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Studienplatzvergabe: Einschreibchaos an Hochschulen dauert an

Frühestens im Herbst 2011 wird die neue Computer- Software für die Studienzulassung in Numerus-clausus-Fächern bundesweit einsatzbereit sein. Bis dahin werden Studienbewerber weiter leben müssen mit einem bürokratischem Einschreibchaos an den Universitäten, komplizierten Nachrückverfahren und verspäteten Zulassungen.

Frühestens im Herbst 2011 wird die neue Computer- Software für die Studienzulassung in Numerus-clausus-Fächern bundesweit einsatzbereit sein. Bis dahin werden Studienbewerber weiter leben müssen mit einem bürokratischem Einschreibchaos an den Universitäten, komplizierten Nachrückverfahren und verspäteten Zulassungen - während der Vorlesungsbetrieb längst begonnen hat.

Der Bericht, über den eine Staatssekretärsrunde der Kultusminister an diesem Donnerstag in Berlin berät, trägt den Vermerk "Achtung Verschweigefrist". Denn die Zahlen der internen Erhebung aus diesem Wintersemester haben es in sich: "Mindestens 18 000 Studienplätze" waren Anfang November - vier Wochen nach Beginn des Semesterstarts - wegen unzureichender Organisation immer noch nicht besetzt.

Betroffen sind alle Disziplinen, voran Jura und die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, aber auch Studiengänge der Ingenieur- und Naturwissenschaften - alles Fächer, bei denen es jeweils mehr Bewerber als Plätze gibt. Die zwischen den Universitäten fehlende Abstimmung bei Mehrfachbewerbungen von Abiturienten führt häufig zur gleichzeitigen Zulassung an mehreren Hochschulorten - und damit zur Blockade der dringend benötigten Studienkapazitäten.

Die Folge sind komplizierte Nachrückverfahren. Das klappt manchmal gut, manchmal auch weniger. An der Uni Mainz zum Beispiel waren im Schnitt nur zwei Nachrückerrunden nötig, in Würzung waren es dagegen je nach Fach bis zu acht - die sich laut Bericht bis zum 17. November hinzogen. Zwar ist inzwischen die Gesamtzahl der noch offenen Plätze durch eine in diesem Jahr erstmals eingesetzte bundesweite Internet- Studienplatzbörse weiter zurückgegangen. Doch insbesondere in den verschulten neuen Bachelor-Studiengängen bedeutet der verspätete Studieneinstieg besonders für junge und hochschulunerfahrene Anfänger erhebliche Probleme, wird in dem Bericht offen eingeräumt.

Dabei war das Chaos seit Jahren absehbar. 2001 empfahl der Wissenschaftsrat, den Hochschulen die Auswahl ihrer Studenten weitgehend selbst zu übertragen. Die Rektoren jubelten, als danach die Arbeit der von ihnen ungeliebten Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in Dortmund Zug um Zug beschränkt und nur noch auf die Fächer Medizin und Pharmazie reduziert wurde. Doch seit 2003/2004 mehren sich Klagen über Doppelzulassungen und ungenutzte Kapazitäten. Über eine neue Form des Datenabgleichs wollten - oder konnten - sich die Rektoren viele Jahre nicht verständigen.

Erst im März 2009 einigten sich Bund, Länder, Rektoren und ZVS nach langem Streit und gegenseitigen Schuldzuweisungen auf ein Internet gestütztes "dialogorientiertes Serviceverfahren". Doch ein solches kompliziertes System, bei dem ein Bewerber bei Erteilung der Studienzulassung automatisch für andere Hochschulen gesperrt wird, lässt sich nicht in Windeseile einsatzfähig machen. Der Bund gibt 15 Millionen Euro für die Startphase. Der Weiterbetrieb ist finanziell noch nicht geklärt. Auch ist die Teilnahme der Hochschule nicht verbindlich. Dabei werden sich die Probleme deutlich verschärfen, wenn die Bewerber aus den doppelten Abiturjahrgängen infolge der Schulzeitverkürzung an die Uni-Tore klopfen.

Dabei kam es in der Vergangenheit mancher Fakultät nicht ungelegen, wenn der eine oder andere Studienplatz gerade in den NC- Fächern unbesetzt blieb - und sich dadurch die Studiensituation für Lehrende wie Studierende verbesserte. Doch das Verfassungsgericht hat hier einen strengen Riegel vorgeschoben und den Hochschulen die "erschöpfende Nutzung" ihrer Ausbildungskapazitäten auferlegt. Ein gutes Dutzend Rechtsanwälte hat sich inzwischen darauf spezialisiert, bundesweit unbesetzte NC-Studienplätze aufzuspüren und abgewiesene Bewerber für Honorare ab 3000 Euro aufwärts ins Studium einzuklagen.

Fachjuristen beobachten zudem an einigen Fakultäten einen neuen Trend, sich zu große Anfängerzahlen vom Hals zu halten - nämlich eine Häufung von vorgeschalteten Eignungsfeststellungsverfahren. Ziel ist es dabei, erst gar nicht alle Interessierten zur eigentlichen Auswahlrunde vorzulassen. So können unter Umständen Studienplätze "mangels Bewerber" unbesetzt bleiben und die Vorgaben der Kapazitätsverordnung unterlaufen werden.

Doch seit die Länder im Rahmen des Hochschulpaktes vom Bund für jeden zusätzlich eingeschriebenen Studienanfänger einen kräftigen Geldzuschuss erhalten, wird das in den Länderministerien mit Argwohn beobachtet. Denn bleiben 18 000 Studienplätze in den NC-Fächern tatsächlich über ein ganzes Semester hinweg unbesetzt, entstünde so ein Schaden von mindestens 50 Millionen Euro.

DPA / DPA
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