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Kriegskinder: Auf einmal ist die Angst wieder da

Die Kriegskinder von damals sind heute Senioren. Bei vielen kommen die furchtbaren Erinnerungen nun zurück - und mit ihnen psychische Probleme. Spezialisierte Therapeuten bieten Hilfe.

Nachts, gegen vier, wacht Inge Brodersen im Urlaub plötzlich auf. Ihr Herz rast. Woher kommt dieses Dröhnen in der Luft? Es ist nur ein Flugzeug, das Palma de Mallorca ansteuert. Doch tags zuvor, am 11. September 2001, sind zwei Maschinen ins World Trade Center von New York geflogen. Jetzt spürt Inge Brodersen ihre Angst. Ein Flieger - in der Dunkelheit. In den kommenden Nächten schreckt sie immer wieder um die gleiche Zeit hoch, und ihre Furcht ist jedes Mal größer. Schließlich bricht das Ehepaar Brodersen die Urlaubsreise ab.

Zu Hause in Kiel bekommt Inge Brodersen zu ihren Angstattacken auch noch Bauchkrämpfe. "Mein Kopf sagte mir, dass es keinen Grund gab, sich zu fürchten, aber der Bauch glaubte ihm nicht", sagt sie.

Erinnerungen an heulende Sirenen

Die Rentnerin spricht mit ihrem Hausarzt. Der kommt, nach vielen langen Gesprächen, auf die Diagnose: Die Schmerzen haben keine organische Ursache, sie sind psychosomatisch. Und: Inge Brodersen ist kriegstraumatisiert. Länger als ein halbes Jahrhundert hat ihr Körper die Erfahrungen, die sie als Kleinkind im Zweiten Weltkrieg machte, in sich verschlossen - bis die Terroranschläge in den USA und das Geräusch eines Flugzeuges sie wieder hervorholten.

Bei Kriegsende war sie fünf, sie erinnert sich an wenig, nur noch an eine Szene: Sirenen heulen, sie rennt mit der Mutter zum Bunker. Die Mutter stürzt, sie verlieren Zeit, die ersten Bomben fallen, und die Bunkertüren sind schon verschlossen. Schließlich werden sie doch noch hineingelassen, obwohl die Türen nicht mehr hätten geöffnet werden dürfen - der Vater hatte Aufsicht.

Als die Angstzustände über Monate nicht besser werden, beginnt Inge Brodersen eine Verhaltenstherapie. Regelmäßig besucht sie auch die Kieler Selbsterfahrungsgruppe des Vereins "Kriegskind e. V.". Dort sprechen Menschen über Erlebnisse, die sie während ihrer Kindheit im Krieg hatten. Unter therapeutischer Anleitung versuchen sie, ihrer Ängste Herr zu werden.

Ältere Patienten werden kaum therapiert

Psychotherapie für Ältere - das ist in Deutschland keineswegs selbstverständlich. Noch bis Anfang der 90er Jahre lautete ein ungeschriebenes Gesetz unter Neurologen, Psychiatern und Psychologen: Alles über 50 lohnt sich nicht mehr. Die Begründung: Im höheren Lebensalter seien die Gefühls- und Denkstrukturen so verfestigt, dass eine Psychotherapie gar nichts mehr nützen würde.

"Als ich Anfang der 80er Jahre meine Ausbildung gemacht habe, gab es gar keine älteren Patienten, die man als Psychoanalysefall hätte zugeteilt bekommen können", sagt Gereon Heuft, Chef der Klinik für Psychosomatik an der Uni-Klinik Münster. "Und als ich später Oberarzt an der Essener Uni-Klinik war, wurden Menschen über 50, die sich nach einer Psychotherapie erkundigten, gleich von den Sekretärinnen abgewimmelt."

Heute ist Heufts Klinik eine der wenigen spezialisierten Anlaufstellen für die so genannte Alterspsycho-therapie. Für Menschen, die erstmals in einer späten Lebensphase unter Depressionen, Panikattacken oder Phobien leiden oder bei denen sich - wie es ganz häufig der Fall ist - die Ängste als körperliche Beschwerden wie etwa Schwindel, Herzrasen oder Bauchschmerzen äußern.

