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Kopfwelten Der schreckliche Moment der Wahrheit


Nachdem Samuel Koch bei "Wetten, dass..?" gestürzt war, packte die meisten Zuschauer Entsetzen und Mitleid. Dann griff auch Zorn auf alle um sich, die Schuld an dem Unglück tragen könnten. Doch schon bald werden wir wieder andere, ähnliche Waghalsigkeiten bestaunen.
Von Frank Ochmann

Als Samuel Koch nach seinem Sturz bei "Wetten, dass..?" regungslos und schwer verletzt am Boden liegen blieb und das rund zehn Millionen Menschen am Fernseher vor Augen hatten, geschah etwas ganz Außergewöhnliches: In einer Show, deren Sinn und Inhalt es ist, die Realität zu schönen und eine bunte Welt der Illusionen aufzubauen, wird plötzlich und kristallklar ein Blick auf den Menschen deutlich, wie er wirklich ist. Verletzlich, sterblich, unvernünftig.

Er wolle einmal etwas tun, was noch kein Mensch vor ihm getan hat, soll der junge Mann vor der Sendung gesagt haben. Ist ihm das vorzuwerfen, wenn doch das gleiche Motiv jene Menschen treibt, die am 10. Dezember den Nobelpreis überreicht bekommen und nicht minder all jene, die diesmal leer ausgingen? Auch sie wollten herausragen, die Ersten sein, das Gefühl kennenlernen, das einen Menschen erfüllt, wenn er Grenzen überschreitet. Nicht Grenzen des Erlaubten, sondern Grenzen des Machbaren. Und weil das hoch riskant sein kann und im Fall des Gelingens bei uns allen den Glauben an unsere eigene Art und damit auch an uns selbst stärkt, deshalb schauen wir mit klopfendem Herzen zu. Was der Mensch nicht alles schafft!

Doch Psychologen wissen, dass wir die Welt, insbesondere uns selbst, so gut wie immer durch eine rosa Brille sehen. Wir sehen uns schöner, als wir nach Meinung der anderen sind, halten uns für moralischer als die meisten, für intelligenter natürlich auch. Wir haben den besseren Geschmack, die begabteren Kinder, mehr Erfolg im Beruf. Und ist der vielleicht nicht direkt ersichtlich, dann gibt es Vorgesetzte, die uns übel mitspielen oder schlicht unsere Talente nicht erkennen.

Nervenkitzel übertönt die Vernunft

All diese Formen der Selbstüberschätzung sind prinzipiell nicht von Übel, denn sie motivieren uns, treiben uns in einer Welt voller Widrigkeiten an, unser Bestes zu geben und mit dem Besten zu rechnen. Ob das sinnvoll ist oder realistisch, ist überhaupt nicht die entscheidende Frage. Dass wir so sind, hat allein den Grund, dass alle, die von Natur aus die Schultern hängen lassen und vor jeder Aufgabe zurückschrecken, von Anfang an benachteiligt sind. Wer also wird sich in der Evolutionsgeschichte durchsetzen? Wer wird Probleme lösen, die unausweichlich sind? Und hat uns irgendjemand versprochen, es werde keine Opfer geben? Hat jemand verheißen, dahinter stünde ein tieferer Sinn?

Wir sind Optimisten selbst da noch, wo es eine nüchterne Analyse der Faktenlage ganz sicher nicht mehr zuließe. Und natürlich ist es rein sachlich gesehen ein "Wahnsinn", so gut wie ungeschützt auf fahrende Autos zu zulaufen und sie überspringen zu wollen. Doch Reiz und Nervenkitzel übertönen auch in einem solchen Fall die Stimme der Vernunft. Verstehen wir wirklich nicht, dass ein junger Mann berühmt werden möchte? Wären zudem die Pioniere der Menschheitsgeschichte allesamt nur vernünftig gewesen, gäbe es nicht den kleinsten Fortschritt. Vielleicht denken Sie in diesem Augenblick, das wäre ja auch besser so. Aber vergessen Sie nicht, unter welchem fürchterlichen Eindruck Sie so denken und wie sich das wahrscheinlich schon in wenigen Tagen oder Wochen verändert haben wird.

