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Weihnachten in der Arktis 1200 Kilometer bis zum Nordpol: Weihnachten auf einer Forschungsstation im ewigen Eis

Das "blaue Haus" ist das Herz der AWIPEV-Station auf Spitzbergen
Das "blaue Haus" ist das Herz der AWIPEV-Station auf Spitzbergen
© Jens Büttner / Picture Alliance
Die deutsch-französische Forschungsstation AWIPEV befindet sich in einer der nördlichsten Siedlungen der Welt, auf Spitzbergen. Wie feiern die Forscher hier, mitten in der Arktis, Weihnachten?

Wer wohnt am Nordpol? Na, der Weihnachtsmann natürlich. Mit einem Haufen Rentiere, hilfreichen Elfen und seiner Frau. So jedenfalls erzählen es uns zahllose Hollywood-Weihnachtsfilme. Wie Weihnachten in der Arktis tatsächlich abläuft, verriet uns Bettina Haupt, die als Stationsleiterin der vom deutschen Alfred-Wegener-Institut (AWI) und dem französischen Institute Paul Emile Victor (IPEV) betriebenen Forschungsstation AWIPEV die Feiertage am Polarkreis verbringt.

So ganz am Nordpol sei man hier zwar nicht, sagt man dem stern beim Alfred-Wegener-Institut direkt, es seien schon noch 1200 Kilometer. Aber viel näher als Ny-Ålesund auf Spitzbergen kommt man nicht an ihn ran, wenn man nicht gerade eine Expedition plant. Der kleine Ort auf 78° nördlicher Breite ist eine der nördlichsten Siedlungen der Welt – und verfügt über das nördlichste Postamt der Welt. Er wird vor allem von Forschern bewohnt, die entweder für ein paar Monate im Sommer herkommen, oder bis zu zwei Jahre bleiben und auch im Winter hier ausharren.

Bettina Haupt ist für reibungslose Abläufe zuständig

Bettina Haupt ist seit Juni in Ny-Ålesund und fungiert als Stationsleiterin der AWIPEV. Sie sei "hauptsächlich für die Planung und die Organisation des reibungslosen Ablaufs der Forschungsprojekte und des laufenden Betriebs" verantwortlich, sagt sie. Das beinhaltet die "Planung der stationseigenen Ressourcen wie Boote, Labor- und Büroplätzen. Vor allem die Kommunikation und zeitliche Abstimmung mit den einzelnen Forschungsprojekten, also wer wann was genau wie lange benötigt."

AWI-Stationsleiterin Bettina Haupt und ihr Team
AWI-Stationsleiterin Bettina Haupt (M.) mit ihren Kollegen Sandra Grassl (l.) und Lukas Blijdorp (r.)

Das ist aber nicht alles. "Ein anderer wichtiger Punkt ist die Überprüfung, Einweisung und das Training der Forschenden in die notwendigen Sicherheitsregeln hier vor Ort, und die Sicherheitsausrüstung. Da wir hier in einer Umgebung arbeiten, in der neben Lawinen, Gletscherspalten und Meereis auch die Begegnung mit einem Eisbären nicht ausgeschlossen werden kann, bereiten wir unsere Gäste auch auf die Situationen vor, damit niemand, auch der Eisbär nicht, zu Schaden kommt."

Die Leipzigerin ist aber auch selbst Wissenschaftlerin: "Als promovierte Chemikerin beschäftigte ich mich vor allem mit Phänomenen in der unteren Atmosphäre – wie sichtbarer Luftverschmutzung. Besonders interessiert mich, welchen Einfluss die chemische Zusammensetzung der Feinstaubs in der Luft auf Niederschlagsbildung haben kann", erklärt sie dem stern.

Leben und Arbeiten im Polareis

Im Sommer befinden sich teils bis zu 120 Menschen im arktischen Forscherdorf. Im Winter wird es leerer dort – und stiller. "Im gesamten Forscherdorf sind derzeit etwa 35 Personen. Etwa 25 davon, mein Team eingeschlossen, werden Weihnachten und Neujahr hier gemeinsam verbringen", berichtet Bettina Haupt. Die Wissenschaftler hausen allerdings nicht, wie in einer WG, permanent in einem Gebäude: "Jedes Mitglied des AWIPEV-Stationsteam bewohnt ein eigenes kleines Apartment außerhalb des Gebäudes, in dem sich jeweils der Hauptarbeitsplatzes desjenigen Mitglieds befindet. Ein solcher eigener, vom Arbeitsplatz separatierter, Rückzugsort ist wirklich wichtig, um von der Arbeit auch abschalten zu können." Es gebe deshalb nie Streit um nicht abgewaschenes Geschirr, an geschäftigen Tagen sehe man sich manchmal kaum.

Ein Forscher mit einem Wetterballon in der Eislandschaft von Ny-Ålesund
Ein Forscher mit einem Wetterballon in der Eislandschaft von Ny-Ålesund
© Jens Büttner / Picture Alliance

Momentan sehen Bettina Haupt und ihre engsten Kollegen, Observatoriumsingenieurin Sandra Grassl und Logistik-Ingenieur Lukas Blijdorp, sich aber regelmäßig – und das hat mit einem Präsent des Alfred-Wegender-Instituts in Potsdam zu tun. Dort hat es nämlich Tradition, "dem AWIPEV-Team einen themenspezifischen, selbstgemachten Adventskalender zu schicken", berichtet die Stationsleiterin. Deshalb "treffen wir uns täglich für das Öffnen einer neuen Tür. Das Thema dieses Jahres ist Gold und Silber." Zudem habe man immer die Möglichkeit, sich abends bei Brettspielen zusammenzusetzen.

