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Kopfwelten Künstliches Leben? Künstliche Aufregung!


Er habe neues Leben geschaffen, rühmt sich der Genforscher Craig Venter. Doch der Wirbel um das Bakterium mit künstlichem Erbgut ist viel zu groß.
Ein Kommentar von Frank Ochmann

Er hat es wieder getan. Ein weiteres Mal stellt sich Craig Venter in Siegerpose an die Spitze der biologischen Forschung. Diesmal allerdings nicht nur als ein Forscher, der das Erbgut "entschlüsselt" hat. Jetzt will er gleich das Leben selbst so gut wie neu erfunden haben jedenfalls die erste, sich selbst vermehrende Art auf diesem Planeten, "die einen Computer als Eltern hat". Venter weiß, welche Formulierungen eingängig sind.

Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren wurde er im Weißen Haus zusammen mit seinem Kollegen Francis Collins als der Wissenschaftler präsentiert, durch den die Menschheit angeblich die Sprache gelernt hat, "in der Gott das Leben schrieb". So diktierte es damals Präsident Bill Clinton den staunenden Vertretern der Weltpresse in die Federn und Laptops. Noch heute wird diese Formel gern nachgebetet. Doch was ist daraus geworden? Was bedeutet sie überhaupt? Was damals war und seither passiert ist, hat viel mit dem zu tun, was wir jetzt bei der angeblichen Erschaffung eines künstlichen Bakteriums erleben.

Das Erbgut selbst ist hochdynamisch

Zehn Jahre nach dem feierlichen Auftritt in Washington herrscht unter den Experten nicht einmal mehr Einigkeit darüber, was ein Gen überhaupt ist. Was vor zehn Jahren Müll im Genom ("junk DNA") war, ist nur Jahre später fast sein spannendster Teil. Denn gerade in diesen früher für belanglos gehaltenen Abschnitten scheint sich in einer hochkomplexen Dynamik zu entscheiden, was ein Genom in einer Zelle überhaupt bewirkt. Warum exakt dasselbe Genom aus der einen Zelle zum Beispiel ein Neuron macht, aus einer anderen aber vielleicht eine Haut- oder Leberzelle - oder Krebs.

Galt vor zehn Jahren noch weitgehend unwidersprochen, dass "egoistische" Gene wie über eine Einbahnstraße unsere biologische Natur bestimmen und lenken, wissen wir heute, wie stark alle möglichen äußeren Einflüsse auf das Genom zurückwirken und es in seiner Funktion verändern. "Epigenetik" ist das Stichwort dieser miteinander verschmelzenden Welten vom Erbgut drinnen und den Erfahrungen draußen. Es bedeutet vor allem: Der genetische Code in unseren Zellkernen ist keine starre Gebrauchsanweisung in einer vergessenen, uralten Sprache. Schon gar nicht in einer Sprache, "in der Gott das Leben schrieb". Vielmehr ist das Erbgut selbst hochdynamisch, verändert sich und wird verändert. Letztlich ist es so vielfältig und variabel wie das Leben selbst.

Die Öffentlichkeit geblendet

Was also hat der "zeugende" Computer in Venters Institut gemacht, als er sein bakterielles "Kind" durchkonstruierte? Er hat gut eine Million Bausteine zusammengestellt, ein Genom, in das ein paar weniger bedeutende Veränderungen und "Wasserzeichen" eingebaut wurden. Das hat nun die Kontrolle eines artfremden Bakteriums übernommen. Einer einzigen Zelle also. Die gab es auch schon vorher, und auch das künstliche Erbgut gab es schon. Und was verändert wurde, entspricht ebenfalls einer natürlichen Vorlage. Was aber genau passiert, jetzt und gleich und übermorgen, kann so wenig geplant werden wie ein Lottogewinn. Denn auch ein künstliches Bakterium unterliegt den Regeln der natürlichen Biologie und Evolution auf diesem Planeten und kann sich auch weiter verändern.

Ist das alles also wirklich viel aufregender als zum Beispiel ein menschlicher Zellkern in einer Eizelle von der Kuh? Oder was sonst noch so in den vergangenen Jahren an der Klon- und Stammzellfront passierte? Zumindest das wissen wir: Außer den beteiligten Forschern hat von solchen Arbeiten bislang so gut wie niemand etwas gehabt. Kein Patient jedenfalls. Das spricht nicht gegen solche Forschungen. Es spricht aber sehr wohl gegen eine rabiate Veröffentlichung und Vermarktung von wissenschaftlichen Ergebnissen, die allenfalls dazu taugen, eine insgesamt eher schlecht informierte und schon darum leicht zu beeindruckende Öffentlichkeit zu blenden.

Eine geschickte Vermarktungsstrategie

Die einen werden sich auch diesmal wieder ins medizinische Paradies träumen, wo Alzheimer, Krebs, Aids und Parkinson bald geheilt oder gar ganz verhindert werden können. Es sind ja fast immer dieselben Leiden, mit denen Medien beeindruckt und Finanziers geködert werden sollen. Wenn Venter und Co. Glück haben, finden sich jetzt auch wieder potente Geldgeber für weitere Arbeit im Labor. Zum Beispiel, um endlich das von ihm seit Jahren versprochene Bakterium zu "bauen", dass Kohlendioxid aus der Luft vertilgt und uns dafür mit neuem Treibstoff für Motoren versorgt. Keine üble Idee, den Hype um den Klimawandel gleich noch mit in die Vermarktungsstrategie der "synthetischen Biologie" einzubeziehen.

Die andere, die ängstliche Fraktion ruft derweil, Frankenstein sei aus dem Grab erstanden, erzittert beim Gedanken, der Mensch versuche wie Gott zu sein und warnt vor einer vermeintlich zum Greifen nahen Allmacht des Menschen. Es wird gewiss nicht lange dauern, bis auch die Kirchen ihre warnende Stimme erheben. Vielleicht wird sogar der Papst ein Mahnwort sprechen. Gott sei Dank, dass diesmal wenigstens Bischof Mixa ganz sicher still sein wird.

Das Gefährliche an Venters hochgejubelter Großtat ist jedenfalls nicht ihr biologischer Gehalt, nicht sein Eingriff in die "Schöpfung". Zu denken geben sollte uns eher, wie leicht Wissenschaftler wie er inzwischen mit griffigen Marketing-Parolen in die öffentliche Debatte eingreifen können.


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