Ganz plötzlich ist das Trauma wieder da

Die Münsteraner Ärzte hören von den Patienten häufig den gleichen Satz: Das ganze Leben lang war ich ausgeglichen, hatte keinerlei Probleme, und jetzt plötzlich geht es mir schlecht. "Jetzt plötzlich" steht meist für ein bestimmtes Ereignis: einen Autounfall, einen Handtaschenraub, eine Operation, Fernsehberichte über den Irak-Krieg oder, wie bei Inge Brodersen, einen Terroranschlag. "Traumareaktivierung" nennen die Spezialisten das Phänomen, wenn ein bedrohliches Geschehen lang vergessene Erlebnisse wieder in den Vordergrund rückt.

In den vergangenen Jahren haben Mediziner und Therapeuten dazugelernt. Sie wissen inzwischen, dass es im Alter durchaus psychisches Entwicklungspotenzial gibt. Lebenskrisen können erfolgreich verarbeitet werden - ganz gleich, wie lange die Ursache zurückliegt. Der Bedarf an fachlich qualifizierter Psychotherapie für Ältere ist groß: Ein Drittel der deutschen Erwachsenen ist derzeit älter als 60 Jahre. Die Lebenserwartung ist hoch, die Zeit des Ruhestandes lang. Mit der Aussicht, noch 25 Jahre vor sich zu haben und das mit möglichst guter Lebensqualität, gehen viele Ältere ihre psychischen Probleme an. Dabei hilft, dass die Vorurteile in der Gesellschaft gegenüber Psychotherapien geringer werden: "Viele Ältere assoziierten lange Zeit mit dem Wort "Psycho" irgendwas Verrücktes und dachten, dann käme gleich der Fürsorger. Das ändert sich allmählich", sagt Heuft.

Letzte Chance, das Leben zu ordnen

Alter schützt nicht vor Trauer, Ängsten und Unzufriedenheit. Erstens haben Ältere nach der Pensionierung oder Frührente mehr Zeit im Alltag, und mögliche Ablenkungen von Problemen wie ein stressiger Beruf oder das Großziehen der Kinder fallen weg.

Als zweiten Grund für die Häufung von psychischen Problemen in jener Lebensphase nennt Heuft das "Last Chance Syndrom", das Letzte-Chance-Syndrom. "Alles, was man an Schrecklichem oder an Unklarheiten in seinem Leben in die unterste Schublade gesteckt hat, kann wieder hochkommen. Im Alter haben viele den dringenden Wunsch, so etwas doch noch zu klären oder aufzuarbeiten."

Ein dritter Auslöser kann der körperliche Alterungsprozess sein, der von den meisten als äußerst problematisch empfunden wird. Die zentrale Angst ist, hilflos und abhängig zu werden. "Oft ist diese Furcht ein Grund für die Reaktivierung von traumatischen Kriegserlebnissen", sagt Heuft. "Den Betroffenen, die bei Kriegsende Kinder oder Jugendliche waren, wurde von klein auf eingebläut, dass sie sich auf keinen Fall von anderen abhängig machen dürfen. Nach dieser Regel haben sie Jahrzehnte gelebt. Jetzt, im Alter, merken sie, dass sie zwangsläufig auf andere angewiesen sind."

Viele haben nie über damals gesprochen

Viele der Älteren haben jahrelang nicht über die Vergangenheit nachgedacht oder nachdenken wollen. "Die stille Generation", nennt Heuft sie. Sie haben nie über ihre Erlebnisse gesprochen und wenn, dann nur über Fakten: Flucht von A nach B oder so und so viele Nächte im Bombenkeller. Aber über die Ängste und Sorgen, über Tod, Gewalt, Trauer, Verlust - darüber wurde in dieser Generation so gut wie nie geredet.

Auch der Mann, der in Deutschland das erste Buch über Alterspsychotherapie geschrieben hat, gehört zu dieser stillen Generation. Professor Hartmut Radebold, Jahrgang 1935, war bei Kriegsende zehn Jahre alt und hatte Schreckliches erlebt: Sein großer Bruder war verschleppt worden, und Radebold selbst war lange mit der Mutter auf der Flucht. Der Vater starb als Arzt an der Front. Nach der Nachricht von seinem Tod bekam die Mutter mit 47 Jahren schlohweißes Haar. Der Sohn hat sie danach nie wieder weinen sehen.

"Nach dem Krieg wurde nicht viel über diese Zeit gesprochen, von Traumatisierung war nicht die Rede", sagt Radebold. "Getrauert haben wir nie. Die Frauen fragten ihre Männer, die zurückkehrten, nicht, was sie getan oder erlebt hatten - und umgekehrt. Wir Kinder wurden dazu erzogen, zäh zu sein, die Zähne zusammenzubeißen und keine Gefühle zu zeigen. Wir funktionierten wie kleine Erwachsene."

