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Kopfwelten zu Wikileaks: Der unheimliche Mr. Assange

Julian Assange bringt mit Wikileaks ans Licht, was andere im Geheimen belassen wollen. Er opfert sich auf für mehr Transparenz und Demokratie, riskiert womöglich sein Leben. Doch was treibt ihn?

Von Frank Ochmann

Diesmal hatte Julian Assange die Haare dunkel gefärbt, als er vor die internationale Presse trat und seinen neuesten Coup präsentierte: Fast 400.000 zuvor geheime Dokumente über den Krieg im Irak. Die Haartracht wechselt der gebürtige Australier wie den Aufenthaltsort. Denn der Gründer von WikiLeaks, jener inzwischen berühmten Internetplattform für die Veröffentlichung von geheimen Dokumenten, fürchtet um sein Leben. Und vielleicht ist das nicht einmal übertrieben für einen, der es offenbar als seinen Lebensinhalt ansieht, Mächtige und selbst Weltmächte öffentlich vorzuführen, indem er Tausende und Abertausende von elektronischen Akten aus ihren Archiven für jeden zugänglich macht.

Welchen historischen Wert das tatsächlich hat und welche Folgen vielleicht auch für jene, die in diesen Dokumenten genannt werden oder deren Identität daraus abgeleitet werden kann, wird sich wahrscheinlich erst in Jahren genauer beurteilen lassen. Die heftigen, verärgerten Reaktionen der betroffenen Behörden bestätigen jedenfalls, dass Julian Assange und das Team von Wikileaks mit ihren Aktionen ins zentrale Nervengeflecht der Macht treffen. Wem an Demokratie und größtmöglicher Transparenz liegt, der sollte zunächst einmal zufrieden sein, wenn Assange wieder zuschlägt und Geheimes oder Verratenes aus politischen oder militärischen Computersystemen ans Licht bringt. Aufklärung tut not, wenn die Regierten ein halbwegs zuverlässiges Bild der Regierenden gewinnen und ihren demokratischen Einfluss auf den Lauf der Dinge wahren wollen.

Doch wird Julian Assange durch seine Rolle als Aufklärer schon zu einem sympathischen Menschen? Dabei müssen wir uns nicht einmal auf das gruppendynamische Gerangel hinter den Kulissen seiner Organisation und die Anschuldigungen von Vergewaltigung und sexueller Nötigung gegen ihn beziehen, denen die schwedischen Behörden derzeit nachgehen. Es ist etwas anderes, das mich beunruhigt. Lassen Sie mich etwas weiter ausholen, um es zu erklären.

Äußerlich ähnlich, emotional fremd

Im Jahr 1970 wies der japanische Roboter-Experte Masahiro Mori auf ein Problem hin, das er bei der Entwicklung von Maschinen auf sich zukommen sah, die Menschen immer ähnlicher sein sollten. Denn sollten sich solche Maschinen durchsetzen, was Mori wollte, sollten sie natürlich mit positiven Gefühlen aufgenommen werden. Mori erkannte, dass Menschen umso positiver auf selbstständig handelnde Maschinen reagieren würden, je ähnlicher diese einem Menschen waren. Doch, so vermutete der Roboter-Ingenieur, dabei gab es ein gravierendes Problem: Mit fortschreitender Vermenschlichung der Maschinen würde irgendwann nämlich ein Punkt erreicht, an dem diese Maschinen dem Ideal eines Menschen zwar optisch weitgehend glichen, sich aber noch nicht wie richtige Menschen verhielten. Wer eine solche Maschine sieht, merkt spätestens auf den zweiten Blick, dass irgendetwas im Tiefsten nicht stimmt. Mori nannte dieses Missverhältnis zwischen großer äußerer Ähnlichkeit und gleichzeitiger emotionaler Fremdheit das "unheimliche Tal".

Ein Tal ist es deshalb, weil Moris Kurve, die das Verhältnis von Ähnlichkeit zum Menschen und den mit ihrem Anblick verbundenen behaglichen Gefühlen beschreibt, kurz vor der völligen Gleichheit deutlich absinkt und damit durch ein "Tal" läuft. Was daran so "unheimlich" ist, erleben wir zum Beispiel, wenn wir eine Leiche sehen: Rein äußerlich ist alles menschlich, was wir betrachten. Und doch spüren wir auf Anhieb, dass etwas sehr Grundsätzliches nicht ist, wie es sein sollte. Sogar Affen kennen dieses Gefühl einer unheimlichen Ähnlichkeit, wie Versuche mit Makaken vergangenes Jahr an der Princeton University zeigten.

