Studium im Osten Weiter weg als Neapel


Die guten Bewertungen in den Rankings, die professionelle Studienberatung, überschaubare Strukturen statt Massenunis - dies alles spricht für ein Studium in den neuen Bundesländern.

Die pommersche Universität Greifswald stand auf der Studien-Wunschliste von Friederike Neher an erster Stelle. Die 24-jährige Medizinstudentin wuchs in Kempten im Allgäu auf und entschied sich vor drei Jahren trotz der Entfernung ganz bewusst für die Uni in Ostseenähe. Die gute Bewertung in den Rankings, die professionelle Studienberatung, überschaubare Strukturen statt Massenuniversität und die Lage Greifswalds am Meer - das waren die Gründe der jungen Frau für die Studienortwahl. Bereut habe sie die Entscheidung nie, sagt sie. "Obwohl Greifswald weiter von Kempten entfernt liegt als Neapel."

Mehr als 10.400 Studenten zählt die Uni Greifswald im Jahr 2004. Noch nie studierten so viele junge Leute aus den Alt-Bundesländern im äußersten Nordosten Deutschlands wie in diesem Jahr. Jeder Vierte kommt mittlerweile aus München, Bielefeld oder Köln. Bei knapp 200 Studienplätzen im ZVS-Fach Medizin gaben fast 700 Bewerber Greifswald als ersten Studienwunsch an.

Das Ranking von stern und dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) empfiehlt den Abiturienten, die gut betreut und schnell zum Abschluss kommen wollen, Ost-Hochschulen. Wer allerdings in die Forschung strebt, sollte sich Richtung Westen orientieren. "Wenn es um die Studienbedingungen geht, sind die Unis im Osten die klaren Sieger. Bei den Forschungsgeldern punkten die Traditionshochschulen im Westen wie Heidelberg und Tübingen", heißt es beispielsweise in der CHE-Bewertung zum Studienfach Medizin.

Junge Leute um die 40 wurden zu Professoren berufen

Die Vermutung, dass die Lehre an den Ost-Unis ein Relikt aus dem verschulten DDR-Hochschulsystem sei, weist der Greifswalder Rektor Rainer Westermann allerdings energisch zurück. Viele der von den Studenten gelobten Fächer, wie die Psychologie, seien nach der Wende neu aufgebaut worden. Junge Leute um die 40 wurden zu Professoren berufen. "Es gab keine alteingesessenen Platzhirsche, keine festgezurrten Strukturen. Aus der Situation des Aufbaus ist ein großes Engagement entstanden", erinnert sich der Psychologe, der 1994 als 44-Jähriger nach Greifswald wechselte.

Doch unter dem Sparzwang in den Ost-Bundesländern droht den Universitäten der Verlust ihres guten Rufes. Allein 150 Mitarbeiterstellen werden bis 2007 rein rechnerisch in Greifswald wegfallen, weil das Land Mecklenburg-Vorpommern pro Jahr den Hochschuletat nur um 1,5 Prozent pro Jahr aufstockt. Mit diesem Minimalzuwachs kann die Uni nicht einmal die festgelegten Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst zahlen. Schon jetzt sind in Fächern wie Germanistik oder Kommunikationswissenschaften Seminare und Vorlesungen gnadenlos überfüllt. "Um die Qualität halten zu können, werden wir massiv Fächer reduzieren müssen", sagt Westermann.

Im Studienalltag spielt das Ost-West-Thema kaum noch eine Rolle

Noch hat der Osten einen weiteren Vorteil gegenüber den Altbundesländern: Studieren ist billiger. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln haben Ost-Studenten während des Studiums rund 43.600 Euro für die Lebenshaltung und damit rund 10.500 Euro weniger ausgegeben als ihre Westkollegen.

Im Studentenalltag spielt das Ost-West-Thema 15 Jahre nach der Wende kaum noch eine Rolle. Der Freundeskreis von Friederike Neher geht "querbeet". Die unterschiedlichen Biografien seien eher bereichernd, sagt die 24-Jährige. "Die Mentalitätsunterschiede zwischen Nord und Süd sind viel größer."

Martina Rathke, dpa


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