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Für Umwelt, Mensch und Tiere Warum Mischwälder und ihr Artenreichtum immer wichtiger werden

Mischwälder werden immer wichtiger.
Ein Mischwald im Herbst. Artenreiche Wälder sind nicht nur schöner anzusehen, sie sind auch enorm wichtig für Umwelt, Tiere und die Wirtschaft.
© Armenia / Getty Images
Jahrhundertelang wurden in Deutschland Nadelbaum-Monokulturen gezüchtet – der ursprünglich vorhandene Mischwald wurde weit zurückgedrängt. Nun zeigt sich die Auswirkung der Monokulturen in instabilen Wäldern. Die Lösung? Der Waldumbau.

Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber vor etwa 7000 Jahren war ganz Mitteleuropa fast vollständig von Mischwäldern bedeckt. Die Menschen ernährten sich zu diesen Zeiten fast ausschließlich von Wurzeln, Pilzen, Früchten oder von Tieren, die sie auf der Jagd erbeuteten. Erst allmählich zähmten sie Schafe, Schweine und Rinder und gingen zum Ackerbau über. Aus Jägern und Sammlern wurden Bauern, die ersten Wälder wurden für Felder und Siedlungen gerodet.

Massive Schädigungen und Abholzung des Waldes

Bereits Ende des 13. Jahrhunderts drohte das Holz in Deutschland erstmals knapp zu werden – um 1500 war der Wald schon fast auf seine heutige Fläche zurückgedrängt. Große Flächen wurden für den Holzbedarf der wachsenden Städte und für immer neue Viehweiden gerodet. Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert steigerte die missliche Lage der Wälder noch weiter – durch vermehrt freigesetzte Stoffekam es zu massiven Schädigungen der Bäume.

Der sich verschlechternde Zustand der Wälder und die damit verbundenen schrumpfenden Holzvorräte zwangen die Menschen dazu, nachhaltiger zu wirtschaften. Es kam zur stetigen Umwandlung der Mischwälder in Nadelholzmonokulturen. Gerade die Fichte eignete sich ideal zum Bauen und lieferte in derselben Zeit drei Mal so viel Nutzholz wie eine Buche. Zudem wachsen reine Nadelbäume in Deutschland sehr gut – so konnte der Bestand zügig aufgebaut werden. Die Monokulturen zeigten allerdings bald ihre ökologische Labilität. Schädlingsbefall und Windwürfe richten in ihnen bis heute massive Schäden an.

Die dadurch verursachte Zerstörung des Waldes beeinflusste nicht nur die Holzproduktion, sondern auch die ursprünglichen Zwecke eines Mischwaldes – von der Regulierung des Wasserhaushaltes, über das Binden des Treibhausgases Kohlendioxyd bis zum Herausfiltern von Schadstoffen aus der Luft. Diese Aufgaben können viele Waldflächen heute nicht mehr erfüllen. Durch die Monokulturen nahmen Luftschadstoffe und Belastungen im Grundwasser in den letzten Jahrzehnten entsprechend enorm zu. Nicht zuletzt zeigt das seit den 1980er Jahren zu beobachtende "Waldsterben" – das verstärkt auftretende Absterben von Bäumen in Waldgebieten infolge zunehmender Umweltverschmutzung – die Dringlichkeit, die Wälder wieder zu artenreichen Mischkulturen umzubauen.

Was ist ein Mischwald?

Die Bundeswaldinventur definiert Mischwälder als Wälder, in denen Bäume aus mindestens zwei botanischen Gattungen vorkommen, wobei jede mindestens zehn Prozent Flächenanteil hat. Somit handelt es sich auch bei Buchenwäldern mit Eichen oder Fichtenwäldern mit Tannen um Mischwälder. Mischungen botanischer Arten derselben Gattung wie zum Beispiel von Stieleiche und Traubeneiche sind hingegen kein Mischwald. Bei der Unterscheidung zwischen Laubwald und Nadelwald gilt Laubwald als gemischt bei einem Anteil von zehn Prozent an Nadelbäumen, das gleiche gilt auch umgekehrt.

Warum sind Mischwälder so wichtig für die Umwelt?

Artenmischungen machen Wälder vor allem widerstandsfähiger. Durch ihre sich ergänzenden Kronen- und Wurzelsysteme sind Bäume in Mischwäldern oft besser mit Licht, Wasser und Bodennährstoffen versorgt. Somit sind sie resistenter gegen umweltbedingte Herausforderungen wie Trockenheit oder Schädlingsbefall.

Mischwälder bieten zudem zahlreichen Tier- und Pflanzenarten eine Vielzahl an ökologischen Nischen und können so eine große Artenvielfalt beherbergen. Wie Prof. Hans Pretzsch, Forscher und Leiter des Lehrstuhls für Waldwachstumskunde von der Technischen Universität München, in einer Pressemitteilung erklärt, sind Mischwälder als vielfältiger Lebensraum sehr wertvoll. 

