Sexualität Kommt Ihnen das bekannt vor?


Viel Frust, wo eigentlich Lust regieren sollte. Wegen Stress, Erwartungsdruck oder weil keiner ausspricht, was er sich wirklich wünscht. Die alte Leier - und neue Lösungen. Vier Regeln für ein entspannteres (und gesünderes) Liebesleben.
Von Ulrich Kraft

Lassen Sie uns über Gesundheit reden, Ihre und die Ihres Partners. Kaum eine andere Betätigung ist so gesund für Körper und Seele wie Sex. Und keine andere medizinisch wertvolle Behandlung fühlt sich so gut an. Ein Rezept brauchen Sie nicht, um in den Genuss dieser Therapie zu kommen, Gebühren entfallen. Im Detail: Sex pusht das Immunsystem und beugt so Infekten vor. Regelmäßiger Geschlechtsverkehr reduziert das Risiko schwerer Herzerkrankungen um bis zu 50 Prozent.

Äußerst wohltuend wirkt zudem der beim Liebesakt ausgeschüttete Hormoncocktail. Körpereigene Opiate, die Endorphine, dämpfen das Schmerzempfinden und machen ein bisschen high, das Glückshormon Serotonin sorgt für gute Laune, Dopamin baut Stress ab. Bis zu 24 Stunden hält der stimmungsaufhellende Effekt der Wohlfühlhormone an, und auch langfristig tut reichlich Sex der Seele gut. So belegen Studien, dass Menschen mit einem aktiven und befriedigenden erotischen Leben weitaus seltener an Depression und Angststörungen leiden.

Das Kuschelhormon Oxytocin lässt romantische Gefühle wachsen

Guter Sex sorgt für die Durchblutung Ihrer Beziehung. Das vor allem beim Orgasmus ausgeschüttete Kuschelhormon Oxytocin lässt romantische Gefühle wachsen und fördert die Bereitschaft zweier Menschen, sich aneinander zu binden.

Außerdem ist Sex ein fabelhaftes Mittel zur Gewichtsreduktion: Durchschnittlich 350 Kalorien werden bei einem halbstündigen Liebesspiel verbrannt, das ist so viel wie bei einem 40-minütigen Dauerlauf. Schade eigentlich, dass so viele Menschen so wenig Spaß daran haben.

Fast jeder Zweite klagt über ein unerfülltes Liebesleben. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Göttingen, für die mehr als 51000 Männer und Frauen befragt worden waren. Und nicht nur unter Singles entdeckten die Forscher massive erotische Unzufriedenheit, auch bei den Paaren sah es wenig rosig aus. So gab in 65 Prozent der Partnerschaften mindestens einer von bei-den Probleme mit der Sexualität zu Protokoll.

"Bei vielen Menschen liegt die Latte einfach viel zu hoch"

Experten wie Margret Hauch, Psychologin am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie an der Hamburger Universitätsklinik, wundern solche Umfrageergebnisse nicht. "Bei vielen Menschen liegt die Latte einfach viel zu hoch", sagt Hauch. "Läuft es dann eine Weile nicht so toll, sind sie sofort irritiert und glauben, dass sie ein grundsätzliches Problem haben."

Eine funktionierende Sexualität besitzt heutzutage enorme Bedeutung. Sie gilt als Gütesiegel für die Beziehung und für den Grad der eigenen Lebendigkeit. Der Zeitgeist hat das zarte Pflänzchen Lust zur Powerperformance hochstilisiert: Wer nicht permanent begehrt und mit seinem Partner phänomenale Orgasmen erlebt, tickt wohl nicht richtig.

