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Wahrnehmung: Gesichtserkennung klappt nur unter Artgenossen

Im Alltag ist es wichtig, sein Gegenüber rasch richtig einschätzen zu können. Informationen aus Gesichtern ablesen zu können, ist dabei hilfreich. Doch das funktioniert nur unter Artgenossen, haben Wissenschaftler herausgefunden.

Gesichter wiedererkennen und einordnen zu können war und ist eine überlebenswichtige evolutionäre Eigenschaft. Allerdings dient sie sowohl bei Menschen als auch bei Affen vorrangig zur Erkennung von Artgenossen, wie deutsche und südkoreanische Forscher nun herausgefunden haben.

Christoph Dahl vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen und seine Kollegen zeigten Makaken sowohl Bilder von Artgenossen als auch von Menschen. Dabei erkannten die Affen sofort, wenn Bilder ihrer Artgenossen grotesk verzerrt dargestellt worden waren, ignorierten dies jedoch bei den Menschenbildern. Genauso erging es Menschen, die Affenbilder betrachten sollten, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B".

Sowohl Menschen als auch viele Affenarten erkennen Gruppenmitglieder innerhalb von Sekundenbruchteilen an ihrem Gesicht. Dabei wird nicht nacheinander jedes einzelne Merkmal wie Augen, Nase, Mund oder Kinnpartie überprüft, sondern das Gesicht als Einheit wahrgenommen. Dennoch fällt es normalerweise sofort auf, wenn Teile des Gesichts grotesk verzerrt oder gar verkehrt herum abgebildet werden. Diese Fähigkeit innerhalb der Gesichtserkennung funktioniert bei Menschen jedoch nicht mehr, wenn die Abbildung auf dem Kopf steht. Der als Thatcher Illusion bezeichnete Effekt beruht darauf, dass das Gesicht auf dem Kopf nicht mehr ganzheitlich verarbeitet werden kann.

Spezialisiert auf die Artgenossen

Die Forscher ließen 22 Menschen und drei Makaken zum Test antreten. Die fünf bis sieben Jahre alten Affen waren in Verbänden von 20 bis 30 Tieren gehalten worden, wodurch sie entsprechend Gelegenheit hatten, die Gesichter ihrer Artgenossen zu studieren. Menschliche Gesichter waren ihnen fremd, da ihre Pfleger stets Masken getragen hatten. Die menschlichen Probanden waren weder mit dem Effekt der Thatcher Illusion noch mit Makaken näher vertraut.

Alle Versuchsteilnehmer bekamen nun Bilder von Artgenossen und Angehörigen der anderen Gruppe gezeigt: normale Bilder, kopfstehende normale Bilder, verzerrte und kopfstehende verzerrte Versionen. Dabei zeichneten die Forscher ihre Augenbewegungen mit Hilfe eines Blickverfolgungsgeräts auf.

Die Ergebnisse von Menschen und Affen stimmten überein: Wenn ein Bild die aufrechte, aber verzerrte Version eines Artgenossen zeigte, ruhte ihr Blick besonders lange darauf - ein Zeichen dafür, dass ihnen aufgefallen war, dass etwas mit dem Bild nicht stimmte. Zwischen dem kopfstehenden normalen und dem kopfstehenden verzerrten Bild gab es hingegen nur geringfügige Unterschiede in der Verweildauer. Bekamen Menschen verzerrte Affengesichter gezeigt, erkannten sie die Unterschiede zur normalen Abbildung weder in der kopfstehenden noch in der aufrechten Variante - die Verweildauer war hier ebenfalls in beiden Fälle etwa gleich. Umgekehrt fanden die Affen offensichtlich nichts Ungewöhnliches an den abnormalen Menschenbildern.

Die Forscher sehen darin einen weiteren Beweis für die These, dass bei der Gesichtserkennung eine Spezialisierung auf Artgenossen vorliegt: Beim täglichen Umgang miteinander ist es besonders wichtig, ein Gegenüber rasch richtig einordnen und Informationen aus seinem Gesicht ablesen zu können.

lea/DDP / DDP