Gruppe gelehrter Köpfe - es ist kaum zu glauben - eine internationale Behörde, um den "Planeten zu managen".

In diesem eher absurden Beispiel von Versuchen, Wege aus drohenden Katastrophen oder auch um sie herum zu finden, wird ein gemeinsames Merkmal deutlich: Die Überzeugung, wenn wir uns nur alle zusammenreißen, werden wir das Schlimmste verhindern. Yes, we can! Darum also Appelle und neue Appelle, endlich zu tun, was doch jeder vernünftige Mensch einsehen müsse.

Und genau an dieser Einschätzung unserer Art droht das Projekt Weltrettung zu scheitern. Hätte man in Chicago zum Beispiel statt Al Gore einen wirklichen Experten (nicht des Klimas, sondern der menschlichen Befindlichkeiten) zum Plenum sprechen lassen, wäre das vielen vielleicht klar geworden. Stattdessen aber spielte sich der spannendste Teil der Konferenz in kleineren Sälen ab und in einem Fall erst, nachdem viele Teilnehmer schon abgereist waren.

Erst das Fressen, dann die Moral

Dem auch in Chicago zurecht gefeierten Darwin hätte es sicher gefallen, wie am Beispiel von Rhesusmakaken, Kapuzineräffchen oder Schimpansen gezeigt wurde, was im übertragenen Sinn auch uns im Innersten bewegt und antreibt: Erst das Fressen, dann die Moral. Und weil sogar die - wie Darwin schon annahm und die Forschungsarbeiten der vergangenen Jahre mehr und mehr bestätigen - zu einem überwältigenden Teil von Emotionen und nicht etwa hehren und ausgewogenen Gedanken geleitet wird, sieht es nicht gar so rosig aus in Sachen Weltenrettung durch Vernunft.

Das soll gar nicht zynisch klingen. Aber welchen Wert haben alle Modelle und Pläne, uns aus einer womöglich wirklich finsteren Zukunft herauszuführen und "den Planeten zu managen", wenn dabei so gut wie gar nicht bedacht wird, wie wir als Homo sapiens und Teil der Primatenfamilie eigentlich ticken? Es war ein falsches Bild des Planeten und auch von uns selbst, das uns in beträchtlichem Maße in die Schwierigkeiten geführt hat, mit denen wir jetzt global zu kämpfen haben. Wäre doch mehr als schade, wenn ähnlich gravierende Fehleinschätzungen am Ende darüber entscheiden würden, auf welche Zukunft wir zutreiben.

Literatur:

De Waal, F. 2008: Primaten und Philosophen, München: Hanser
Kieffer, S. 2008: Mega-Disasters: Natural vs. stealth
Lieberman, D. et al. 2003: Does morality have a biological basis? Proceedings of the Royal Society, London, B 270, 819-826
Maestropieri, D. 2007: Macachiavellian Intelligence, Chicago: Chicago University Press
Ochmann, F. 2008: Die gefühlte Moral, Berlin: Ullstein