In den prüden 1950er Jahren fühlten sich Menschen komisch, wenn sie Oralverkehr schön fanden. Im 21. Jahrhundert fühlen sie sich komisch, wenn sie ihn nicht schön finden. "Meine Sexualität ist nicht so, wie ich denke, dass sie sein sollte - so lautet das große Thema, das für Leidensdruck sorgt", sagt die Berliner Psychologin Berit Brockhausen. Vor allem der jüngeren Generation attestiert sie "Funktionswahn". Die schönste Nebensache der Welt wird zum Leistungssport. Sex muss spontan und abwechslungsreich sein und - noch wichtiger - stets mit einem Orgasmus abgeschlossen werden, den beide natürlich gleichzeitig erreichen. Wenn Frauen bei ihr Beratung suchen, weil sie nur jedes dritte Mal kommen, nimmt Brockhausen erst einmal den "Dampf raus" und fragt, ob sie vielleicht dennoch ein bisschen Spaß haben. Meistens lautet die Antwort ja.

Männer haben Frauen in Sachen Lustlosigkeit den Rang abgelaufen

Früher war ein Mann ein potenter Kerl, wenn er eine Frau ins Bett bekam. Heute ist sein Maßstab die Frequenz der Orgasmen, die er ihr besorgt. "Viele Männer fühlen sich als Versager, wenn sie der Partnerin keinen Höhepunkt verschaffen, selbst wenn diese den Geschlechtsakt trotzdem genießt", erzählt die Hamburger Therapeutin Hauch - nur harte Währung zählt. Angesichts derartigen Leistungsdrucks erstaunt es nicht, dass Männer den Frauen in Sachen Lustlosigkeit den Rang ablaufen. So berichten in der Hamburger Sexualberatungsstelle 20 Prozent der männlichen Klienten, ihnen sei das Verlangen abhanden gekommen. Früher konnte Margret Hauch solche Fälle an einer Hand abzählen.

Die Ansprüche, die sich Männer und Frauen setzen, sind gewaltig, gleichzeitig hält der Alltag einen Parcour an Hindernissen bereit: Stress, der die Energie für sexuelle Höhenflüge raubt; Beziehungsroutine, die müde macht; körperliche Malaisen, die die Freude an der Lust vergällen. (Mehr zu den medizinischen Aspekten von Stress und Potenzstörungen lesen Sie im Lexikon)

So viel Druck verträgt die Libido nicht. "Sex, Lust, Erregung sind nun einmal eine komplexe Angelegenheit und nicht, wie die Wissenschaft lange dachte, ein Trieb, der einen überkommt und dem man einfach nicht entgehen kann", sagt Margret Hauch. Die fein aufeinander abgestimmten Abläufe zwischen Hirn, Psyche, Hormonen und Geschlechtsorganen müssen harmonieren, wenn Sex wirklich Spaß machen soll. Und diese Balance ist störanfällig.

"Sexuelle Probleme sind fast immer lösbar"

Die Hamburger Sexualtherapeutin Hauch erlebt immer wieder, wie sehr Liebende leiden, wenn es mit dem Sex hapert. Doch sie kann in den allermeisten Fällen trösten: "Sexuelle Probleme sind fast immer lösbar, man muss sich also nicht damit abfinden." Nicht immer ist gleich der Gang zum Urologen oder Gynäkologen nötig, nicht immer eine langwierige Sexualtherapie. Oft reicht es, ein paar recht praktische Regeln zu beherzigen, um den Druck aus der sensiblen Sache Sex herauszunehmen. Denn wer es schon mal probiert hat, weiß: Entspannter kommt besser.

Regel 1:

Warten Sie nicht auf gemeinsame Lust!
Karriere machen, Freunde treffen, Kino, Sport - angesichts des Programms, das sich viele Paare zumuten, wundert sich der Hannoveraner Sexualmediziner und -psychologe Uwe Hartmann manchmal, dass sie überhaupt noch Sex haben. Wenn sie denn welchen haben. Denn für Erotik braucht der Organismus eine gewisse Muße. Damit Lust und Erregung aufkommen können, muss der so genannte parasympathische Teil des Nervensystems überwiegen, und das geht nur, wenn wir Ruhe finden. Stress dagegen regt das sympathische, aktivierende Nervensystem an.

