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Geheimdienste 007 war gestern: Wie Gesichtserkennung und Dauerüberwachung die Spionage verändern

Die Überwachung durch staatliche Stellen nimmt weltweit zu
Die Überwachung durch staatliche Stellen nimmt weltweit zu
© Ignatiev / Getty Images
Mit Tarnidentität in die Höhle des Löwen: Spione in anderen Staaten gehörten für Geheimdienste lange zu den wichtigsten Informationsquellen. Nun müssen sie umdenken.

Ein Blick in die Kameras der U-Bahn, der Standort bei der Nutzung von sozialen Netzwerken, die gespeicherte Suche bei Google: Jeden Tag hinterlassen wir einen stetig zunehmende Strom von Daten, der von Unternehmen und teilweise auch Regierungen begierig ausgewertet wird. Doch was dem Durchschnittsbürger in der Regel nur gruselig maßgeschneiderte Werbeanzeigen beschert, wird für Spione rund um den Globus zur immer größeren Gefahr. Und lässt die klassische Spitzelarbeit immer schwieriger werden.

Die Zeiten, in denen ein Geheimdienstmitarbeiter mit einem Koffer voller falscher Pässe unentdeckt durch die Welt reisen konnte, sind vermutlich bald endgültig vorbei, zeigt ein ausführlicher Bericht des "Wall Street Journal". "Es ist wirklich schlimm", berichtete ein ehemaliger Offizier der US-Spionageabwehr der Zeitung. Neben der zunehmenden Videoüberwachung rund um die Welt wären es vor allem Fortschritte bei der Erkennung von biometrischen Daten und der ständige Informationsstrom unserer Smartphones, die die Arbeit erschweren würden. "Es verändert ganz grundlegend, wie mit welchen Annahmen und Ansätzen wir unserem Geschäft nachgehen."

Falle technischer Fortschritt

Reichte es früher oft aus, einen modifizierten Pass auszustellen, um mit einer neuen Identität ausgestattet in den Grenzen eines anderen Staates weitgehend unerkannt Informationen zu sammeln, ist das angesichts automatisierter Dauerüberwachung kaum noch möglich. Es sei "erheblich schwerer, im Verborgenen zu bleiben und heimlich zu operieren, ohne eine Aufdeckung zu riskieren - von sich selbst, den Agenten und den geheimdienstlichen Methoden", klagte ein Bericht eines Thinktanks über die aktuellen Probleme des US-Auslandsgeheimdienstes CIA.

Die Hürden sind dabei so vielseitig wie die Menge der gesammelten Daten. Die offensichtlichste ist die Kombination aus der global immer weiter ausgebauten ständigen Überwachung durch Videokameras in Verbindung mit Gesichtserkennung. Sie macht es nicht nur schwieriger, unter falscher Identität einzureisen. Sondern sorgt auch dafür, dass die Agenten kaum Informationen sammeln können, ohne auf Schritt und Tritt dabei beobachtet zu werden. Hinzu kommen die auskunftsfreudigen Datenströme des modernen Lebens wie Smartphones, Kreditkarten oder soziale Medien.

"Die klassischen Elemente der Spionage sind zerstört"

Tarnidentitäten seien so kaum aufrecht zu erhalten, erklärt der ehemalige CIA-Standortleiter Duyane Norman der Zeitung. Er ist überzeugt: ist überzeugt: "Die klassischen Elemente der Spionage sind zerstört." Wie soll ein Agent glaubwürdig eine Scheinidentität als Geschäftsmann oder gewöhnlicher Regierungsvertreter wahren, wenn er sich durch Kameras und Standortdaten nachweisbar quasi nie im Büro aufhält? Ein Smartphone ganz wegzulassen, ist allerdings ebenso verdächtig.

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In knapp 30 Ländern wäre es für die Gegenspione daher gar nicht mehr nötig, den potenziellen Agenten noch physisch zu folgen, erklärte die damalige Technologie-Chefin der CIA, Dawn Meyerriecks bereits 2018 in einer Rede. "Zwischen Kameraüberwachung und digitaler Infrastruktur ist die Überwachung gut genug, um das nicht mehr zu müssen." Vor allem in autoritären Staaten wie Russland oder China gäbe es kaum Möglichkeiten, sich der Dauerüberwachung mit klassischen Methoden zu entziehen, da dort der Auswertung der Daten durch den Staat kaum Grenzen gesetzt wären. Schon jetzt warnte das CIA, dass eine gestiegene Anzahl von Informanten enttarnt und verhaftet würde, berichtet die "New York Times".

Teamsport

Die Geheimdienste müssen nun also nach neuen Wegen suchen, unentdeckt an Informationen zu kommen. Und das nicht nur in technologischer Hinsicht, wie etwa beim Fälschen von Mobilfunk-Standortdaten. Statt eines Einzelgängers im Stile eines James Bond werden zunehmend ganze Teams eingesetzt. Meyerriecks berichtete in ihrer Rede 2018 von einem CIA-Feldversuch, in dem ein Team gezielt die Sicherheitskameras in einer nicht genannten Großstadt eines US-Gegners umging. Dazu listete man sämtliche Überwachungskameras, inklusive ihrer Ausrichtung. Mittels künstlicher Intelligenz konnten dann überwachungsfreie Routen durch die Stadt geplant werden. Während der Spion sich durch die Stadt bewegte, meldete ihm sein Team über eine Smartwatch, ob er beobachtet wurde oder nicht und gab Anweisungen. 

Weil ein solches Vorgehen natürlich erheblich aufwendiger ist, müssen die Geheimdienste sich fokussieren. "Es werden insgesamt weniger Missionen", glaubt Norman. Auch die Anzahl der rekrutierten Bürger vor Ort sinke. "Man steckt erheblich mehr Energie in die wenigen wichtigen Missionen."

Maulwurf statt Scheinidentität

Der falsche Pass dürfte aber eher der Vergangenheit angehören. "Es ist zunehmend schwieriger, sich hinter einer falschen Identität zu verstecken", sagte ein ehemaliger Geheimdienstler der Zeitung. Die Agenten dürften daher zunehmend unter echtem Namen einreisen. Und ihre Tarnidentität tatsächlich leben. Also wirklich dem vorgeblichen Tagwerk als Angestellter, Akademiker oder Geschäftsmann nachgehen. Und die Spionage nebenbei erledigen.

Das erinnert nicht zufällig an Spionage-Serien wie "The Americans". In den letzten Jahren wurde dieser Ansatz von den russischen und chinesischen Geheimdiensten immer weiter ausgebaut, sagte der ehemaligen Gegenspionage-Offizier William Evanina dem "Journal". Und auch die Amerikaner scheinen bereits länger so zu agieren, um Agenten in andere Länder zu schleusen. "Das wäre eine ziemlich gute Annahme", erklärte Evanina darauf angesprochen.

Quelle: Wall Street Journal, New York Times


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