Was treibt Assange an?

Und ein derartiges Gefühl von gruseliger Unstimmigkeit beschreibt am besten, was mich beschleicht, wenn ich Julian Assange auf dem Bildschirm sehe. Natürlich zweifle ich nicht daran, dass er ein Mensch ist - wir sind hier schließlich nicht bei "Akte X", bei Science fiction oder Fantasy. Aber eine Frage lässt mich nicht los: Warum tut er das? Warum riskiert er seine Bewegungsfreiheit, ja womöglich sein Leben, um diese Flut von Dokumenten freizusetzen? Was treibt Assange an?

Er opfert sich, weil er ein Held ist, werden seine Anhänger antworten, weil er süchtig nach Wahrheit und Gerechtigkeit ist. Aber auch dabei wird es mir unheimlich, wie ich bekenne. Ich möchte niemandem den vielleicht noch vorhandenen Glauben an das grundsätzlich Gute im Menschen nehmen. Ich möchte keine Trostlosigkeit verbreiten und womöglich auch noch die letzten Hoffnungen auf eine bessere Welt zunichte machen. Doch Gestalten, die völlig selbstlos daherkommen und denen offenbar kein Opfer zu groß ist, wenn es um ihre Ideale geht, solche Gestalten machen mir gehörig Angst. Denn solches Verhalten ist nicht "menschlich", nicht "normal" für Wesen wie Sie und mich.

Unsere gesamte soziale Wahrnehmung ruht vor allem auf zwei Säulen. Die Kompetenz, die wir bei einem Menschen entdecken, ist die erste: seine Fähigkeiten und sein Wissen und, ganz nüchtern gesehen, auch seine Nützlichkeit für unsere eigenen Problemlösungen. Die zweite Komponente ist die menschliche Wärme, die vom anderen ausgeht. Und, so zeigen Experimente, diese Eigenschaft eines anderen wird besonders schnell in unseren Köpfen eingeschätzt. Der Grund ist leicht einzusehen. Natürlich ist es wichtig, ob einer für uns nützlich ist oder nicht. Viel wichtiger und drängender aber ist die Frage, ob er uns gefährlich werden könnte. Deshalb wird die "Wärme" vor der "Kompetenz" wahrgenommen und beurteilt.

Das Unbehagen an Wikileaks

Und genau das ist mein Problem mit Julian Assange, und womöglich erklären diese zwei Komponenten auch die Existenz des "unheimlichen Tales": So, wie Assange sein wahres Äußeres immer wieder verbirgt oder zumindest maskiert, verbirgt er meinem Gefühl nach auch das, was ihn im Tiefsten antreibt. Ich weiß beim besten Willen nicht, ob ich ihm trauen kann. Und ich weiß darum auch nicht, ob die Geschenke, die er uns, der Weltöffentlichkeit, bereitet, nicht vielleicht vergiftete Geschenke sind, die womöglich einem anderen Zweck dienen als der Transparenz politischer Vorgänge. So weit reicht mein Unbehagen, so weit mein Misstrauen. Aber natürlich ist das alles nur ein Gefühl.

Literatur:

  • Asch, S. E. 1946: Forming impressions of personality. Journal of Abnormal and Social Psychology 41, 258-290
  • Burns, J. F. & Somaiya, R. 2010: WikiLeaks Founder on the Run, Trailed by Notoriety. The New York Times v. 24.10., A1.
  • Cohen, D. 2010: The man who abolished secrets. New Scientist v. 14.8., 32-33
  • Fiske, S. T. et al. 2006: Universal dimensions of social cognition: warmth and competence. Trends in Cognitive Sciences 11, 77-83
  • Mori, M. 1970: Bukimi no tani. Energy 7, 33-35
  • (Übersetzung "The Uncanny Valley" von Karl F. MacDorman and Takashi Minato, online )
  • Steckenfinger, S. A. & Ghazanfar, A. A. 2009: Monkey visual behavior falls into the uncanny valley. PNAS 106, 18362-18366