"Wer chronisch gestresst ist, schafft diesen Übergang zwischen Sympathikus und Parasympathikus nicht mehr", erklärt der Psychologe. "Dann hängt man abends erschöpft auf dem Sofa, ist aber nicht entspannt." Und wieder einmal fällt der Liebesakt dem hektischen Alltag zum Opfer.

Warum eigentlich? Als Hindernis entpuppt sich häufig eine höchst verbreitete Vorstellung: ohne Lust kein Sex, denn guter Sex ist spontan. Sagt man den abendlichen Tennistermin ab, nur weil der Tag so verdammt stressig war? Meistens nicht. Man rafft sich auf und geht trotzdem hin - und ist nachher glücklich, es getan zu haben.

Genauso kann das beim Sex funktionieren: Wenn sie Lust hat, er aber noch müde vor sich hin brummt, kann sie ja mal anfangen, mal sehen, was kommt. Oder beide verabreden sich - wenn die Kinder im Bett sind, heute abend um neun. Der Spaß darf sich auch bei dieser Disziplin erst beim Machen einstellen.

Regel 2:

Akzeptieren Sie, dass nicht immer beide dasselbe wollen - und feilschen Sie!
Jeder Mensch hat sein eigenes Set aus Wünschen, Vorlieben und Abneigungen - sein persönliches Lustprofil. Das ist nie vollkommen identisch mit dem des Partners, und das ist gut so, wissen Experten, denn gerade die Unterschiede schaffen erotische Spannung. Doch um Konflikte und Diskussionen zu vermeiden, schweigen viele Paare diese Unterschiede einfach weg.

Stattdessen einigen sie sich unausgesprochen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner - sie beschränken sich auf das, was vermutlich beiden gefällt. Das Ergebnis: Standard-Sex ohne viel Abwechslung. Das macht kein Paar auf Dauer glücklich. Damit die Lust nicht vollends in Routine und Langeweile erstirbt, sollten Paare ihre erotische Schnittmenge mit schöner Regelmäßigkeit neu ausloten. "Viele glauben, sich gegenseitig wahnsinnig gut zu kennen", sagt Margret Hauch, "doch das ist ein Irrtum. Wenn beide es wagen, mehr von sich und den eigenen Wünschen zu zeigen, wird es immer wieder Überraschungen geben."

Meist stellt sich dann heraus, dass der gemeinsame Nenner größer ist, als zuvor gedacht. Und dass die Spielmasse möglicherweise durch freiwillige Angebote erweitert werden kann. Beispiel: Seit Jahren verzichtet der Mann auf den geliebten Oralsex, weil er weiß, dass seine Partnerin das nur mäßig toll findet - vielleicht hätte sie aber gar nichts dagegen, ihm zuliebe ab und zu den Mund zu reichen. Dafür massiert er ihr beim nächsten Mal geduldig den Rücken, anstatt, wie sonst, nach zwei Minuten zur Sache zu kommen.

Über Wünsche zu verhandeln, erweitert das Spektrum der Möglichkeiten ungemein. Und schafft Gelassenheit: Wenn sie ihm nach seinem anstrengenden Meetingmarathon einen Quickie gönnt, nimmt sie ihm den Druck, jetzt auch noch eine tolle Performance mit Vorspiel und allem Drum und Dran hinlegen zu müssen. Da würde er sich nämlich lieber vor den Fernseher verkrümeln, mit dem unguten Gefühl einer schwächelnden Potenz. So aber werden beide froh, denn am Wochenende, wenn er entspannter ist, zahlt er ihr die genossenen Wonnen zurück: Langversion, inklusive Wein und Kerzenschein.

Regel 3:

Reden Sie über Ihre Wünsche! Der einfachste Weg, um sexuelle Wünsche zu verwirklichen, ist: reden.
Kein Problem, sollte man meinen, schließlich wird doch in jeder Kneipe rege über Brüste, Schwänze und sexuelle Vorlieben geplaudert. Doch am Ort des Geschehens setzt die Mehrheit auf non-verbale Kommunikation. "Die meisten von uns versuchen, ihre Sehnsüchte und Gefühle durch eine Kombination von Stöhnen, Gesten, unverständlich gemurmelten Worten und heftigen Atemzügen mitzuteilen", konstatiert die amerikanische Sexexpertin Barbara Keesling in ihrem Buch "Sex Talk".

