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Wahrnehmungs-Experiment: Chefs müssen nicht unbedingt schlau aussehen - aber gesund

Leicht gebräunt und rosig - so hat ein Chef auszusehen: Laut einer Studie verknüpfen Menschen gesundes Aussehen offenbar mit besseren Führungsqualitäten. Intelligenz ist ihnen nicht ganz so wichtig.

Braun gebrannte und rosige Gesichter wirken gesünder als blasse.

Braun gebrannte und rosige Gesichter wirken gesünder als blasse.

Im Jahr 2005 war Angela Merkel plötzlich schön: Ungewöhnlich braun und ebenmäßig lächelte ihr Gesicht von den Plakaten, die die CDU zur Bundestagswahl ausgehängt hatte. Das aprikosenfarbene Jakett, die orangene Kette, der herbstrote Lippenstift - alles Kulisse, die die neuerdings gesunde Hautfarbe der einst als "graue Maus" bekannten Politikerin betonen sollte. Auch ihr damaliger Konkurrent Gerhard Schröder hätte auf den Wahlplakaten kaum erholter aussehen können.

Ein Zufall? Wohl kaum. Die Kandidaten hatten vermutlich auf den guten Rat ihrer PR-Berater gehört: Attraktivität begünstigt Erfolg und macht beliebt. Wer beruflich weiterkommen möchte, sollte also idealerweise auch gut aussehen. Für den Aufstieg in die Chefetage scheint vor allem ein vital wirkendes Äußeres wichtig zu sein: Wie eine neue Untersuchung zeigt, verknüpfen Menschen rosige und leicht gebräunte Gesichter mit besseren Führungsqualitäten als fahle und blasse. Ob die Menschen intelligent wirken, erwies sich hingegen als zweitrangig.

Das Experiment

Mithilfe eines Computerprogramms gestalteteten Spisak und sein Team zunächst verschiedene Männergesichter, die unterschiedlich klug und gesund erscheinen sollten. Einem verpassten sie etwa hohe Wangenknochen und eher feine Züge, die Menschen älteren Studien zufolge als intelligent einstufen. Eine andere Ausführung des gleichen Gesichts versahen sie dagegen mit eher groben, rundlichen Formen, die Menschen tendenziell mit geringerer Intelligenz verbinden. Zusätzlich färbten die Forscher die Haut der Gesichter unterschiedlich: Von beiden erschufen sie eine blasse und eine leicht gebräunte, rosige Version. Letztere deute auf einen gesteigerten Obst- und Gemüseverzehr hin und werde generell als gesünder wahrgenommen, so die Annahme.

Für das Experiment rekrutierten die Wissenschaftler im Internet rund 150 Probanden, die online einige Aufgaben bewältigen sollten. Unter anderem sollten sie sich eine Reihe von Szenarien aus der Wirtschaftswelt vorstellen: etwa einen harten Konkurrenzkampf zwischen zwei Firmen, die Neuverhandlung einer Zusammenarbeit sowie die Erschließung eines neuen Marktes. Zu jedem dieser Szenarien präsentierten die Forscher den Probanden nun eine Auswahl aus den zuvor kreierten Gesichtern. Sie sollten für jede Herausforderung den Chef auswählen, der diese ihrer Meinung nach am souveränsten meistern würde.

Gesundheit ist immer wichtig

Dabei zeigte sich, dass der perfekte Boss vor allem eines sein sollte: gesund - oder zumindest leicht gebräunt oder rosig. In 70 Prozent der gezeigten Szenario-Gesichts-Kombinationen zogen die Probanden Führungskräfte mit rosigem Gesicht den blasseren Alternativen vor - egal, um welche Aufgabe es ging. Intelligenz schien dagegen nicht ganz so wichtig zu sein. Die klug wirkenden Chefs gewannen nur in bestimmten Szenarien deutlich gegen die mit den eher dummen Gesichtszügen: etwa, wenn es um die Kooperation zwischen zwei Firmen ging. Spisak ist der Meinung, dass das an den besonderen Anforderungen liegt, die diese Aufgabe an Führungskräfte stellt: "Die Zusammenarbeit zwischen zwei Gruppen zu erhalten, ist eine anspruchsvolle Aufgabe, weil man taktisch und strategisch denken muss und zudem noch Empathie benötigt", sagt er.

Im Allgemeinen sei ein gesundes Äußeres für Anwärter auf Führungspositionen jedoch von größerer Bedeutung als eine kluge Erscheinung. "Während intelligentes Aussehen nur in ganz bestimmten Kontexten ein Pluspunkt zu sein scheint, wird Gesundheit generell und in allen möglichen Situationen als wichtig wahrgenommen", fasst er zusammen.

Die Macht der Schönheit

Insgesamt untermauere die Studie, was bereits viele ältere Untersuchungen gezeigt haben: Nicht nur Können entscheidet, wer die oberste Sprosse der Karriereleiter erreicht. Wichtig ist auch die Erscheinung. "Das erklärt, warum Politiker oft so viel Zeit, Aufwand und Energie in ihr Äußeres investieren. Es zahlt sich aus", sagt Spisak.

Dass gut aussehende Politiker mehr Erfolg in Wahlkämpfen haben, zeigten schon andere Untersuchungen. Und auch bei anderen wichtigen Entscheidungen lassen sich Menschen vom Äußeren blenden: Eine Studie aus dem Jahr 2012 ergab zum Beispiel, dass Investoren Antragstellern, die auf den ersten Blick nicht vertrauenswürdig erscheinen, ungerne Geld geben - selbst wenn sie gute Referenzen vorweisen können.

Von Äußerlichkeiten auf tatsächliche Charaktereigenschaften oder Fähigkeiten zu schließen, ist also offenkundig menschlich - kann allerdings fatale Folgen haben: Es gibt Hinweise darauf, dass Personen, die unehrlich und nicht vertrauenswürdig wirken, überdurchschnittlich häufig verurteilt werden und oft ein höheres Strafmaß erhalten. Dabei ist das Gesicht keineswegs ein verlässliches Zeugnis der Persönlichkeit eines Menschen. Unsere Mimik kann zwar viel über unsere Stimmung und manche Charaktermerkmale verraten. Doch es gibt keinen Beweis dafür, dass Intelligenz, Ehrlichkeit oder Vertrauenswürdigkeit sich in unseren Gesichtszügen widerspiegelt.

Lydia Klöckner