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Kopfwelten: Zwei Mütter wären ideal

Die neue Familienministerin will Vätern eine längere Auszeit für die Erziehung ihrer Kinder ermöglichen, ohne sich berufliche Nachteile einhandeln zu müssen. Das diene den Kindern, sagt Kristina Köhler, denn die bräuchten Mutter und Vater. Aber stimmt das?

Von Frank Ochmann

Vater, Mutter, Kind - das traditionelle Familienmodell muss nicht unbedingt das beste sein

Vater, Mutter, Kind - das traditionelle Familienmodell muss nicht unbedingt das beste sein

Braucht es wirklich einen leiblich präsenten Vater für eine ideale Kindererziehung? Alle paar Monate wird dieses Thema in der öffentlichen Debatte hochgespült, als habe es frühere Diskussionen darüber nie gegeben. Den jüngsten Durchgang hat vergangene Woche die neue Bundesfamilienministerin Kristina Köhler eingeläutet, als sie zunächst im Familienausschuss des Bundestages und dann auch in den Medien eine Verlängerung der so genannten Väterzeit bei den Regelungen für das staatliche Erziehungsgeld ankündigte.

Vier Monate statt zuvor nur zwei sollen Väter künftig dem Job fern und dem Kind nah bleiben dürfen. Es gibt unterschiedliche Gründe für diesen Vorschlag. Vor allem Freunde des traditionellen Familienmodells werden aber den bevorzugen, den die Ministerin bei "Beckmann" in der ARD vortrug: "Ich bin der festen Überzeugung, für das Kind ist es am besten, wenn es sowohl Vater als auch Mutter erlebt. Und darum sind die Vätermonate wirklich etwas, was dem Kind dient."

Bauchgefühl, aber keine Wissenschaft

Diese Begründung entspricht zweifellos dem Bauchgefühl nicht weniger Mitbürger: Ein Kind braucht Mutter und Vater, alles andere kann doch nur eine Notlösung sein. Dieses Stereotyp gilt schon deshalb, weil wir alle eine Neigung haben, das zahlenmäßig Überwiegende auch für das Richtige zu halten. Kommen noch starre Weltbilder dazu, religiöse zum Beispiel, wird aus "richtig" schnell "allein richtig" oder gar "von Gott gewollt". Und darum löst die Frage nach der besten Familienstruktur für das Wohl des Kindes auch heute noch ganz schnell einen Kulturkampf aus.

Die beiden Soziologen Timothy Biblarz von der University of Southern California und Judith Stacey von der New York University haben nun noch einmal alles zusammengetragen, was sich aus wissenschaftlicher Perspektive dazu sagen lässt: Welche Bedeutung hat das Geschlecht der Eltern für das Wohl des Kindes? Dabei achteten die beiden Wissenschaftler zunächst darauf, dass die Vergleichsbasis für ihre Analyse auch tragfähig war. Denn daran hapert es nicht selten. Welche Aussagekraft kann zum Beispiel eine Studie haben, die das Befinden von Kindern in einer traditionellen Vater-Mutter-Kind-Familie mit der Situation an der Seite eines alleinerziehenden Elternteils vergleicht? Dass diese Gemeinschaften nach allem, was wir auch bei uns in Deutschland sehen, einen besonders schweren Stand haben, liegt an der mangelnden sozialen Unterstützung, nicht aber am Geschlecht des beim Kind verbliebenen Elternteils. Es dürfen also nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden.

Zwei sind besser als einer

Wer den hypothetischen Geschlechterunterschied möglichst sauber herausfiltern will, muss darum alle anderen Lebensumstände, so gut es geht, angleichen. Also sollten Ein-Eltern-Situationen untereinander verglichen werden und separat Familien mit gemischtgeschlechtlichen Elternpaaren mit solchen, in denen gleichgeschlechtliche Paare Kinder aufziehen. Biblarz und Stacey fanden 33 Studien, die solche Zwei-Eltern-Situationen verglichen und 48, in denen das Wohl der Kinder mit einem alleinerziehenden Elternteil studiert wurde, mal weiblich, mal männlich. Um es kurz zu machen: Bis auf die Möglichkeit, ein Kind zu stillen, fand sich keine einzige für die Erziehung eines Kindes relevante Fähigkeit, die nur Mütter oder nur Väter gewähren könnten.

Wenn es einen nennenswerten Unterschied gab, der sich nach Auffassung der Wissenschaftler beim Studium der unterschiedlichen Familienmodelle zeigte, dann der: Zwei Elternteile sind für die Entwicklung eines Kindes besser, als allein mit Mutter oder Vater aufzuwachsen. Doch das muss keine Katastrophe sein, wenn solchen Familien ausreichend geholfen wird. Und auch dieses Ergebnis stützt nicht die Annahme, ein Kind brauche unverzichtbar den Vater. Müssten sie ein Idealmodell nennen, so Biblarz und Stacey, dann hätte es nach dem Stand der Forschung ein Kind mit zwei sorgenden Müttern wohl am besten. Denn Frauen sind beim Einsatz für den Nachwuchs alles in allem, und nur im statistischen Mittel, ein bisschen mehr bei der Sache als Männer. Zumindest gilt das beim Vergleich mit einer traditionellen Familie mit einer traditionellen Arbeitsteilung - und an der können auch zwei zusätzliche Vätermonate kaum etwas ändern.

Das Geschlecht der Eltern spielt kaum eine Rolle

In der wissenschaftlichen Analyse lassen sich solche Differenzen vielleicht gerade noch statistisch herauskitzeln. Im Alltag allerdings bleiben sie angesichts der viel größeren Unterschiede zwischen den Menschen gleich welchen Geschlechts ohne Bedeutung - vom Stillen einmal abgesehen. Das zeigten auch schon frühere Analysen. Darum kommt Judith Stacey zu dem Schluss: "Für Kinder ist die beste Familie eine, in der sie verantwortungsbewusste, engagierte und verlässliche Eltern erleben. Im Schnitt sind zwei Elternteile besser als einer. Aber eine wirklich gute Mutter oder ein ebenso guter Vater allein sind für ein Kind immer noch besser als zwei nicht so gute Elternteile. Das Geschlecht der Eltern spielt nur unter Gesichtspunkten eine Rolle, die keine Rolle spielen." Töchter (nicht Söhne) lesbischer Mütter schwächelten zum Beispiel ein wenig bei ihrer eigenen heterosexuellen Identität. Aber muss uns das Sorgen machen?

Es mag trotzdem gute Gründe geben, Väter stärker als bisher in die Erziehung einzubeziehen und somit auch die überkommenen Rollenmodelle in traditionellen Familien stärker zu mischen. Da muss der Ministerin auch gar nicht widersprochen werden. Nur mit einem sollte sie ihre Pläne nicht begründen: damit, dass solche Maßnahmen den Kindern dienten, weil die nun mal im besten Fall Mutter und Vater um sich haben sollten. Das glauben zwar viele. Auch in der Politik. Wissenschaftlich allerdings gibt es dafür kein belastbares Fundament. Auch nicht für die Politik.

Literatur

  • Biblarz, T. J & Stacey, J. 2010: How Does the Gender of Parents Matter? Journal of Marriage and Family 72, 3-22
  • Deutscher Bundestag, PuK 2 (Hg.) 2010: Köhler: Elterngeld soll einfacher und flexibler werden, Presseerklärung vom 18.1., online.
  • Rupp, M. (Hg.) 2009: Die Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften. Köln: Bundesanzeiger Verlag
  • Silverstein, L. B. & Auerbach, C. F. 1999: Deconstructing the Essential Father. American Psychologist 54, 397-407