Sie sind deutlich produktiver als forstliche Monokulturen. Das bestätigt eine internationale Überblickstudie, an der Pretzsch als Co-Autor beteiligt war. Die Studie erschien im Oktober 2016 im Sciene Magazin und untersucht die Beziehung zwischen Baumartenvielfalt in Wäldern und deren Zuwachsleistung, also ihrer Holzproduktivität. Dazu wurden 126 Fallstudien von gut 60 Flächen in fünf Kontinenten zum Einfluss von Mischwäldern auf die Produktivität ausgewertet und die Ergebnisse mit Daten zu Monokulturen verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen Baumartenvielfalt und Biomassezuwachs gibt. Die Biomasse bezeichnet alle organischen Stoffe pflanzlichen oder tierischen Ursprungs, die als Energieträger genutzt werden. Weit gefasst ist Biomasse also die gesamte durch Pflanzen, Tiere und Menschen anfallende oder erzeugte organische Substanz.

So wachsen also Wälder mit einer hohen Baumartenvielfalt weltweit deutlich besser und ertragreicher als Wälder in Monokulturen und weisen zudem eine hohe Resilienz auf. Monokulturen hingegen leiden mittlerweile stark unter den Auswirkungen der Klimakrise, da der Klimawandel die Produktivität und Interaktion der Baumarten im Wald deutlich beeinflusst. Laut den Forschern unterstützen Mischwälder hingegen den Klimaschutz durch vermehrte Speicherung von Kohlenstoff.

Mischbestände werden angesichts des Klimawandels und der steigenden ökologischen, ökonomischen und sozialen Anforderungen an den Wald weltweit an Bedeutung zunehmen, so Pretzsch.

Ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Nutzen

Ökologisch betrachtet bringen Mischwälder demnach einige Vorteile mit sich. Sie sind widerstandsfähig gegenüber Insekten oder Pilzen sowie Wetterbedingungen wie Wind, Schnee und Feuer. Durch die intensive Bodendurchwurzelung weisen sie nicht nur eine große Stabilität auf, sondern können zudem das Nährstoff- und Wasserangebot des Bodens optimal nutzen. Auch der ausgeprägte Kronenraum trägt zur Widerstandsfähigkeit und zum Schutz des Waldes bei. Die Mischkulturen führen nicht zuletzt zu günstigen Humusformen – die Humusform an sich ist ein landschaftsökologisches Hauptmerkmal und integratives Indiz für die ökologischen Standortverhältnisse. Sie bildet sich unter dem Einfluss des Standortklimas, der Feuchtebedingungen, der Vegetation, des Nährstoffzustandes sowie der biologischen Aktivität im Boden. Humus bezeichnet dabei die Gesamtheit der fein zersetzten organischen Substanz eines Bodens – vereinfacht gesagt also Material, das einmal im oder auf dem Boden gelebt hat und dann abgestorben ist. Humus im Boden macht schweren Boden durch seine krümelige Struktur lockerer, sodass Pflanzen besser in ihm wurzeln können. Zudem werden die Wurzeln besser belüftet. Nicht zuletzt kann Humus Nährstoffe speichern und so für Bäume und Pflanzen besser verfügbar machen. 

Auch für uns Menschen bringen Mischwälder direkte Vorteile mit sich. Sie sind attraktiver für Outdoor-Aktivitäten wie Spaziergänge oder das Waldbaden, liefern besseres Trinkwasserund schützen effektiv vor Naturgefahren, da sie durch ihre intensive und tiefe Durchwurzelung Hangrutschungen und andere Erosionsvorgänge abmildern oder sogar vollständig verhindern. Das ist vor allen Dingen in Alpenregionen von immensem Vorteil. Auch für Wild bieten sie Lebensraum.

Neben ökologischen und sozialen Vorteilen bringen Mischwälder auch wirtschaftlichen Nutzen mit sich. Wie die oben genannte Studie aus dem Jahr 2016 zeigt, lassen sich mit einem Mischwald höhere wirtschaftliche Erträge erzielen als mit Holz aus Monokulturen. Stabilere Bestände können direkte und indirekte Klimaschäden besser abpuffern. Bäume in Mischwäldern wachsen erheblich schneller und bieten zudem eine größere Palette an Holzarten, was zu geringeren Preisschwankungen auf dem Holzmarkt führt.

Wie kann man Mischwälder erfolgreich bewirtschaften?

Doch wie gelingt es, die heimischen Monokulturen wieder zurück in Mischwälder umzubauen? Das Vorgehen unterscheidet sich fallbezogen nach Alter des Baumbestands sowie der Ausgangssituation allgemein. Zum einen kann ein Mischwald mittels Naturverjüngung entstehen. Durch herabgefallene oder angeflogene Samen entsteht so neuer Bestand. Eine weitere Möglichkeit stellt der Voranbau da, wobei unter dem bestehenden Kronendach schattentolerante Baumarten angepflanzt werden. Auch Jungpflanzen können gezielt gruppenweise eingebracht oder auf Fehlstellen gepflanzt werden. Die Entnahme älterer Bäume schafft teilweise Licht und Raum für Nachkömmlinge. Bei allen Pflanzprojekten sollte jedoch der Wildbestand berücksichtigt werden. Damit die Aufforstung erfolgreich ist, müssen Jungbäume vor Wildverbiss – beispielsweise mit einem Forstzaun – geschützt werden.

Quellen: Technische Universität München, Natur.de, The Royal Society Publishing, Bundeswaldinventur, Bayerischer Rundfunk, Spektrum, Researchgate

Für Umwelt, Mensch und Tiere: Warum Mischwälder und ihr Artenreichtum immer wichtiger werden

Sehen Sie im Video: Wie können wir unsere Städte klimafreundlicher machen? Journalist Maik Meuser hat sich dafür auf der ganzen Welt umgesehen. 


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