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Kopfwelten zu Wedels "Gier" Geld macht geil

In dem Zweiteiler "Gier" zeigt Dieter Wedel, wie die Aussicht auf Traum-Renditen den menschlichen Verstand ausschaltet. Was sind das für Mechanismen, die in unserem Kopf vorgehen und letztlich in die Finanzkrise führen?
Von Frank Ochmann

Wir kennen alle die Weisheit, dass Geld nicht glücklich macht. Tatsächlich zeigen etliche Untersuchungen, dass unser seelisches Wohlbefinden - eine materielle Grundsicherung vorausgesetzt - nicht wirklich vom Kontostand abhängt. Wer heute mehr hat als gestern, ist deswegen nicht schon glücklicher als am Vortag. Warum aber jagen wir dem Geld dann trotzdem nach, als hinge unser Seelenheil davon ab? Warum bevölkern Zocker die Börsen und Bankenplätze in Scharen und tun nichts anderes? Was haben sie davon?

Eine erste Antwort: Weil Geld wie Nahrung und Sex ist. Alle drei versprechen Belohnung und tun uns einfach gut! Also sind wir auch bereit, eine Menge dafür zu tun. Beim Essen und beim Sex muss das nicht eigens erklärt werden. Und beim Geld? Na klar, denken wir, wer was hat, kann sich was kaufen - Nahrung und Sex zum Beispiel. Wer Geld so versteht, hält es für ein Mittel zum Zweck. Aber Psychologen wie Stephen Lea und Paul Webley von der Universität von Exeter, die sich intensiv mit dem offenbar unwiderstehlichen Zauber von Münzen, Noten und Konten befasst haben, präsentieren noch eine andere Erklärung: Geld ist eine Droge. Und das ist nicht nur bildlich gemeint, auch wenn es keine Nadel braucht, um auf einen pekuniären Trip zu gehen. Geld ist eine "kognitive Droge", sagen die beiden Briten.

Es geht zu wie auf dem Pavianfelsen

Tatsächlich lässt sich ihre stimulierende Wirkung per Hirnscan beobachten. Bonner Forscher haben das 2007 zeigen können. Geld zu gewinnen kann im Kopf so lustvoll sein wie ein Orgasmus - oder ein Lob, ein Orden, eine Gehaltserhöhung, ein lang ersehntes Lächeln. Die Wirkung ist in allen Fällen durchaus vergleichbar, und es ist fast egal, wodurch wir uns belohnt fühlen: Unser "Belohnungs-System" kennt letztlich nur eine Währung. Darum geht es uns beim Geldverdienen auch nicht um Euros, sondern um Stellung und Ansehen. Nicht das Meiste zu haben, ist das erstrebenswerteste Ziel, sondern der Beste zu sein - die Nummer Eins, der Coolste, der am dollsten Geliebte, könnten wir sagen. Dieses kaum stillbare Bedürfnis teilen wir übrigens mit allen höheren "sozialen Tieren". Letztlich also geht es zu wie auf einem Pavianfelsen. Die Lust auf diese Lust ist in uns jedenfalls so stark, dass sie zumindest bei einigen beinahe jedes Risiko wert zu sein scheint. Und obwohl all die Börsenhändler und Broker geschulte und studierte Spezialisten sind, lebt in ihnen unübersehbar das Tier.

Weil es so universal ist und Dinge in Beziehung bringt, die sich anders vermutlich gar nicht tauschen ließen, ist es so begehrt. Und so macht es am Ende eben doch glücklich, weil es uns vor allem Anerkennung und Status erkaufen kann - hast du was, bist du was! Und darum zeigen ja von Sylt bis zum Starnberger See auch viele, die was haben, so gern, dass sie was haben. Ist es das also, was die Börsen- und Bankenzocker im Grunde wollen? Aus wissenschaftlicher Sicht jedenfalls wäre das eine plausible Erklärung.

Und wenn uns dabei der Gedanke kommt, dass uns selbst der Mammon vielleicht auch nicht immer ganz kalt lässt, dann ist das natürlich eine nur zu berechtigte Beobachtung. Wir alle sind auf Anerkennung aus, im Grunde in jedem Augenblick unseres Lebens. Vor allem dieser Trieb mischt unsere Gefühle, und nicht selten kommt dabei ein Cocktail heraus, der die Vernunft betäubt. Darin sind wir alle ziemlich gleich. Einen wichtigen Unterschied macht allerdings die Fähigkeit, mehr oder minder geduldig mit diesem Bedürfnis umzugehen. Solche Geduld nimmt nicht nur viel Druck aus dem Leben. Sie kann sich sogar auszahlen: Denn wer warten kann, macht später vielleicht noch viel mehr Reibach als jetzt, in diesem Augenblick. Doch nicht alle können warten, können klug sein, wie wir das dann meist nennen.

Wie beim Alkohol gibt es offenbar auch bei der kognitiven Droge Geld und bei der Lust am Status kultivierte Genießer am einen Ende des Spektrums und hemmungslose Schlucker am anderen. Sie sind es, die den Hals nicht voll bekommen und in ihrer Sucht am Ende zum Beispiel die noch keineswegs überstandene weltweite Finanzkrise auslösten. Die muss nun von denen gemanagt werden, deren Verstand noch nicht im Rendite-Rausch ersoffen ist. Für ihre an galoppierender Statussucht leidenden Kollegen aber gibt es nur ein wirksames Mittel: den kalten Entzug.

Literatur:

  • Ahuvia, A. 2008: If money doesn't make us happy, why do we act as if it does?, Journal of Economic Psychology 29, 491-507
  • Coates, J. M. & Herbert, J. 2008: Endogenous steroids and financial risk taking on a London trading floor, PNAS 104, 6167-6172
  • Fliessbach, K. et al. 2007: Social Comparison Affects Reward-Related Brain Activity in the Human Ventral Striatum, Science 318, 1305-1308
  • Lea, S. E. G. & Webley, P. 2006: Money as tool, money as drug: The biological psychology of a strong incentive, Behavioral and Brain Sciences 29, 161-209
  • Kasser, T. & Ahuvia, A. 2002: Materialistic Values and Well-being in Business Students, European Journal of Social Psychology 32, 137-146

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