Reflexhaft reagierende Opportunisten

Dass die Bühnenscheinwerfer, unter denen das Unglück geschah, noch nicht wieder kalt waren, bis Politiker wie Kurt Beck sich der Tragödie annahmen und mit moralisierenden Kommentaren über die Öffentlichkeit herfielen, schmerzt zusätzlich. Es war aber wohl nicht anders zu erwarten. Die emotionale Ergriffenheit von Millionen zieht Politiker nun einmal an wie die Motten das Licht. Hätten unsere Gewählten in den Programm- und Verwaltungsräten ähnlich schnell und lautstark nachgedacht und protestiert, als die Programmgestalter Bildung, Wissen und die sogenannte Hochkultur immer weiter aus der Prime Time in die Nacht verschoben, bis entsprechende Sendungen dort einen einsamen Tod sterben konnten, würde man ihnen ihr Engagement für mehr Ernsthaftigkeit in den Medien vielleicht noch abnehmen. So aber bestätigen sie nur das Bild reflexhaft reagierender Opportunisten.

Natürlich muss unabhängig von solchen populistischen Einwürfen über Einflüsse wie den Quotendruck nachgedacht werden. Es gibt sicher Grenzen, die bei den Unterhaltungsformaten im Fernsehen und den anderen Medien nicht überschritten werden sollten und dürfen. Nicht nur dann, wenn Leib und Leben auf dem Spiel stehen wie bei der Wette von Samuel Koch, sondern auch dann, wenn vor allem junge Menschen in Casting-Shows ihren Ruf riskieren und sich bis auf die Knochen blamieren, ohne dass sie jemand vor sich selbst zu schützen versuchte. Aber nur in der Erregung des Augenblicks ist es leicht, solche Grenzen der Gefahr und des Geschmacks zu ziehen. Denn auf der anderen Seite dürfen die mindestens so wichtigen Grenzen zur Freiheit von Medien und Menschen nicht verletzt werden.

The show must go on

Samuel Koch, seiner Familie und seinen Freunden kann man jetzt nur das Beste und vielleicht auch Glück im Unglück wünschen. Zu hoffen ist für sie auch, dass es ihnen in den kommenden Wochen und Monaten erspart bleibt, sich mit Schuldvorwürfen - eigenen oder von außen an sie heran getragenen - herumquälen zu müssen. Ohne den schrecklichen Sturz wäre Samuel Koch heute für viele ein Held. Doch zu solchem Ruhm gelangt einer eben nur, wenn er das Risiko nicht scheut. Und wir auf den Zuschauertribünen genießen Spannung und Gefahr, auch wenn wir das heute vielleicht nicht zugeben wollen oder uns sogar dafür schämen. Wenn in der nächsten Saison Formel-1-Piloten wie Sebastian Vettel durch die Kurven rasen oder auch in diesem Winter wieder Ski-Asse schwindelerregende Hänge herunterjagen oder von steilen Schanzen Richtung Abgrund springen, werden sie dabei ohne jeden Zweifel ein Millionenpublikum haben. Und darum wird es "Wetten, dass..?" oder andere Fernsehsendungen ähnlichen Formats auch in Zukunft geben.

The show must go on - und weil wir den glitzernden Vorhang der Illusionen unvermeidlich zum Leben brauchen, haben wir gar keine Wahl.

Literatur:

  • Chambers, J. R. & Windschitl, P. D. 2004: Biases in Social Comparative Judgments: The Role of Nonmotivated Factors in Above-Average and Comparative-Optimism Effects. Psychological Bulletin 130, 813- 838
  • Hill, S. E & Buss, D. M. 2010: Risk and relative social rank: positional concerns and risky shifts in probabilistic decision-making. Evolution and Human Behavior 31, 219-226
  • Kahneman, D. & Tversky, A. 1979: Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica 47, 263-292
  • Tyler, J. M. & Rosier, J. G. 2009: Examining Self-Presentation as a Motivational Explanation for Comparative Optimism. Journal of Personality and Social Psychology 97, 716-727
  • Van Leijenhorst, L. et al. 2010: Adolescent risky decision-making: Neurocognitive development of reward and control regions. Neuroimage 51, 345-355

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