Wenn Papa weint

Mit diesen Tugenden lebte Hartmut Radebold lange Zeit gut: Er arbeitete als Psychiater, Psychoanalytiker und Hochschullehrer. Dann, mit 55 Jahren, überfiel ihn aus dem Nichts eine Depression. Er war bedrückt, zog sich von seiner Familie zurück, schlief schlecht und fing an, an der Couch sitzend, auf der seine Patienten lagen, zu weinen. Erst nach und nach wurde dem Kasseler klar, dass ihn seine Vergangenheit eingeholt hatte. Dass er wieder von seiner Kindheit im zerstörten Berlin träumte. Dass er nie um den verlorenen Vater getrauert hatte und dass sein Körper und seine Seele jetzt danach verlangten, dies nachzuholen.

Dass das Thema noch eine ganze Generation von Menschen umtreibt, zeigen die emotionalen Reaktionen auf Radebolds Bücher, Vorträge und Artikel in Fachzeitschriften. Zwar seien nicht alle über 60-Jährigen automatisch betroffen, sagt Radebold, aber 30 Prozent der Jahrgänge 1927 bis 1946 könne man als Traumatisierte ansehen. Allein im vergangenen halben Jahr hat der 70-Jährige mehr als hundert Briefe bekommen, in denen Betroffene von ihren schrecklichen Erlebnissen und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart schreiben. Ein Mann berichtete Radebold, dass er bei der bloßen Erwähnung einer Jahreszahl aus dem Krieg aus heiterem Himmel in Tränen ausbreche, obwohl er doch ein Leben lang stabil gewesen sei.

Die vermeintliche Pflicht, stark bleiben zu müssen - das ist einer der Gründe, warum so lange kollektives Schweigen herrschte. "Dass Erlebnisse aus Kriegskindheiten ein Tabuthema sind, liegt keineswegs nur an den Älteren", sagt Radebold. "Die Angst der Jüngeren, diese Zeit anzusprechen, ist groß. Sie fürchten, dass die Oma oder der Vater weinen oder zusammenbrechen, und wollen auch sich selbst vor solchen Gefühlsausbrüchen schützen." In der Schlussdiskussion beim "Internationalen Kriegskinderkongress" berichtete beispielsweise auch Hilmar Kopper, Jahrgang 1935 und früherer Vorsitzender der Deutschen Bank: "Noch nie hat mich jemand nach meiner Kindheit im Krieg gefragt."

Kriegskinder: Sparsam und hart gegen sich selbst

Die Sprachlosigkeit herrscht nicht nur in den Familien, sondern auch in den Praxen, Kliniken und Pflegeheimen. Dabei ließen sich viele Beschwerden besser einordnen, wenn es ein zeitgeschichtliches Interesse an den Biografien der älteren Patienten gäbe, sagt Radebold. Ehemalige Kriegskinder sind nämlich keine einfache Klientel in der Sprechstunde: Sie haben nicht gelernt, auf ihren Körper Rücksicht zu nehmen, kennen vor allem Härte gegen sich selbst und Sparsamkeit. "Sie gehen nicht zu Vorsorgeuntersuchungen, halten Therapievorschriften nicht ein und lehnen Hilfsangebote ab", sagt Radebold. Ärzte, Psychologen und Pflegekräfte sollten im Umgang geschult werden - schließlich werden sie in Zukunft vermehrt damit konfrontiert.

Derweil arbeitet Hartmut Radebold unermüdlich weiter. "Wir brauchen ein Zeitzeugenarchiv, das wissenschaftlich korrekt ist, und sollten das Thema Langzeitfolgen bei Kriegskindern europaweit untersuchen", sagt er. Die Forschungsgruppe "Weltkrieg2Kindheiten", der Radebold angehört, sucht für diese Projekte Geldgeber und gründete den Förderverein "Kriegskinder für den Frieden". Damit so viele Fragen wie möglich geklärt werden können, solange die Betroffenen noch leben.

Inge Brodersen, die Frau, die auf Mallorca von ihren Kindheitserinnerungen heimgesucht wurde, ist inzwischen wieder stabil. Nachts gegen vier Uhr allerdings, um die Zeit, als auf Mallorca der Flieger brummte, wacht sie immer noch des Öfteren auf. "Ich bedauere, dass ich nie mit meinem Vater über die Kindheit gesprochen habe", sagt sie, "jetzt ist er tot, und inzwischen habe ich viele Fragen, auf die ich nie Antworten bekommen werde."

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