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Archäologie: Sarkophage, Bier und Hundeplage

Das "Deutsche Haus" in Luxor ist seit seiner Gründung vor 100 Jahren Anlaufstelle von Ägyptologen und Archäologen aus Deutschland. Es hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich.

Wenn die Archäologen am frühen Nachmittag schwitzend und staubig von der Nekropole im oberägyptischen Dra Abu al-Naga ins Grabungshaus des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) kommen, herrscht reger Andrang in den kleinen Waschräumen. Anschließend versammeln sich die 15 Forscher und Studenten zum Mittagessen im kleinen Speisesaal. Klimaanlagen und anderen Komfort gibt es in dem einfachen Haus nicht, doch "wenn man das Haus hier in Luxor mit anderen Grabungshäusern vergleicht, dann ist das eine Fünf-Sterne-Hütte", schwärmt der Student Konstantin Lakomy aus Göttingen, "Einzelzimmer, fließendes Wasser und sogar das Essen ist gut."

Bohnenpüree und Pizza

Nur wenig wissen die meist jüngeren Forscher, die sich hier Bohnenpüree und Pizza auf die Teller schaufeln, dagegen über die wechselvolle Geschichte des "Deutschen Hauses in Theben", dessen 100-jähriges Bestehen Grabungsleiter Daniel Polz und einige befreundete Archäologen am Heiligen Abend mit einer kleinen privaten Feier und dann im Januar mit einem Fachkongress begehen wollen.

Aufschluss über das Ziel der Forscher-Schlafstätte zwischen Palmen und Wüstensand bietet das Gästebuch des Hauses, das der DAI-Gründer in Ägypten, Ludwig Borchardt, am 24. Dezember 1904 mit feierlichen Worten eröffnete: "Mit den vom Deutschen Kaiser Wilhelm II. bewilligten Mitteln auf einem von der Regierung des ägyptischen Vizekönigs Abbas II. überlassenen Grundstück errichtet, soll es deutschen Gelehrten und Künstlern die Möglichkeit gründlicher Arbeit und frischen Schaffens inmitten der ausgedehntesten und wichtigsten Felder der ägyptischen Altertumskunde geben und den gleichstrebenden Männern anderer Nationen zum selben Zwecke gastliche Aufnahme gewähren."

Geschichte voller Zerstörungen und Abrisse

Doch auch der offene Charakter des Hauses schützte das Gebäude vor dem Eingang zum Tal der Könige im Ersten Weltkrieg nicht vor Zerstörung. Die britische Armee riss das Haus ab. Erst am 1. April 1926 wurde es mit einem Neubau am gleichen Platz wieder eröffnet, nur um im Zweiten Weltkrieg erneut zerstört zu werden. Hanns Stock, Direktor des DAI in Kairo nach dem Krieg, schrieb: "Zum zweiten Mal schlossen sich (1939) die Tore des Deutschen Hauses bis zum 1. September 1958. Nur die Familie eines Beamten der ägyptischen Antikenverwaltung lebte darin."

Doch das Gästebuch erzählt auch von guten Zeiten. So verewigten sich DAI-Stipendiaten darin 1960 zum Ende ihres Studienaufenthalts mit einem Gedicht: "Götter, Gräber, Sarkophage, abends Bier und Hundeplage. Tempel, Wüste, Sonnenglut, Zuckerrohr und Hatschepsut. Fliegenwedel, Bakschischheischer, um dies alles sind wir reicher."

Am 28. Februar 1983 wurde das Haus dann erneut abgerissen, diesmal allerdings von den Eigentümern, die sich einen Ersatz für das baufällige Gebäude wünschten. Kurz nach der Wiedereröffnung 1984 trugen sich zwei Mitarbeiter des Bundesrechnungshofes in Frankfurt ins Gästebuch ein, die sich unter ägyptischer Sonne überzeugen konnten, dass beim Neubau keine Steuergelder verschwendet wurden.

Joschka Fischer bedankte sich für den "wunderbaren Kuchen"

Im Februar 1985 machte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker mit Ehefrau Marianne bei den Archäologen Station. Auch Johannes Rau und Gattin Christina wählten im Februar 2000 die kühle Jahreszeit für einen Besuch im DAI-Haus. Bundesaußenminister Joschka Fischer zog es während seiner kurzen Ehe mit Nicola Leske ebenfalls zum Bildungsurlaub nach Oberägypten. Nach einer sachkundigen Führung bedankte er sich im Juni 2000 schriftlich für den vom ägyptischen Koch des Hauses selbst gebackenen "wunderbaren Kuchen".

Dass das DAI-Haus auch 100 Jahre nach seiner Gründung noch eine Existenzberechtigung hat, konnten Polz und sein Team erst vor einigen Wochen wieder beweisen, als sie ein Grab mit einem 3600 Jahre alten hervorragend erhaltenen Sarkophag entdeckten.

Von Anne-Beatrice Clasmann, DPA