Auch Margret Hauch erstaunt es immer wieder, dass es die Menschen aller Aufgeklärtheit zum Trotz so selten schaffen, über ihre sexuellen Vorstellungen und Fantasien zu sprechen. Wie lässt sich denn sonst vermitteln, dass man gerne mal in einen Swingerclub gehen oder ein Sexspielzeug ausprobieren möchte?

Wie wenig zielführend diese Strategie ist, zeigen die Ergebnisse der eingangs erwähnten Göttinger Untersuchung. Gerade einmal 44 Prozent der Männer konnten die Frage, ob sie die sexuellen Wünsche ihrer Partnerin kennen, mit ja beantworten. Bei den Frauen war es nicht einmal ein Drittel. Frauen tun sich weniger schwer, ihre Wünsche zu formulieren, allerdings bleiben sie dabei oft vage.

Was heißt denn: "Fass meine Brüste an!"? Fest? Zart? Mit den Fingerspitzen oder der ganzen Hand? "Nur wenn man klar äußert, was man will, hat man eine realistische Chance, dass der Wunsch auch erfüllt wird", so Hauch. Allein schon dieser kleine Hinweis beschere vielen Paaren in der Hamburger Sexualberatung ein regelrechtes Aha-Erlebnis.

Zu Klartext rät die Psychologin ganz explizit dann, wenn einem der Liebenden weniger zusagt, was gerade getrieben wird. Wer das stumm erträgt, tut es meist, weil er befürchtet, sein Herzblatt zu kränken. "Ein Nein heißt aber zunächst nur: Ich mag das jetzt gerade in diesem Moment nicht so gern."

Falls sich doch einer aufrafft, geschieht das nicht selten am Küchentisch. Tief Luft holen und dann raus damit, so schwer es auch fällt. Dumm nur, wenn der andere sich dafür momentan nicht erwärmen kann, weil seine Gedanken ganz woanders sind. Je mehr Überwindung es gekostet hat, umso tiefer gekränkt schleicht man von dannen. Also rät Hauch: "Nicht drüber reden, sondern reden, wenn man dabei ist. Sagen, was einem beim Sex in den Sinn kommt, ist die beste Form der intimen Kommunikation."

Regel 4:

Entspannen Sie sich!
Runter mit den kitschigen Beglückungserwartungen. Beim Sex ist es wie in so vielen anderen Bereichen des Lebens auch: Manchmal gibt es Kaviar, manchmal muss man sich mit Hausmannskost begnügen. Und manchmal bleibt die Küche kalt.

"Guter Sex ist ohne mittelmäßigen Sex nicht zu haben", sagt Uwe Hartmann. Wenn Paare das akzeptieren, und bei einer verpatzten Nummer auch mal ein Lachen drin ist, ist viel erreicht.

Sex macht Lust auf mehr Sex

Der Sexualtherapeut Hartmann empfiehlt regelmäßige Standortbestimmungen: "Setzen Sie sich entspannt zusammen und hinterfragen kritisch, was eigentlich passiert, wenn Sie beide Liebe machen." Sind wir zufrieden? Ist es Routine? Schöne oder langweilige Routine? Wann haben wir das letzte Mal etwas Neues aneinander kennen gelernt? "Ein solches Gespräch wirkt bei vielen Paaren wie ein Aphrodisiakum." Das ist gut, denn wie die neuesten Forschungsergebnisse zeigen, gibt es ein höchst effektives Mittel zur Förderung des Verlangens: Sex! Der macht nämlich ganz automatisch Lust auf mehr. Also ab zwischen die Laken.

Wahre Freiheit könnte aber auch anders aussehen: Lassen Sie die Experten Experten sein und gucken Sie mit Wein und Kerze ausgerüstet zusammen "Tatort". Irgendeiner kommt immer.

Mitarbeit: Karolin Leyendecker GesundLeben

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