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Kopfwelten: Der moralische Teufelskreis

Wenn wir in Medienberichten prügelnde Milizen gegen Demonstranten sehen wie jetzt auf den Straßen des Irans, sind wir empört. Wir glauben, dass Freiheit und Menschenrechte uneingeschränkte Geltung haben müssen - überall auf der Welt. Aber was haben wir dafür an Begründungen vorzubringen?

Von Frank Ochmann

Es schaudert wohl viele, wenn wir die noch zugelassenen oder auf bereits verbotenen Kanälen außer Landes geschmuggelten Bilder und Videos von den Unruhen im Iran sehen. Egal, wie die genauen Prozentzahlen der Präsidentschaftswahlen auch lauten und wer wirklich gewonnen hat oder hätte. Egal auch, ob die Weltwirtschaftskrise und dazu ein gehöriges Maß eigenen Missmanagements im Iran Eheschließungen für viele unbezahlbar gemacht und deshalb gerade die Jungen in so großer Zahl aufgebracht und auf die Straßen getrieben hat. Wer politische Gegner niederknüppeln und unter Hausarrest stellen lässt und sogar vor dem Einsatz von Schusswaffen nicht zurückschreckt, hat jedes Ansehen der Machtgier geopfert.

Wir empfinden also tiefen moralischen Abscheu, und dann schalten wir den Fernseher oder den Computer aus, sehen vor unserem geistigen Auge vielleicht noch einmal dreschende Milizen zu Fuß oder auf Motorrädern. Und dann? Dann fallen uns die samtpfötigen Kommentare der amerikanischen Regierung und auch unserer eigenen ein, und wir fragen uns vielleicht, ob es das denn schon gewesen sein kann. Sollten wir nicht ... Aber was? Und wem? Und warum diesmal und nicht schon früher und woanders?

Wer wird die Menschenrechte bestreiten wollen?

Die Unruhen im Iran erinnern zumindest die etwas Älteren an eine ähnliche Lage in China, fast auf den Tag genau vor zwanzig Jahren. Auch damals waren es vor allem die Jungen, die zu Hunderttausenden und schließlich Millionen Freiheit forderten und ein Leben, das sie selbst gestalten wollten. Auch damals stand ihnen und ihren Unterstützern eine Kaste zumeist alter, machtbesessener Männer gegenüber, die Freiheit wie die Pest scheute und das auch ganz schnell zum Ausdruck brachte. Es folgte das Gemetzel auf dem Tiananmen-Platz in Peking, dem 1989 hunderte Anhänger der chinesischen Demokratiebewegung zum Opfer fielen. Die Vertreter der "freien Welt" zeigten sich empört, verhängten ein paar Sanktionen und freuten sich nach einer gewissen Schamfrist auf die Olympischen Spiele in China und weiter auf lukrative Geschäfte.

Nein, es geht im Folgenden nicht um Scheinheiligkeit und Heuchelei in Politik und Wirtschaft, so berechtigt das auch wäre. Betrachten wir stattdessen noch einmal unsere eigene moralische Reaktion auf die Unruhen und Gewaltausbrüche im Iran.

Wir sind also gegen Unterdrückung und für Freiheit. Wir wünschen uns, dass der mehrheitliche Wille des Volkes respektiert wird und alle Menschen im Iran ihr Leben möglichst in Eigenregie gestalten können. Mit gleichen Rechten und Pflichten für alle. Zusammengefasst beschreibt dieses Ansinnen in etwa den Kern der Menschenrechte. Und wer wird denn die bestreiten wollen?

Ketzerische Gegenfrage: Warum sollten sie überhaupt gelten? Und wenn wir die Menschenrechte für uns selbst in Anspruch nehmen, was ja für die meisten zu vermuten ist, warum müssen wir uns deshalb wünschen, dass diese Rechte von Freiheit und Unversehrtheit auch gleich für den ganzen Rest der Menschheit gelten sollten? Warum darf es denn keine Ausnahmen geben? Im Sudan vielleicht oder in Zimbabwe, in Mexiko oder in Nordkorea?

Die Antwort finden wir schnell: Weil alle Menschen gleich sind, weil ihnen eine Würde zukommt, die unantastbar ist und natürlich auch unabhängig von ihrem Geburts- oder Wohnort. Ein schwerwiegendes Problem ist damit allerdings nicht gelöst: Auf welchem Fundament fußt denn die Feststellung, dass allen Menschen eine unbedingt zu achtende Würde zuzusprechen ist?

Der Glanz des Höchsten ließ auch uns erstrahlen

Früher wäre uns auch diese Antwort leicht gefallen: Weil wir Menschen nach Gottes Ebenbild geschaffen wurden und darum Anteil haben an seiner absoluten und durch nichts zu überbietenden Würde. Der Glanz des Höchsten wäre es gewesen, der uns hätte erstrahlen lassen. Problem gelöst - solange allerdings nur, wie wir diesen absoluten Maßstab zulassen. Solange wir glauben also.

Entlang der Menschheitsgeschichte haben wir den Kreis der Moral, den Kreis derer, die wir einer moralischen Betrachtung und Bewertung für würdig erachten, immer weiter gefasst. So ist es heute die globale Menschheitsfamilie, die wir wie selbstverständlich einbeziehen, auch wenn viele schwelende und lodernde Konflikte das nicht gleich vermuten lassen. Sogar Menschenaffen und überhaupt alle Tiere erfreuen sich bei vielen ähnlicher moralischer Wertschätzung wie wir selbst und alle weiteren Vertreter unserer Art.

Gleichzeitig entdecken wir aber in unserem "aufgeklärten" Teil der Welt etwas anderes: Wir haben uns nämlich den Grund genommen, der allein in der Lage war, unsere Idee von Menschenrechten und einer allen zuzusprechenden Würde zu tragen. Wir haben in beachtlicher Zahl den Glauben abgelegt und Gott für tot erklärt. Das durften wir natürlich. Doch nun? Wenn wir uns nicht auch noch jeder Logik entledigen wollen, stehen wir vor dem Dilemma, dass wir eine Menschenwürde vertreten möchten für die uns die Begründung abhanden gekommen ist.

Also einfach zurück zum alten Glauben? Sorry, lieber Gott, aber wir brauchen dich noch? Das wäre dann wohl doch zu billig. Viele hatten und haben gute Gründe, religiösem Glauben gegenüber zumindest skeptisch zu sein. Und selbst wenn sie wieder fromm auf die Knie sinken würden, damit ihre Vorstellung vom Leben einen felsenfesten Grund bekommt, hätten sie ein auch dann noch zu lösendes Problem: Der tatsächliche oder nur vorgetäuschte Wahlsieg des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad wurde vom geistlichen Oberhaupt des Landes, Ajatollah Ali Chamenei, nämlich auch als "Zeichen Gottes" eingeordnet. Demnach wären die Demonstranten klar im Unrecht. Aber welcher Gott soll jetzt dafür verantwortlich sein?

Wir haben ein gravierendes moralisches Problem.

Literatur:

Laham, S.M. 2009: Expanding the Moral Circle: Inclusion and Exclusion Mindsets and the Circle of Moral Regard, Journal of Experimental Social Psychology 45, 250-253
Perry, M. J. 2005: The Morality of Human Rights: A Nonreligious Ground?, Emory University School of Law, Public Law & Legal Theory Research Paper Series, Research Paper No. 05-6
Reed, A. & Aquino K. F. 2003: Moral Identity and the Expanding Circle of Moral Regard Toward Out-Groups, Journal of Personality and Social Psychology 84, 1270 -1286
Singer, P. 1981: The Expanding Circle, Oxford, UK: Clarendon Press