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Asbest: Die Zeitbombe tickt weiter

Der Palast der Republik in Berlin steht vor dem Abriss - und damit Deutschlands wohl prominentestes Beispiel für Asbestsanierung. Doch auch ein europaweites Asbest-Verbot konnte die Krebs erregenden Fasern nicht bannen.

Die Gefahr durch Asbest sei auch heute noch kaum abzuschätzen, warnen Berufsgenossenschaften. "Es gibt im Jahr mehr Tote durch Asbest bei Berufserkrankungen als tödliche Arbeitsunfälle", sagt der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der gewerblichen Berufsgenossenschaften, Joachim Breuer.

Vom Wundermittel zur Zeitbombe

Der Name Asbest stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie unvergänglich. Bis in die 70er Jahre galt das Material als Wundermittel für die Bauindustrie - und fand etwa als Dämmstoff, Feuerschutz oder in Autobremsen Anwendung. Vor 30 Jahren erreichte die Asbestproduktion weltweit ihren Höhepunkt.

Seit 1993 ist Asbest in Deutschland verboten - es darf nicht verarbeitet oder in den Verkehr gebracht werden. Seit Anfang 2005 gilt auch ein europaweites Verbot. "Doch damit ist die Gefahr nicht vorbei: Es wird weiter produziert und verarbeitet", sagt Breuer. Europäische Konzerne hätten die Produktion aus Europa zum Beispiel nach Afrika und Südamerika verlagert. Dabei gibt es heute ungefährlichen Ersatz.

Tödliche Gefahr in Wänden und Fußboden

Vor allem in älteren Häusern können noch Gefahren lauern. "Es sind noch große Mengen Asbest vorhanden", sagt Karl-Heinz Jürgens, Vorstandsmitglied des Fachverbands Schadstoffsanierung in Berlin. Asbest findet sich zum Beispiel in Dachplatten und Fassadenelementen, Brandschutzplatten und -spritzmassen, Kabel- und Lüftungskanälen, Fußbodenbelägen - etwa in so genannten Flexplatten, aber auch in elektrischen Nachtspeicherheizöfen, Heizungsanlagen, Dichtungen und Dehnungsfugen. "Bei Bauteilen dieser Art, die bis Ende der 80er Jahre eingebaut worden sind, ist zunächst von dem Verdacht auszugehen, dass Asbest enthalten ist", sagt Verbandsgeschäftsführerin Elisabeth Gulich.

Ein Brocken kann ein ganzes Haus kontaminieren

Ein Brocken Asbest in einem normalen Haushaltsstaubsauger - etwa beim Versuch, das Material unfachmännisch zu entsorgen - kann nach Expertenangaben ein mehrstöckiges Gebäude kontaminieren. Asbest kann sich auch in Backöfen, Boilern, Bügeleisen, Küchenherden und Kühlschränken finden. In Zweifelsfällen bringt eine Laboruntersuchung Klarheit.

Viele öffentliche Gebäude - auch Schulen und Kindergärten - waren mit Asbest belastet oder können es möglicherweise noch sein. Ende der 1970er Jahre setzte die Sanierung ein. Innerhalb einer Analyse des Bau- und Liegenschaftsbetriebs Nordrhein-Westfalen 2003 und 2004 wurden knapp 1300 öffentliche Gebäude untersucht und in rund 560 davon Schadstoffe entdeckt. Knapp drei Viertel der Fundstellen bezogen sich auf Glas- oder Steinwolle sowie Asbest.

Die Fasern verursachen Lungenkrebs und Brustfelltumore

Unbestritten ist, dass Asbest Krebs hervorruft. Als Berufskrankheiten gelten die Asbestose - Staublunge durch Asbest - sowie asbestverursachter Lungenkrebs und das so genannte Mesotheliom, ein Tumor. Diese Krankheiten verlaufen meist tödlich. Für Deutschland wird wegen der langen Inkubationszeit von zehn bis sechzig Jahren der Höhepunkt der Erkrankungen zwischen 2010 und 2020 erwartet - dann wird mit bis zu 110.000 Fällen gerechnet.

Das Brustfell-Mesotheliom gilt als einer der bösartigsten Tumore, wie der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, erläutert Prof. Helmut Teschler von der Ruhrlandklinik Essen. "Wir registrieren gegenwärtig eine Zunahme der gemeldeten Fallzahlen um etwa 200 pro Jahr." Eine Asbeststaublunge macht sich in der Regel erst nach Jahrzehnten bemerkbar. Als Spätfolgen der Asbestbelastung entsteht nicht selten Krebs.

Die Krankheiten sind nicht nur für die betroffenen Patienten eine Katastrophe, sondern auch für Berufsgenossenschaften ein millionenschweres Risiko. "Die Kosten, die die Berufsgenossenschaften aufwenden, betragen rund 300 Millionen Euro im Jahr", sagt der Hauptgeschäftsführer. Die Kosten im Rentenfall liegen je nach Schwere der Krankheit für einen Patienten zwischen 100.000 und 240.000 Euro, im Durchschnitt 13 Jahre lang. Die Altersrente wird allerdings mit angerechnet.

Marc-Oliver von Riegen/DPA / DPA