Schnee, Landschaft und Polarlichter

Ist es eine Herausforderung oder ein Privileg, Weihnachten an diesem einsamen Ort im Eis zu verbringen? Bettina Haupt muss da nicht zweimal überlegen: "Leider kann ich die fantastische Umgebung nicht in Bilder pressen und auch jede Beschreibung gibt nur einen Bruchteil der tatsächlichen Intensität wieder, die diese Umgebung mit den Bergen, den Gletschern und dem Fjord auf mich hat."

"Ny-Ålesund ist zudem unter einen schönen weihnachtlichen Schneedecke, wie ich sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe, und gekrönt wird dies durch die grünen, gelben und roten Polarlichter am Himmel. Hinzu kommt die Gemeinschaft, in der ich mich auf jeden verlassen und jeden bitten kann, die den Ort trotz der Kälte zu Weihnachten koselig – kuschelig macht", schwärmt die Stationsleiterin.

"Weihnachten wird hier sehr traditionell gefeiert"

"Die Weihnachtszeit wird hier sehr ausführlich zelebriert", erzählt Haupt dem stern. "Offiziell begannen die ersten Weihnachtsveranstaltungen am ersten Dezember – mit dem Anbaden im eiskalten Fjord. An jedem weiteren Dezembertag gibt es eine andere Veranstaltung, an der alle Bewohner Ny-Ålesunds teilnehmen können: gemeinsames Lebkuchenhausbacken, Geschenke und Weihnachtskarten basteln, Wichteln, Glühwein- oder Feuerzangenbowle-Abende, den gemeinsamen Weihnachtsbaum beleuchten und schmücken oder das Festessen am Weihnachtsabend. Weihnachten wird hier im Forscherdorf sehr traditionell gefeiert."

Die Weihnachtszeit so nah am Nordpol kann auch Besonderheiten bieten, die es so in Deutschland eher nicht gibt: "Wir haben einen Weihnachtsbaumständer aus Gletschereis, welches als kleiner Eisberg an den Strand gespült und dann präpariert wurde."

Forschungsstation Awipev mit Weihnachtsbaum und bunt beleuchtetem Eis
Weihnachten wird auf der Forschungsstation intensiv gefeiert – und die Tanne hat hier einen Ständer aus Gletschereis
© Bettina Haupt/AWIPEV

Internet ist hier kein Problem, SMS sind es schon

Dank moderner Technik ist der Alltag in der Arktis relativ komfortabel. "Die Internetverbindung ist gut, ich kann ohne Probleme skypen, Videokonferenzen beiwohnen, online Games spielen oder Serien streamen." Eines müssen die temporären Bewohner aber beachten: "Da Ny-Ålesund eine radiofreie Umgebung ist, müssen Geräte und Instrumente, die Radiofrequenzen oder Bluetooth aussenden können – wie Funkuhren, Handys, einige Digitalkameras etc. – den Flugmodus aktiviert haben oder gar ganz ausgeschaltet werden, damit die sensiblen Satellitenempfangsgeräte vor Ort nicht gestört werden."

Ein Mobilfunknetz ist allerdings kaum bis gar nicht vorhanden. Das erschwert eines: "die Bezahlung per Internet, insbesondere mit den geforderten Bestätigungen per SMS, die wir hier nicht wirklich empfangen können. Da müssen wir andere Lösungen bemühen und zur Not die Familie bitten", berichtet Bettina Haupt.

Ein Gerätehaus der Station inmitten der Polarlandschaft
Ein Gerätehaus der Station inmitten der Polarlandschaft
© Jens Büttner / Picture Alliance

Magische Momente in der Arktis

Ansonsten mangelt es den Forschern auf der Station AWIPEV an nichts – abgesehen von Sonnenlicht im Winter. Da wird es auf Spitzbergen nämlich wochenlang nicht hell, und auch nicht wärmer als minus vierzehn Grad. "Wir haben Tageslichtlampen und Vitamine vor Ort. Zudem achtet die Kantine auf eine ausgewogene Ernährung mit frischem Gemüse und Obst. Es ist aber auch wichtig, selbst für ausreichend Schlaf und einen guten Tagesrhythmus mit ausreichend Bewegung an der frischen Luft zu sorgen. Ich spiele zweimal die Woche in der Sporthalle eine Art Hockey", sagt Bettina Haupt.

Die winterliche Dunkelheit machen andere Momente in Ny-Ålesund aber dreifach wieder wett. "Ich glaube, eines der Schlüsselerlebnisse war die erste Schule an Belugawalen im Fjord auf einem unsere Metallboote zu sehen", erinnert sich die Wissenschaftlerin. "Sonst kann man sich diese Tiere nur in einer Doku anschauen, aber sie direkt neben dem Boot in dieser großen Anzahl schwimmen zu sehen, hat mich doch stark beeindruckt. Glücklicherweise hielten sie einige Tage im Fjord auf, wo wir sie beobachten konnten, nur das einfangen solcher Momente mit einer Kamera ist schwieriger als gedacht."

Unter Heimweh leidet Bettina Haupt jedenfalls nicht. "Die gemeinsame Zeit mit daheimgebliebenen Freunden und Familie fehlt mir manchmal schon", sagt sie. "Abgesehen davon vermisse ich hier nicht viel, im Moment vielleicht ab und zu einen einsamen Sonnenstrahl und einen Spaziergang durch einen sonnigen Herbstwald." Aber den Stress und die Lichtverschmutzung in der Stadt – darauf könne sie gut verzichten.

Mehr Informationen zur Forschungsstation AWIPEV:  www.awipev.eu


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