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Kopfwelten: Kita-Pflicht für die Oberschicht

Eine Kita-Pflicht für soziale Brennpunkte hat Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln gefordert. stern-Redakteur Frank Ochmann meint: Dann zählen auch Nobelviertel zu den "Problemkiezen".

Heinz Buschkowsky, Berlin-Neuköllns SPD-Bezirksbürgermeister und bekannt für politische Positionen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen lassen, hat zu Beginn des neuen Jahres einen Vorschlag zur Kindererziehung unters Volk gebracht: "Wir müssen die Kinder aus den Milieus holen und verhindern, dass sie dort Klone ihrer Eltern werden." Darum fordert Buschkowsky die Kita- oder Kindergartenpflicht für soziale Brennpunkte und will nicht einsehen, warum das Recht der Eltern durchweg über dem Recht der Gesellschaft stehen muss. "Wo steht, dass man den Eltern zwar die fünfjährigen Kinder wegnehmen darf, aber nicht die dreijährigen?"

Dass der Landeselternsprecher diese Idee postwendend ablehnte, muss nicht überraschen. Deshalb ist sie aber nicht schon falsch. Wären es nur die Eltern und Familien, die es mit den Sprösslingen aushalten müssten, könnte es denen allein überlassen bleiben, was bei ihrer Erziehung herauskommt. Aber erstens wäre selbst dann die Frage zu beantworten, ob Eltern ein uneingeschränktes Verfügungsrecht über ihre Kinder zugestanden werden kann. Und zweitens beschränkt sich der Aktionsraum eines Menschen eben nicht auf die Seinen. Schon deshalb - und fernab aller erziehungstheoretischen Erwägungen - hat der Rest der Gesellschaft einen prinzipiellen Anspruch auf Mitsprache bei der Erziehung der Kinder, die in dieser Gesellschaft leben und mit denen sie es früher oder später zu tun bekommt.

Bei der staatlich beaufsichtigten Bildungspflicht zum Beispiel wird dieser Anspruch nicht ernsthaft in Frage gestellt. Dabei geht es eben nicht nur um Mathe oder Erdkunde, sondern vor allem darum, dass Menschen lernen, ihr Leben - gern auch kritisch - in und nicht neben der Kultur des Landes einzurichten, in dem sie leben. Gelingt das nicht, sind spätere Konflikte - mit dem Gesetz, mit den Gepflogenheiten oder mit der existierenden Gesellschaft ganz allgemein - so gut wie unvermeidlich. Nur frühzeitige Interventionen können das verhindern.

Die Weichen werden früh gestellt

Frühzeitig bedeutet aber auch frühzeitig. Die Entwicklungspsychologie hat inzwischen eine ziemliche klare Vorstellung davon, wie ein Kopf reift und aus einem Baby ein Erwachsener wird. Das gilt auch mit Blick auf die Formung unseres "sozialen Gehirns", dem unser jeweiliges Verständnis von Moral entspringt und das am Ende unser komplettes Verhalten prägt. Wie wir miteinander umgehen, entwickelt sich nicht erst im Laufe eines Schullebens oder gar noch später, sondern hängt auch - zusammen mit einer gewissen genetischen Prägung - von viel früheren Erfahrungen ab. Natürlich sind wir nicht schon als Kleinkinder ein für alle Mal festgelegt. Aber je später wir versuchen, falsch gestellte Weichen noch einmal umzuschalten, desto schwerer wird das sein.

Wenn Bürgermeister Buschkowsky soziale "Klone" fürchtet, trifft er damit ins Schwarze. Denn Imitation ist von den ersten Stunden unseres Lebens an die Art, wie wir Verhalten lernen. Auch sozial wird das Rad nicht dauernd neu erfunden. Oder mit Schiller: "Wie er räuspert und wie er spuckt, das habt ihr ihm glücklich abgeguckt." Der Drang, es den anderen um uns herum nachzumachen, beginnt beim Baby mit einfachsten motorischen Fertigkeiten wie dem Herausstrecken einer Zunge und führt schließlich zur Verinnerlichung der geltenden Verhaltensregeln in der Gruppe, in der wir leben. Und ist das - aus welcher Sicht zunächst auch immer - die falsche Gruppe, lernen wir ziemlich sicher auch die falschen Regeln.

Hilfe für die Kinder "aus besserem Hause"

Vor diesem Hintergrund, den Dutzende von Studien aus allen Ecken der Psychologie ausleuchten, lässt sich nur ein Urteil über Buschkowskys Vorstoß fällen: richtig so. Allerdings mit einer Einschränkung: Das reicht noch nicht. Zumindest müsste man sich darüber unterhalten, was ein sozialer Brennpunkt oder "Problemkiez" eigentlich ist. Dass Buschkowsky in erster Linie an seinen Bezirk Berlin-Neukölln denkt, ist ja klar. Aber wir sollten die Grenzen sehr viel weiter ziehen.

Nicht nur die oft zitierten "bildungsfernen" Schichten erweisen sich oft als ziemlich widerstandsfähig, wenn es darum geht, die Regeln zu beherzigen, die nun mal für alle gelten. Dass das Rauchen auf Bahnsteigen aus guten Gründen verboten ist zum Beispiel, und dass aus noch viel dringlicheren Gründen das Gewaltmonopol beim Staat liegt. Ehrlich seine Steuern zahlen ist allerdings auch so ein gesellschaftliches Gebot. Und Diebstahl ist nicht nur Diebstahl, wenn er von einem in Bomberjacke oder Ballonseidenhose begangen wird, sondern auch, wenn der Dieb tadelloses italienisches Tuch trägt.

Es brauchte eigentlich nicht erst die Erfahrungen der vergangenen Monate, um Zweifel daran zu hegen, dass die für alle geltenden Regeln unseres Gemeinwesens auch am andere Ende der sozialen Leiter nicht selten grob missachtet werden. Dort, wie bei der "Unterschicht", scheint die Einsicht, dass für alle geltende Regeln für alle gelten ebenfalls nicht zum Pflichtteil der Erziehung zu gehören. Wäre es anders, müssten wir es inzwischen in den Führungsetagen oder in Sankt Moritz beobachten können. Darum bleibt uns nur eine Schlussfolgerung: Kita-Pflicht auch für die Problemkieze in Nymphenburg, Blankenese oder Königstein im Taunus. Eine solche gesellschaftliche Zuwendung schulden wir den Kindern "aus besserem Hause" nicht weniger als denen aus Neukölln.

Literatur:

  • Mascolo, M. F. & Fischer, K. W. 2007: in: Brownell, C. A. & Kopp, C. B. (Hgg.): Transitions in Early Socioemotional Development: The Toddler Years. New York: The Guilford Press, 66-99
  • Ochmann, F. 2008: Die gefühlte Moral - Warum wir Gut und Böse unterscheiden können. Berlin: Ullstein
  • Prinz, J. 2005: Imitation and Moral Development, in: Susan Hurley and Nick Chater (Hgg.): Perspectives on Imitation: From Cognitive Neuroscience to Social Science, Vol. 2: Imitation, Human Development, and Culture. Cambridge, MA: MIT Press, 267-282
  • Posada, R. & Wainryb, C. 2009: Moral Development in a Violent Society: Colombian Children's Judgments in the Context of Survival and Revenge. Child Development 79, 882-898
  • Viet-Enthus, S. 2010: Buschkowsky will Kita-Pflicht in Problemkiezen, Tagesspiegel vom 4.1., S. 9
Frank Ochmann